Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1293.

Jasnaja Poljana – Isartorplatz

In München wird Leo Tolstois tätig gedacht: im Tolstoi Hilfs- und Kulturwerk und der gleichnamigen russischen Bibliothek

Eine feine Andresse: München, Thierschstraße 11. Gleich zweimal ist der Name des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi zu finden. Im fünften Stock des gepflegten Altbaus Nähe Isartorplatz befinden sich die Büroräume des „Tolstoi Hilfs- und Kulturwerks e.V.“. Drei Stockwerke tiefer liegt die „Tolstoi-Bibliothek“. Seit 1963 wird sie vom Kulturwerk getragen. Deutschkurse für russische Senioren, Konzerte, Vorträge, Theateraufführungen gibt es hier. Und 45000 Bücher. In russischer Sprache und lesenswert alle, wertvoll die meisten, einige davon Erstausgaben. Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“ ist darunter. Pasternaks Vater zeichnete Leo Tolstoi ein Jahr vor dessen Tod. Eine Lithographie des 100 Jahre alten Originals hängt gerahmt im kleinen Empfangsbereich mit hohen Regalen, russischen Zeitungen auf Lesetischchen und Vitrinen. Sie bergen kostbare Ausgaben. Ein Buch fällt auf:  P. N. Polevojs „Geschichte des russischen Schrifttums“, St.  Petersburg 1900. Ausgefaltet das Faksimile eines handschriftlichen Briefes Zar Peters des Großen von 1694.

1949 erfolgte die Gründung der „Tolstoi-Bibliothek“. Die amerikanische „Tolstoy Foundation“ unterstützte sie. Alexandra Tolstoy, jüngste Tochter Leo Tolstois (1828–1910), seit 1901 Sekretärin des Vaters, dann Nachlaßverwalterin, hatte die „Foundation“ 1939 mit Tatiana Schaufuß in den USA ins Leben gerufen. Ziel: Flüchtlingshilfe, daneben: Verbreitung der russischen Sprache, Geschichte und Kultur. Die Münchner Filiale entstand 1956 als rechtlich eigenständige Organisation. 1972 erhielt sie den Namen „Tolstoi Hilfs- und Kulturwerk“.

Die jetzt 91jährige Margarethe Gabriel, seit 1982 in München ansässig, wo sie bereits von 1948 bis 1957 lebte, wurde 2006 als dienstälteste Mitarbeiterin der zur Bibliothek gehörenden russischen Sozialberatung mit einer Ehrenurkunde beglückt. Ihr kleines Büro im fünften Stock schmücken zwei von ihr gehegte Fotos mit Alexandra und Leo Tolstoi. „Alexandra legte keinen Wert auf den Adelstitel“, sagt Margarethe Gabriel. Sie weiß manches zu erzählen  über ihre Begegnungen und die Zusammenarbeit mit Alexandra Tolstoy in New York, sie war zu  ihrer Beerdigung 1979 auf dem Klosterfriedhof von Spring Valley. Alexandra starb mit 95.

Der Bibliothek überließ Margarethe Gabriel zum 50jährigen Bestehen das wohl letzte offizielle Porträt Leo Tolstois. In diesem Jahr steht dessen 100. Todestag im Kalender. Wichtiges Datum für Geschäftsführerin Tatjana Erschow, die seit zehn Jahren im Amt ist. Sie hat Zukunftssorgen. Das Geld – der Bund gibt 250 000 Euro, 80 Prozent ihres Haushalts – reicht hinten und vorn nicht. 20 Prozent kommen durch Spenden ein, von Mitgliedern, Förderern, Bibliotheksbenutzern. (Die „Tolstoi-Bibliothek“ ist sowohl Präsenz- als auch Leihbücherei.) „Früher bekam ich leicht mal 10000 Mark nach einem guten Gespräch über meine Situation und Institution. Die halten viele, die ich anspreche, für wichtig. Nicht nur für interessant. Heute muss ich froh sein, von Weltfirmen mal drei- oder  fünfhundert Euro zu kriegen.“

Die Sozialberatung hat Schul-, Rückkehr- und Familienprobleme von eingewanderten Russen zu lösen. Auch von Zuwanderern.  „Wir sind ein Zuwanderungsland“, konstatiert Tatjana Erschow, studierte Slawistin und Komparatistin, Vater Russe, Mutter Deutsche. Sie glüht für ihr Aufgabenfeld. Ist freundlich und hilfsbereit wie ihre drei Mitarbeiterinnen. Und stolz auf einen russisch gesprochenen Dokumentationsfilm, gepuzzelt aus Archivaufnahmen zu Tolstois Leben und Tod. 1998 schuf ihn der Regisseur Wladimir Makedonsky, den Tolstois Verwandte berieten. Vor sechs Jahren starb Makedonsky in München. Seine Witwe überließ den Schwarzweiß-Streifen von 60 Minuten Länge der „Tolstoi-Bibliothek“. Ob sie ihn  synchronisieren oder mit Untertiteln versehen läßt? Erschow zuckt mit den Schultern. Was eher nein bedeutet als ja. Aber zum Tolstoi-Gedenkjahr 2010 werde sie ihn doch groß herausbringen, nicht wahr? „Mal sehen!“

Hans Gärtner (KK)

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