Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1237.

Joseph von Eichendorff, Adel in Böhmen, Rupert Neudeck

Die Leipziger Buchmesse ist lebendiger denn je und offen für Themen, die in diesen Breiten lange keine waren

Es ist ein glücklicher Umstand, daß die vom Bund der Vertriebenen erarbeitete Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“, die am 1. Dezember 2006 im Zeitgeschichtlichen Forum in der Leipziger Innenstadt eröffnet wurde, dort noch bis 22. April zu sehen war. So war es nicht nur den Messebesuchern möglich, sich über ein Thema zu informieren, das auch 62 Jahre nach Kriegsende noch höchst aktuell ist, dort konnte auch, veranstaltet vom Zeitgeschichtlichen Forum, vom Kölner Deutschlandfunk und von der „Leipziger Volkszeitung“, am 21. März eine Podiumsdiskussion stattfinden, an der neben Erika Steinbach, der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen in Bonn, auch Thomas Urban, der Warschauer Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ und Autor des Buches „Der Verlust. Die Vertreibung der Deutschen und der Polen im 20. Jahrhundert“ (2004), Manfred Kittel vom Institut für Zeitgeschichte in Berlin und München und schließlich Micha Brumlik, Pädagogikprofessor in Frankfurt am Main und Autor des Buches „Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen“ (2005) teilnahmen. Wie virulent das Thema auch heute noch ist, zeigte nicht nur, wie die „Leipziger Volkszeitung“ am 23. März berichtete, daß der Saal mit 200 Zuhörern überfüllt war und draußen auf der Grimmaischen Straße sich noch Dutzende von Besuchern um Einlaß bemühten, sondern daß auch eine wirre Gruppe „Leipziger Linksautonomer“ die Bühne im Saal für irgendeine Protestaktion besetzte, ohne freilich den Fortgang des Diskussion stören zu können. Besonders aufwühlend waren, nach Beendigung des offiziellen Teiles dieser neuen Veranstaltungsreihe „Politik und Zeitgeschichte im Gespräch“, die Zeugenaussagen und Beiträge aus dem Publikum, wobei auffiel, daß Armin Görtz, der Berichterstatter der „Leipziger Volkszeitung“, offensichtlich noch nie von der schlesischen Stadt Schweidnitz gehört hatte. Man kann ihm und dem mitteldeutschen Publikum im Saal immerhin zugute halten, daß im SED-Staat 1949/89 historisches Wissen über die deutschen Ostgebiete nur sehr begrenzt vermittelt wurde und die Betroffenen, die Flüchtlinge und Vertriebenen, so Erika Steinbach, nicht einmal „Not- und Trostgemeinschaften“ bilden durften.

Wer danach die Messehallen in Leipzig-Wiederitzsch besuchte, war denn auch überrascht, wie stark bei west- und mitteldeutschen Verlagen, zunehmend auch bei polnischen und tschechischen, das ostdeutsche Literaturerbe vertreten war. Man sollte mit dem Oberschlesier Joseph von Eichendorff beginnen, dessen 150. Todestags am 26. November zu gedenken ist. Er wurde auf dem Schloß seiner Eltern in Lubowitz bei Ratibor geboren, war preußischer Beamter und hat den Deutschen zwei inzwischen fast vergessene Romane, „Das Marmorbild“ und „Aus dem Leben eines Taugenichts“, geschenkt, aber auch unvergeßliche Gedichte wie „Mondnacht“. Der Deutsche Klassiker-Verlag  in Frankfurt am Main veröffentlichte zum Gedenkjahr zwei Bände mit sämtlichen Erzählungen unter den Titeln „Ahnung und Gegenwart“ und „Dichter und ihre Gesellen“ in einer Taschenbuch-Ausgabe.

An den 100. Geburtstag am 25. Juni und den zehnten Todestag am 15. März des in Greifswald geborenen Pommern Wolfgang Koeppen, der nach 1912 mit seiner Mutter auch einige Jahre im ostpreußischen Ortelsburg gelebt hat, nach 1933 ins Exil gegangen und 1939 zurückgekehrt ist und von 1943 bis zu seinem Tod 1996 in München gewohnt hat, wurde 2006 mit einer 14bändigen Werkausgabe der Romane, Reiseberichte, Drehbücher, Interviews und autobiographischen Texte erinnert, die aber erst 2011 abgeschlossen vorliegen wird und von der 2007 der frühe Roman „Eine unglückliche Liebe“ von 1934 erschienen ist. Auf dem Markt ist aber auch noch der Briefwechsel mit seinem Verleger Siegfried Unseld (2006).

Anderswo, auch im Ausland, wird die Bewahrung und Erforschung der Geschichte Ostdeutschlands durchaus als eigenständiger Wert begriffen. So gibt es beim Georg Olms Verlag in Hildesheim vier gewichtige Werke aus früheren Jahrhunderten, deren Nachdrucke Eberhard Günter Schulz im Auftrag der Bonner Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, deren Präsident er seit 1999 ist, herausgegeben hat: die beiden Bände des schlesischen Landeshistorikers Colmar Grünhagen (1828–1911), „Schlesien unter Friedrich dem Großen“ (Breslau 1890/92), die beiden Bände des Ostpreußen Christoph Hartknoch (1644–1687), „Alt- und Neues Preussen oder Preussischer Historien zwei Theile“ (Frankfurt und Leipzig 1684), und der Band von Caspar Schütz, „Historia rerum Prussicarum“ (Zerbst 1592). Hinzu kommen „Schlesiens deutsche Märchen“, ediert von Will-Erich Peuckert. Die Reihe wird fortgesetzt.

Eigens zum 60. Jahrestag der Auflösung Preußens am 25. Februar 1947 wurde das in der Deutschen Verlagsanstalt in München erschienene Buch „Preußen. Aufstieg und Niedergang. 1600–1947“ geschrieben, auf dessen Einband leider Wilhelm II. und nicht Friedrich der Große zu sehen ist. Verfasser ist der Engländer Christopher Clark, Professor für Neuere Europäische Geschichte in Cambridge, dessen Buch der Verlag ein „Meisterwerk angelsächsischer Geschichtsschreibung“ nennt. Im gleichen Verlag hat auch die englische Journalistin Patricia Clough ein Buch über Preußen veröffentlicht: „Aachen – Berlin – Königsberg. Eine Zeitreise entlang der alten Reichsstraße 1“ (2007), die einst durch fünf preußische Provinzen führte. Die Auflösung des Staates Preußen 1947 durch die Besatzungsmächte war für die Bonner Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen auch Anlaß für eine gut besuchte Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse, die von dem Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll als Moderator und drei weiteren Teilnehmern bestritten wurde.

Was für die Erforschung der Landesgeschichte Preußens gilt, gilt auch für die Habsburger Monarchie bis 1918. So erschien im Kölner Böhlau-Verlag ein Buch des tschechischen Journalisten Vladimir Volýpka (1932), „Böhmischer Adel. Familiengeschichten“, was auch deshalb von Bedeutung ist, weil es zwischen böhmischem und deutschem Adel oft Querverbindungen durch Einheiraten gab. Im gleichen Verlag erschien ein Reiseführer Kurt Scharrs für „Die Bukowina. Erkundungen einer Kulturlandschaft“, aus deren Hauptstadt Czernowitz, der einst östlichsten Universitätsstadt im deutschen Sprachraum, der weltbekannte Lyriker Paul Celan stammt.

Die Abtrennung Ostdeutschlands vom übrigen Reichsgebiet und das Einströmen von vier Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen nach Mitteldeutschland ist aber auch Teil der DDR-Geschichte. So hat der Magdeburger Historiker Manfred Wille (1934), der schon im April 1990 und dann im September 1995 zu zwei großen Tagungen zum Thema in die altehrwürdige Universitätsstadt Magdeburg eingeladen hatte, im thüringischen Und-Verlag, Stadtroda, das Buch „Gehaßt und umsorgt. Aufnahme und Eingliederung der Vertriebenen in Thüringen“ veröffentlicht, worin er, nach einer Einführung ins Thema, den Lesern auch 77 Dokumente anbietet, die einen einzigartigen Einblick gewähren in die Situation und die Atmosphäre der Nachkriegsjahre. Ähnliches versucht Ines Keller mit einem Sonderheft der seit 1952 erscheinenden Zeitschrift „Letopis“, die der „sorbischen Sprache, Geschichte und Kultur“ gewidmet ist. Das bereits 2005 erschienene Heft mit dem Titel „Ich bin jetzt hier und das ist gut so“ basiert auf Interviews über die „Lebenswelt von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Lausitz“.

Von besonderem Wert sind beim Thema Ostdeutschland seit 1945 die Autobiographien und Aufzeichnungen. Im Kölner Verlag Kiepenheuer und Witsch hat der 1939 geborene Danziger Rupert Neudeck seine Lebenserinnerungen „Abenteuer Menschlichkeit“ veröffentlicht. Dieser für seine humanitären Einsätze bekannte Mann, auf den seine Danziger Landsleute stolz sein können, wäre mit dem Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 untergegangen, wenn er, seine Mutter und seine Geschwister die Abfahrt nicht verpaßt hätten. Das war dann wohl auch eins seiner Motive, seit 1979 mit dem Schiff „Cap Anamur“ vertriebene Menschen aus Seenot zu retten.

Die 1914 in Gablonz an der Neiße geborene Sudetendeutsche Lisl Urban, deren Vorfahren die Gablonzer Glasschmuckindustrie mitbegründet haben, wohnt heute als pensionierte Lehrerin  in Woltersdorf bei Berlin. Nach leidvollen Erfahrungen in der alten Heimat und nach der Austreibung hat sie unter dem Titel „Ein ganz gewöhnliches Leben“ einen autobiographischen Roman geschrieben, von dem 2006/07 zwei Teile im Querfurter Dingsda-Verlag erschienen sind, der dritte folgt 2008. Im gleichen Verlag veröffentlichte auch der in Dresden wohnende Schlesier Rudolf Scholz, geboren 1939, der 1995 mit seinem Roman „Die Schwalben der Kindheit“ (über Plagwitz im Kreis Löwenberg) bekannt wurde, sein neues Buch „Ein wunderbar verstimmtes Klavier“. Hildegard Rauschenbach, die 1945 aus Ostpreußen in den Ural verschleppte Bauerntochter, hat im Westkreuz-Verlag, Bonn–Berlin, unter dem Titel „Vergeben ja, vergessen nie“ eine erweiterte Fassung ihres Lagerberichts „Von Pillkallen nach Schadrinsk“ veröffentlicht. Diesen Nachkriegsjahren ist auch das Buch „Frauen in Königsberg 1945–1948“ von Erna Ewert, Marga Pollmann und Hannelore Müller gewidmet, das 2006 im Verlag der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen erschienen ist.

Von herausragender Bedeutung aber ist das Tagebuch der Jahre 1933 bis 1941 des Breslauer Juden Willy Cohn, bearbeitet und in zwei Bänden (1646 Seiten) ediert von Norbert Conrads, dem 1938 in Breslau geborenen Professor für schlesische Geschichte. Die beiden Bände tragen den Titel „Kein Recht, nirgends“ und bieten in bedrückenden Aufzeichnungen die Verfolgungsgeschichte schlesischer Juden bis zur Verschleppung nach Litauen 1941 und der Ermordung durch ihre deutschen Landsleute. Mit der Edition dieses Buches hat Norbert Conrads seinem engeren Landsmann Willy Cohn (1888–1941), der Gymnasialprofessor in Breslau war, nach 65 Jahren ein würdiges Denkmal gesetzt!

Autobiographien, die Flucht und Vertreibung einschließen, werden seltener, je weiter die Zeit voranschreitet und die Erlebnisgeneration abtritt. Die ehemalige Lehrerin Monika Taubitz, die seit 1965 in Meersburg am Bodensee lebt und schreibt, ist 1937 in Breslau geboren und in der Grafschaft Glatz aufgewachsen, von wo sie mit ihrer Mutter 1946 nach Nordenham in Niedersachsen vertrieben wurde. Sie hat also die Eindrücke, aus denen ihr erstes Buch „Durch Lücken im Zaun. Eine Kindheit zwischen 1944 und 1946“ (1977) entstand, als schlesisches Flüchtlingskind erfahren. Für diesen frühen autobiographisch gefärbten Text, der 2006 in Breslau auch in polnischer Übersetzung erschien, wurde sie 1978 mit dem Eichendorff-Preis in Wangen im Allgäu ausgezeichnet. Mit ihrem neuen Roman „Abstellgleis“, der 2007 im Dresdner Neisse-Verlag veröffentlicht wurde, wechselt sie vom Autobiographischen zur literarischen Fiktion und schildert die letzten Tage einer aus Schlesien vertriebenen Frau in einem westdeutschen Alten- und Pflegeheim.

Erinnerungen an die „letzten Tage Gerhart Hauptmanns“ (Untertitel) hat sein langjähriger Freund und Mitarbeiter Gerhart Pohl aufgeschrieben und 1953 unter dem Titel „Bin ich noch in meinem Haus“ veröffentlicht. Diese wichtigen Aufzeichnungen über den schlesischen Nationaldichter, die der aus Schlesien stammende und im thüringischen Jena lebende Literaturkritiker Günter Gerstmann in der Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek in Herne 2006 noch einmal edierte, sind 2007 von Tatjana Dattschenko auch ins Russische übersetzt worden. Der einstige DDR-Schriftsteller Harry Thürk (1927–2007), geboren im oberschlesischen Zülz, hat sich erst nach dem Untergang des SED-Staats mit seinem Roman „Sommer der toten Träume“ (1993) zur alten Heimat bekannt, wofür er 1995 mit dem Literaturpreis des Landesverbands Thüringen des Bundes der Vertriebenen ausgezeichnet wurde. Jetzt hat der Mitteldeutsche Verlag in Halle, wo alle seine Romane, Erzählungen und Reportagen erschienen sind, einen Band „Harry Thürk. Ein Erzähler im Spiegel seiner Zeit“ vorgelegt, der deshalb so nützlich ist, weil der Autor 1957 mit seinem glänzend geschriebenen Kriegsroman „Die Stunde der toten Augen“ berühmt wurde.

An dieser Stelle sind auch zwei Schlesier zu nennen, die sich um die Literatur Ostdeutschlands in besonderer Weise verdient gemacht haben: Eberhard Günter Schulz aus Neusalz an der Oder veröffentlichte unter dem Titel „Leuchtendes Schlesien“ seine gesammelten „Betrachtungen zu Ereignissen und Persönlichkeiten“ im Freiburger Bergstadt-Verlag Wilhelm Gottlieb Korn, der 1732 in Breslau gegründet worden war; Louis Ferdinand Helbig aus Liegnitz ist eine nachträgliche Festschrift „Zwischen Verlust und Fülle“ zum 70. Geburtstag im Dresdner Neisse-Verlag gewidmet, die 26 Aufsätze versammelt, darunter Beiträge von Klaus Hildebrandt, Nürnberg, über den schlesischen Schriftsteller Horst Lange und von Wolfgang Bittner, Köln, über die Nachkriegsjahre als Flüchtlingskind, „Aufgewachsen in Ostfriesland“. Louis F. Helbig hat sich in besonderer Weise verdient gemacht durch das umfassende Werk „Der ungeheure Verlust“ über die deutschsprachige Literatur zum Thema Flucht und Vertreibung, ein zu wenig bekanntes Standardwerk. In dieser Literatur werden der Schmerz und die Trauer lebendig über den jähen Heimatverlust, den die Betroffenen bis zu ihrem Lebensende nicht bewältigen können. Jetzt, wo die dritte Nachkriegsgeneration das Studium aufnimmt, darf man hoffen, daß jüngere, von Krieg und Nachkriegszeit nicht mehr biographisch belastete Wissenschaftler den Mut finden, sich diesem Jahrhundertthema zu stellen.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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