Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1267.

Jüdisch, deutsch, österreichisch

Bei einer literarischen Spurensuche in der Ukraine zeigt sich, was das alles einmal gewesen sein mag, vor allem aber, was nicht mehr ist

Als die UEFA die Fußballeuropameisterschaften 2012 an Polen und die Ukraine vergab, war das Erstaunen groß. Polen und Ukraine? Aus der Geschichte sind nicht gerade Flötentöne zu dem Verhältnis der beiden Länder zueinander bekannt. Und dann auch noch der Unterschied: Polen ist in der EU, hat seit dem Beitritt einen beachtlichen Aufschwung genommen. Aber die Ukraine?

Ohne Zweifel hat sich ökonomisch auch dort einiges getan seit dem Fall des Eisernen Vorhangs, vor allem seit der Orangenen Revolution. Doch seit nun die UEFA darüber nachdenkt, der Ukraine ihren Anteil an der Meisterschaft wegzunehmen wegen vermutlich nicht einzuhaltender Termine, ist das Land wieder in der Diskussion. Vorzeitige Neuwahlen regen schon niemanden mehr auf. Doch wie sieht es in diesem Land aus? Wie lebt es sich dort?

Meine Eindrücke stammen aus einer Zeit, in der von einer großen, weltumspannenden Finanzkrise noch nicht die Rede war. Zudem bereiste ich nur den Westteil. Von Lemberg aus unternahm ich Abstecher nach Drohobycz und Stryj sowie nach Brody und Potschajiw. Bis auf Potschajiw sind die genannten Orte interessierten Lesern bekannt. Aus Drohobycz stammt Bruno Schulz, aus Stryj Adam Zielinski und aus Brody Joseph Roth. Als Autor einer Biographie Adam Zielinskis begab ich mich auf seine Spuren, denn er ist in Drohobyzc geboren, in Stryj aufgewachsen. Im September 1941 wurde sein Vater von den Deutschen ermordet, seine Mutter erlitt dieses Schicksal Anfang 1943, er überlebte im Lemberger Untergrund. Es wurde also eine jüdische Spurensuche in der Ukraine.

Um es vorwegzunehmen: Es ist deprimierend. Das Leiden der jüdischen Bevölkerung während das Zweiten Weltkrieges in Ostgalizien, das in der Ausdehnung in etwa der Westukraine entspricht, wird wenig bis gar nicht wahrgenommen. „Der vergessene Holocaust“ ist in Westeuropa ein Begriff, in der Ukraine ist er zu besichtigen. Boris Dorfmann wies z.B. beim Rundgang durch das jüdische Lemberg immer wieder auf zweisprachige Gedenktafeln für Synagogen hin, in denen im ukrainischen Teil jeder Hinweis auf Jüdisches ausgemeißelt, ausgekratzt oder sogar ausgeschossen wurde. Auch die Tatsache, daß das für Lemberg zentrale Mahnmal am ehemaligen Eingang des Ghettos in der Janowska-Straße erst 1992 eingeweiht wurde, spricht für sich. Immerhin wurden ca. 500000 Juden in Ostgalizien von Deutschen ermordet, Polen und Ukrainer halfen. Kein Wunder also, daß nicht nur in Lemberg, sondern auch in den Städten der Umgebung die Synagogen sich, wenn es sie noch gibt, im letzten Stadium des Zerfalls befinden.

Dafür feiert das Land seine Helden. Auf der Fahrt von Lemberg nach Kiew wird man überrascht von dem ragenden Standbild eines fliegenden Reiters. Man kann der technischen Leistung, ein derart überkragendes Denkmal im Boden zu verankern, nicht den Beifall versagen. Doch wenn man wie ich nicht darauf gefaßt ist, erschrickt man schon mal. Hier handelt es sich um ein Denkmal des militärisch wenig erfolgreichen Reitergenerals Budjonny, 1941 Oberbefehlshaber der sowjetischen Südwestfront in der Ukraine. Mit Boliden dieser Art ist das Land gepflastert. Häufig sind es „Helden“, die auf seiten der Deutschen gegen die Sowjetunion gekämpft und bei der Judenvernichtung nicht nur assistiert haben. Mit dergleichen Denkmälern wird eine ukrainische Identität gepflegt, die dem Alltag nicht standhält. Die Diskrepanz zwischen großen, schweren, dunklen, allradgetriebenen, die Gehsteige versperrenden Autos westlicher Provenienz einerseits und den Lebenshaltungskosten in Relation zum Durchschnittseinkommen andererseits ist gewaltig. Volle Schaufenster, lebhaftes Treiben auf den Straßen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß es der Mehrzahl der Ukrainer schwerfällt, den Verlockungen des Marktes etwas abzugewinnen.

Lemberg als westlichste Stadt der Ukraine macht es dem Besucher leicht. Vom Café Wien aus kann man das Treiben auf dem Svoboda-Prospekt beobachten und entdeckt keinen Unterschied zum Westen. Die Stadt hat sich hier herausgeputzt. Das Schewtschenko-Denkmal beherrscht am einen, die Oper am anderen Ende den Prospekt. Unter dem Denkmal treffen sich abends Menschen, die zusammen singen, oder andere, die Feuerschwingern und –schluckern zuschauen. Auf den Bänken zwischen Denkmal und Oper sitzen Schachspieler, Kartenspieler. Schaut man genau hin, entdeckt man viele Plastiktüten und Flaschen. Für Kinder werden kleine Elektrofahrzeuge angeboten, vor der Oper wurde vor kurzem ein Brunnen gebaut. Großstadtleben.

Unter den Lokalen ragt eines heraus, weil es einem Schriftsteller der k. u. k. Monarchie gewidmet ist, dem auch heute noch und nicht nur dort ein Hauch von Verruchtheit anhängt: Leopold von Sacher-Masoch. 1836 als Sohn des Polizeidirektors in Lemberg geboren, erlangte er zweifelhafte Berühmtheit, als der Psychiater Krafft-Ebing 1886 bestimmte Verhaltensweisen unter dem Begriff Masochismus zusammenfaßte, wozu sich der Arzt wohl berechtigt fühlte aufgrund der Tatsache, daß Sacher-Masoch in einigen seiner Bücher das Triebleben seiner Mitmenschen beschrieben hatte. Vor dem Café steht eine halbhohe Statue von Sacher-Masoch mit wehenden Rockschößen. Im jugendlichen Habitus an die Zeit erinnernd, in der er gelebt hat, wird er spekulativ vermarktet. Im Kropf ist ein Medaillon eingelassen, das eine barbusige Schönheit damaliger Zeit zeigt. Seine linke Hosentasche ist weit geöffnet, die Ränder wirken wie poliert. Wer hineinfaßt, hat die Nachbildung eines männlichen Gliedes in der Hand. 

Mit derlei Sensationen können Städte wie Drohobycz oder Stryj nicht aufwarten. In Drohobycz könnte man sich eher erregen, weil das Andenken an Bruno Schulz regelrecht mit Füßen getreten wird. Sein Elternhaus steht nicht mehr, die Villa Landau, die er für den gleichnamigen SS-Schergen ausmalen mußte, ist in erbarmungswürdigem Zustand. An der Stelle, an der er ermordet wurde, stand bis zum Mai dieses Jahres eine Gedenktafel. Bisher wurde sie nicht erneuert. Die Synagoge von Drohobycz, eine der größten Osteuropas, müßte wegen Einsturzgefahr weiträumig abgesperrt werden.

Nicht anders sieht es in Stryj oder Brody aus. In Stryj hat anscheinend das Vorbild Adam Zielinskis weitergewirkt. Er hatte 2001 gemeinsam mit Freunden durchgesetzt, daß er im Wald von Holobutów, in dem sich Massengräber mit vermutlich 15000 ermordeten Juden befinden, unter ihnen sein Vater, einen Gedenkstein errichten durfte. Mittlerweile steht neben diesem Stein ein offizielles Denkmal der Stadt. In der Stadt selbst gibt es mittlerweile im ehemaligen Gefängnis ein Museum, das an die Zeit der deutschen Besatzung erinnert. Auf dem Gefängnishof steht ein Kreuz. Entstanden ist eine würdige Gedenkstätte.

In Brody wiederum ist der jüdische Friedhof mittlerweile renoviert. Eine Freundin, die 1994 auf den Spuren von Joseph Roth dort war, zeigte sich überrascht. Sie hatte den Friedhof noch in anderer Erinnerung. Dafür war sie seinerzeit Zeugin, als an seiner Schule die Gedächtnistafel der Österreichischen Gesellschaft für Literatur für Joseph Roth angebracht wurde. Es gibt dann noch einen Gedenkstein vor dieser Schule, den sich Joseph Roth freilich mit vier anderen, anscheinend berühmteren Bürgern aus Brody teilen muß. Wie im Fall von Bruno Schulz bleibt festzuhalten, Joseph Roth war Österreicher. Kommt erschwerend hinzu, daß sie Juden waren. Um so erfreulicher, daß sich der Friedhof in einem solch erstaunlichen Zustand  befindet. Alle Steine sind aufgerichtet worden, einige sind sogar sandgestrahlt, das Gelände ist gepflegt. Die größtenteils übermannshohen Stelen beeindrucken mich sehr. Erst hier habe ich Peter Eisenmanns Idee für das Denkmal in Berlin verstanden.

Fazit: Der Lebensstil in der Ukraine nähert sich immer mehr westlichen Vorbildern an. Wer will es den Menschen verdenken. Westliche Nostalgiker bedauern gern, daß der Charme des Schtetls bzw. dessen, was man heute davon noch ahnen kann, verlorengeht. Aber das ist der Punkt: Dieser Charme, wenn denn die Lebensumstände in einem Schtetl überhaupt Charme hatten, war es doch wohl eher pure Rückständigkeit, wurde ab 1918 allmählich, aber sicher durch die gesellschaftliche und technische Entwicklung beseitigt. Und wo soll in einem Land ohne Juden, in dem aber ehedem ca. 500000 Juden lebten, überhaupt eine Ahnung aufkommen, was jüdisches Leben bedeutet. Der Rundgang mit Boris Dorfmann durch Lemberg hat gezeigt, daß hier wohl noch Juden leben, in Erscheinung treten aber sollten sie tunlichst nicht. Das Grundstück, auf dem die Ruine der Synagoge zur „Goldenen Rose“ steht, ist aus gutem Grund eingezäunt. Im Durchgang zu diesem Grundstück befindet sich ein sehr enger Raum, der als Synagoge genutzt wird. Selbstbewußtes Auftreten sieht anders aus.

Boris Dorfmann konstatiert eine Überalterung der Jüdischen Gemeinde, er selbst ist siebzig Jahre alt. Er beklagt, daß die jüdischen Kinder auch in andere Religionsgemeinschaften heiraten – es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die Jüdische Gemeinde nicht mehr existiert. Die Ukrainer auf dem Svoboda-Prospekt interessiert das nicht. Ihr Leben ist schwer genug. Und eine Fußballeuropameisterschaft ist eben wichtiger.

Ulrich Schmidt (KK)

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