Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1280.

Junge Germanistik als späte Gerechtigkeit

Der Klausenburger Kongreß der rumänischen Germanisten gerät zur vielfältigen Schau verflossener Vielfalt

Die rumänische Germanistik war schon vor der Wende in Osteuropa führend und ist es bis heute geblieben. Ein lebendiges Beispiel dafür bieten auch die Jubiläumsveranstaltungen, gewidmet 20 Jahren deutsch-rumänischer kultureller Zusammenarbeit. Im Auditorium Maximum der Klausenburger Babes-Bolyai-Universität fand ein Festakt statt. Hinzu kam die Würdigung des 15jährigen Bestehens des Klausenburger deutschen Kulturzentrums (maßgeblich vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland, dem Goethe-Institut und der Robert Bosch Stiftung getragen) und die Feier anläßlich des fünfjährigen Bestehens einer Stiftungsprofessur der Bundesrepublik Deutschland für deutsche Literatur im südöstlichen Mitteleuropa (ebenfalls von der Robert Bosch Stiftung gefördert).

Wissenschaftlicher Kern der Veranstaltung war jedoch die nunmehr achte Ausgabe des Germanistenkongresses mit einer erstaunlichen Bandbreite der Angebote in Sektionen und sogar Untersektionen.

In Rumänien hat sich bekanntlich nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge einer relativ liberalen Minderheitenpolitik aus den literarischen Traditionen der Siebenbürger Sachsen, der Banater Schwaben und anderer deutschsprachiger Volksgruppen eine sogenannte fünfte deutsche Literatur entwickelt, in der alle Sparten von Lyrik, Epik, Dramatik, Literaturkritik, Essayistik bis hin zur Literaturgeschichte vertreten sind.

Diesem besonderen Phänomen widmete sich unter der Leitung von Peter Motzan, dem stellvertretenden Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Lundwig-Maximilians-Universität München, die Sektion 3: „Rumäniendeutsche Literatur 1945–1989 im kommunistischen Einparteienstaat. Entstehungsgeschichtliche Rekonstruktion und rezeptionsästhetische Neudeutung".

Seit dem Umbruch von 1989, als die Ceausescu-Diktatur blutig beseitigt wurde und auch die rumäniendeutsche Literatur von der bis dahin geltenden Zensur befreit wurde, kam es gleichzeitig zu einem fatalen Aderlass durch den Massenexodus der deutschen Bevölkerung. Die Verbliebenen aber haben es inzwischen geschafft, so gut wie die gesamte deutschsprachige Infrastruktur Rumäniens – Schulen, Kirchen, Theater, Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsendungen – am Leben zu erhalten, wenn auch naturgemäß in einem viel bescheideneren Maße. Aus diesem Grunde ist es verwunderlich, daß in der Sektion 3 nur über die Zeit bis zum Umbruch die Rede war.

Wenn man aber den Blick auf das Ganze des Kongresses richtet, entdeckt man in den über 180 verschiedenen Vorträgen in den anderen Sektionen, so in der Sektion 2 Literaturwissenschaft, ebenfalls Themen aus der rumäniendeutschen Literatur aus der Zeit nach der Wende.

Maria Sass aus Hermannstadt referierte über Hybridität als Strukturprinzip in der beschreibenden und betrachtenden Prosa von Joachim Wittstock. Rodica Balut, ebenfalls aus Hermannstadt, machte sich Gedanken zur Intertextualität und Polyphonie in Dieter Schlesaks „Vlad. Die Dracula-Korrektur", Veronica Buciuman aus Großwardein/Oradea untersuchte kulturelle Faktoren der Weiblichkeitsvorstellungen in Eginald Schlattners „Der geköpfte Hahn", und Réka Sánta Jakabházi aus Klausenburg analysierte Franz Hodjaks Roman „Ein Koffer voll Sand" als postmoderne Odyssee eines Osteuropäers. Schlattner und Wittstock leben in Rumänien, Schlesak und Hodjak in Deutschland.

Als ein großer Gewinn für Peter Motzans Absicht einer entstehungsgeschichtlichen Rekonstruktion erwiesen sich die Berichte der Zeitzeugen Hans Bergel und Joachim Wittstock. Noch tiefer in die Vergangenheit stieg Markus Fischer, Bukarest/Heidelberg, mit seinem Vortrag „Siebenbürgische Vergangenheitsbewältigung" über Erwin Wittstocks Deportationsroman „Januar 45 oder Die höhere Pflicht". Alfred Margul-Sperbers poetische Camouflage im kommunistischen Einparteienstaat entschlüsselte Anna-Maria Palimariu aus Jassy/Iasi in ihrem Referat über den Dichter unter den Bedingungen des verschärften „Sozialistischen Realismus".

Gleich drei Referate galten Georg Scherg, der – wie Bergel – 1959 im berüchtigten Kronstädter Schriftsteller-Prozeß verurteilt worden war und nach seiner Freilassung 1964 dann als liberales Aushängeschild für Ceausescus angeblich liberale Kulturpolitik herhalten sollte. Raluca Radulescu aus Bukarest schildert seine literarische Subversion in ihrer Arbeit „Welche Freiheit?". Gleiches leistete Grazziella Predoiu aus Temeswar zum Roman „Paraskiv Paraskiv", und auch Lucia Andreea Nicolau aus Bukarest/Würzburg, bereicherte die ausufernde Thematik mit ihrer Arbeit zu Schergs „Schreiben in der Diktatur".

Richard Wagners komplexes und kompliziertes, äußerst umfangreiches Werk wurde von Peter Motzan, dessen bestem Kenner, in dem Vortrag „Fernwelt im Kopf und Lebenswirklichkeit ohne Aussicht. Lesarten von Richard Wagners Gedicht ‚Exkurs über das Radio‘ 1979, begeistert gelobt. Auch András F. Balogh, Lehrstuhlinhaber der Stiftungsprofessur in Klausenburg, widmete sein Referat „Der Weg von der Allegorie bis zur direkten Rede" Richard Wagner, wobei er zum Schluß auch auf Wagners erstaunliche Abkehr von linken Denkschemata einging, die so radikal keiner erwartet hätte.

Eine umfassende Darstellung der von Wagner einst initiierten und geleiteten Aktionsgruppe Banat bot Roxana Nubert, die Lehrstuhlinhaberin Germanistik der Temeswarer West-Universität: „Zwischen Kritik und Affirmation: Die Aktionsgruppe Banat – Beiträge zur rumäniendeutschen Literatur in den 1970er Jahren". Die Verdienste der Aktionsgruppe bei der Bereicherung der Thematik rumäniendeutscher Literatur sind offenkundig, wie auch aus dem Referat von Olivia Maria Spiridon aus Tübingen hervorgeht: „Dem Balthasar sein Papa Kunze. Leben mit der Zensur (nicht nur) am Beispiel Balthasar Waitz". Waitz ist übrigens einer der wenigen aus der Aktionsgruppe, der dort blieb. Dieter Michelbach untersuchte in seinem Referat „Tabubruch als literarisches Stilmittel im Ceausescu-Rumänien – dargestellt anhand von Herta Müllers Texten", wie der Generationskonflikt literarische Blüten sprießen läßt. Cosmin-Ionut Dragoste aus Craiova ging dem tragischen Leben und Sterben des Banater Autors Roland Kirsch nach.

Schmerzlich vermißte man bei dieser so reichhaltigen Thematik eine Arbeit über den durch politische Gefängnishaft gebrochenen und in den Tod getriebenen Georg Hoprich (1938–1969), dessen Gedichte Stefan Sienerth 1983 postum im Bukarester Kriterion Verlag herausgegeben hat. Dieser war allerdings gefordert durch seinen ausführlichen Bericht über das komplizierte Freundschaftsverhältnis zwischen dem Dichter Moses Rosenkranz aus der Bukowina und dem ehemaligen zornigen jungen Mann der rumäniendeutschen Literatur, Paul Schuster.

Man kann eben nicht alles haben, auch eine Darstellung der ehemals rührigen Klausenburger Studentenzeitschrift „Echinox" mit ihrer deutschen Seite, deren Mitarbeiter sich gewissermaßen parallel zur Aktionsgruppe Banat im erstaunlich weiten Rahmen der rumäniendeutschen Literatur betätigten, möchte man einfordern. Spätestens für den nächsten rumänischen Germanistenkongreß 2012, der hoffentlich auch so gut besucht sein wird wie dieser.

Ingmar Brantsch (KK)

«

»