Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1364.

Kämpfernatur als Friedensstifter

Gotthold Rhode verstand nicht nur Polnisch, sondern auch die Polen

Kein anderer Historiker hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg so intensiv mit dem deutsch-polnischen Verhältnis beschäftigt wie Gotthold Rhode. Die Nachbarschaft der beiden Völker erlebte er hautnah von Jugend an. Geboren und aufgewachsen ist Rhode in der einst preußischen Provinz Posen, in der fast überall der Alltag vom gespannten Nationalitätenverhältnis geprägt war. Es erübrigt sich zu betonen, dass seine perfekten Polnischkenntnisse später nicht nur seine Forschungen, sondern auch die Gespräche mit den Kollegen der „anderen Seite“ erheblich erleichterten. Am 28. Januar 2016 wäre der führende Polenexperte seiner Zeit hundert Jahre alt geworden.

Stärker freilich als das täglich erlebte deutsch-polnische Spannungsfeld prägte das evangelisch-konservative Elternhaus Rhodes Weltanschauung und sein Wissenschaftsverständnis. Sein Vater war zunächst Dorfpfarrer in tiefster protestantischer Diaspora, später Superintendent in der Stadt Posen. Aus seinen Memoiren geht hervor, dass er nicht nur ein begeisterter Geistlicher, sondern auch ein Patriot war. In diesem Punkt trat sein Sohn ganz in seine Fußstapfen. Schon als Posener Gymnasiast bekannte er sich mit seiner Schülermütze offen zur deutschen Minderheit, auch wenn er dabei gelegentlich Prügel einstecken musste.

Rhode besuchte neben Jena und München die beiden einzigen Universitäten, die es in den preußischen Ostprovinzen gab, Königsberg und Breslau. Breit angelegt war sein Studium der Geschichte, Geographie und Slawistik, doch konzentrierte er sich bald auf die osteuropäische Geschichte. So fand er auch seine erste Anstellung am Osteuropa-Institut Breslau, wo er seinen wegweisenden Förderer Hermann Aubin kennenlernte.

Dieser „Historikerpatriarch“ war es, der Rhode bald nach dem Krieg, den dieser mit wissenschaftlichen und politischen Sonderaufträgen sowie als Dolmetscher überstanden hatte, in Hamburg die Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Laufbahn ermöglichte. Nach Breslau und Hamburg wurde Marburg die dritte Station der steilen Karriere. Hier wirkte Rhode als Mitarbeiter am Herder-Institut und nebenbei als Dozent an der Universität, bevor er im Jahre 1957 auf den Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte der Universität Mainz, seine vierte Station, berufen wurde.

Auch wenn es in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt weit weniger historische Bezüge zu Osteuropa und auch relativ wenige an diesem Thema interessierte Studenten gab als etwa in Berlin, Göttingen oder Marburg, baute Rhode sein Osteuropa-Institut mit dem Schwerpunkt „Polen“ zu einem der führenden in der Bundesrepublik auf. Er war ein von dem Motto „Carpe diem“ geprägtes „Arbeitstier“, ein Vorbild für seine Schüler, von denen einige später Dozentenstellen an den Universitäten Mainz, Heidelberg und Koblenz einnahmen. Beeinträchtigt wurde Rhodes Forschungsarbeit allerdings in den 1970-er Jahren durch die Hochschulreform, die die alte Ordinarienstruktur, die er gern beibehalten hätte, erheblich aufweichte. Als traditionsbewusster Ordinarius wollte und konnte er sich mit der daraufhin einsetzenden „Professorenschwemme“ kaum abfinden.

Nicht nur in Fachkreisen machte sich Rhode überraschend schnell einen Namen S16_1364erstens durch seinen Sammelband „Die Ostgebiete des Deutschen Reiches“ (1955) und zweitens durch seine „Kleine Geschichte Polens“ (1961), die eine Gesamtauflage von 30 000 Exemplaren erreichte. Mit ihr bewies der Experte, dass er sich wie kaum ein anderer gleichsam in jedem Jahrhundert der tausendjährigen Geschichte des Nachbarlandes auskannte. Freilich hatte auch er Spezialthemen, so das Posener Land, die Ostgrenze Polens, die deutsche Minderheit und der Protestantismus in diesem Lande sowie die „neuralgischen“ Punkte der deutsch-polnischen Beziehungen, also jene Reizthemen, die auf beiden Seiten kontrovers interpretiert wurden, z. B. die Polenausweisungen von 1885/86, das Enteignungsgesetz von 1908, der „Bromberger Blutsonntag“ von 1939 oder die Vertreibungen von 1945.

Es blieb nicht aus, dass Rhode als ein derart vielseitiger Experte in Führungsämter mehrerer Institutionen berufen wurde. Nur drei seien genannt: die Gesellschaft für Osteuropakunde, der Herder-Forschungsrat und die Posener Kommission, die heutige Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen. Keinen Vorstandsposten hat er – das kann der Chronist als sein ehemaliger Assistent bezeugen – wohl mit so viel Herzblut versehen wie den letzteren. Schon seine erste selbständige Publikation, die 1953 von ihm herausgegebene „Geschichte der Stadt Posen“, war seiner Heimat gewidmet. Die lebenslange treue Verbundenheit mit seiner Religion manifestierte dieser Posener Patriot, wie man ihn nennen kann, auch als Betreuer einer Dokumentation über die durch die Vertreibung verlorengegangenen Besitzstände der evangelischen Kirche in den ehemaligen Ostprovinzen. Diese von dem Danziger Historiker Heinz Neumayer durchgeführte Sammlung soll hier schon deswegen genannt werden, weil sie in der von Eicke Eckert verfassten Rhode-Biographie „Zwischen Ostforschung und Osteuropahistorie“ (2013) nicht erwähnt wird. Eine Führungsrolle spielte der Polenexperte auch in der Redaktion der beiden maßgeblichen Osteuropa-Periodika: Er war Mitherausgeber sowohl der „Zeitschrift für Ostforschung“ (Marburg) als auch der „Jahrbücher für Geschichte Osteuropas“ (München).

Schon lange vor Beginn der deutsch-polnischen Schulbuchgespräche hatte Rhode auf privater Basis Verbindungen mit polnischen Historikern geknüpft, die er in Marburg und Mainz zu sich nach Hause einlud. So hat er die später offiziell geführten Schulbuchkonferenzen indirekt vorbereitet. Die polnischen Teilnehmer kannte er wenn nicht persönlich, dann durch Korrespondenzen. Auch wenn Professor Walter Mertineit die deutsche Historikergruppe offiziell anführte, merkte man – was der Chronist ebenfalls aus eigener Anschauung bestätigen kann –, dass nicht er, sondern Gotthold Rhode dank seiner reichen Erfahrungen, seiner großen Kenntnisse und seiner fundierten Publikationen als der eigentliche Sprecher der deutschen Seite angesehen wurde.

Im Gegensatz zu so manchen ostdeutschen Historikern bekannte sich Rhode zeitlebens offen zu seiner Heimat, was er auch durch seine aktive Mitgliedschaft in der Landsmannschaft Weichsel-Warthe bekundete. Deren Landesgruppe Hamburg hatte er bald nach Kriegsende mitgegründet. Er, der auf wissenschaftlichen Konferenzen als begehrter Referent galt, war sich nicht zu schade, auf Tagungen seiner Landsmannschaft Vorträge zu halten und Beiträge für deren populärwissenschaftliche Veröffentlichungen zu schreiben, z. B. für das „Jahrbuch Weichsel-Warthe“.

Gotthold Rhode war ein Gelehrter, der stets ein breites Publikum ansprechen wollte und der die hohe Wissenschaft dem „kleinen Mann“ anschaulich vermitteln konnte – ohne viele Fremdwörter. Er war eine Kämpfernatur und wollte „mit mitreißendem Elan aus dem bequemen Elfenbeinturm der Fachdisziplin heraustreten“, wie Hans Lemberg in seinem Nachruf formulierte. Mutig griff er mit Leserbriefen – vor allem in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ – in aktuelle Debatten ein, besonders in die, die sich mit dem deutsch-polnischen Verhältnis befassten. Er beharrte auf seinem Credo: Versöhnung setzt Verständigung voraus, und diese kann es ohne Kenntnis (der Geschichte) nicht geben.

Gotthold Rhode starb am 20. Februar 1990 in Heidesheim bei Mainz im Alter von 74 Jahren. Ein Osteuropahistoriker seines Formates ist – so scheint es – bisher nicht nachgewachsen.

Helmut Neubach (KK)

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