Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1316.

Kann ein Volk Glück haben?

Die Tschechen hatten Václav Havel

In dem Interview-Band „Fernverhör“ mit Karel Hvizdala hatte Václav Havel über seine Erlebnisse mit den Theatern Prags der 1960er Jahre berichtet, die er als „einen lebendigen geistigen Brennpunkt, einen Ort gesellschaftlichen Bewußtseins, einen Schnittpunkt von Kraftlinien der Zeit und ihr Seismograph, einen Raum der Freiheit und ihr Instrument der Befreiung des Menschen“ beschrieb. In dieser Welt des Theaters ist Havel geistig aufgewachsen, und gerade seine intensive Wahrnehmung dieser angelegten Dynamik ließ es nicht zu, daß er vor der Wirklichkeit die Augen verschloß. Die 1960er Jahre in der CSSR waren auch vor dem Prager Frühling von einer vorsichtig offenen Kulturpolitik geprägt, und junge Künstler und Schriftsteller wie Václav Havel wollten die erstarrte Kruste einer totalitären Ideologie endgültig abstreifen.

Viele Möglichkeiten zur Entfaltung boten sich jedoch nicht. Um so größer waren die Hoffnungen, die sich durch Alexander Dubceks Reformexperiment von 1968 auftaten. Auch Václav Havel meldete sich zu Wort, um einen Rückfall in die Zeiten von Verbot und Verfolgung zu verhindern. Der Einmarsch der sozialistischen „Bruderarmeen“ zerschlug jegliche Illusionen eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, die Gesellschaft wurde in einen Zustand angepaßter Lähmung versetzt.

Als Gegenprogramm entfaltete Václav Havel seine Vorstellung, ein Leben in der Wahrheit zu führen. Die von ihm mitbegründete Bürgerinitiative Charta 77 sollte daher auch keine politische Oppositionsplattform darstellen. Sie erinnerte in ihrem ersten Aufruf die Regierung in Prag daran, jene Menschenrechte zu achten, die in der von ihr mitunterzeichneten Schlußakte von Helsinki erklärt wurden. Es folgten diffamierende Kampagnen, Berufs- und Publikationsverbote. Havels Ruf als Dissident und Bürgerrechtler wurde nicht zuletzt durch die hohe Haftstrafe gestärkt.

Seine Essays wie „Macht der Machtlosen“ oder „Gewissen und Politik“ kursierten im Untergrund. Es entwickelte sich im Umfeld der Charta 77 eine Art Gegenöffentlichkeit. In privaten Wohnungen wurden akademische Seminare abgehalten, aber auch Theaterstücke aufgeführt. Václav Havel und seine Frau Olga gehörten zu den unermüdlichsten Stimmen, wenn es darum ging, sich gegen die Willkür der Behörden zu wehren.

Der Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ in der Samtenen Revolution kam für viele völlig überraschend. Havel, der im Herbst 1989 wieder einmal im Gefängnis saß, wurde innerhalb von Wochen zum Präsidenten des Landes. In seinem Buch „Fassen Sie sich bitte kurz“ (2007) bilanzierte er diese atemberaubenden Wendungen: „Auch mir kommt von Zeit zu Zeit mein Schicksal absolut unwahrscheinlich vor. Wie konnte es nur geschehen, daß ich – und gerade ich – mich im Zentrum so wichtiger Ereignisse befand, die das Schicksal vieler Völker und Millionen von Menschen geprägt haben? Warum mußte ich, ein Autor absurder Theaterstücke, Hunderte von solch absurden Situationen erleben, wie zum Beispiel meinen ersten Besuch im Kreml?“

Havel war vom Winter 1989 bis 2003 Präsident der Tschechoslowakei und später Tschechiens. Seine erste wichtige außenpolitische Geste galt der Aussöhnung mit den deutschen Nachbarn. Bereits die Diskussionszirkel der Charta 77 in den 1970er und 1980er Jahren hatten sich der Erkenntnis gestellt, daß ein ungeteiltes Europa auch ein ungeteiltes Deutschland zur Voraussetzung hat. Der Dichterpräsident pflegte Freundschaften mit hochrangigen Persönlichkeiten der ganzen Welt. Oft schien sein Handeln unkonventionell, wenn er es sich nicht nehmen ließ, die Rolling Stones persönlich zu begrüßen oder den Musiker und Bürgerschreck Frank Zappa nach Prag einzuladen.

Zwanzig Jahre nach der Samtenen Revolution stellte sich Václav Havel einem Erinnerungsgespräch mit Alexandra Föderl-Schmid und Michael Kerbler zur Verfügung, das 2010 unter dem Titel „Der Samtene Revolutionär“ im Klagenfurter Wieser Verlag erschienen ist. Die Schlußfrage: „Worauf kommt es im Leben an?“, ist geradezu auf Havels Existentialphilosophie zugeschnitten. Sein Credo, im Einklang mit dem Gewissen zu leben, schließt dabei ausdrücklich sowohl gläubige Menschen als auch Atheisten ein: „Es gibt eine Instanz, der man nichts verheimlichen oder verschweigen kann, und nur auf das Urteil dieser Instanz kommt es an.“ Am Morgen des 18. Dezember ist Václav Havel in seinem Landhaus in Hradecek einem langjährigen Krebsleiden erlegen.

Volker Strebel (KK)

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