Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1366.

Kant kann Kalinin nicht hinterfragen

Dazu braucht er uns und wir ihn. Fragen zur Gedenkkultur an Reinhard Grätz, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus

Die Zahl der noch lebenden Heimatvertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ist im Lauf der vergangenen Jahrzehnte erheblich zurückgegangen. Die Integration ihrer Nachkommen in der Bundesrepublik Deutschland darf als abgeschlossen betrachtet werden. Ist dadurch die mit den östlichen und südöstlichen Herkunftsgebieten verbundene Erinnerungskultur fragwürdig geworden? Findet diese in der Zukunft nur noch institutionell statt?

Reinhard Grätz: Von 17 bis 18 Millionen deutschen Vertriebenen, Flüchtlingen, Aussiedlern und Spätaussiedlern leben wohl noch höchstens zwei Millionen Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten und ca. drei Millionen Aussiedler und Spätaussiedler. Statistiken gibt es nicht. Doch der Abbruch der Erlebnisgeneration wird im nächsten Jahrzehnt schnell erfolgen. Die lntegration der Vertriebenen und ihrer Nachkommen ist tatsächlich längst abgeschlossen, vielfach gehörten schon Vertriebene zu den gesellschaftlichen Eliten der Bundesrepublik. Integration konnte aber den einseitigen Heimat-, Kultur- und Vermögensverlust der Vertriebenen nicht voll ausgleichen. Die Spätaussiedler sind auf gutem Integrationsweg, trotz mancher abfälliger Haltungen, die sie anfangs ertragen mussten.

In den meisten Familien reicht Erinnerung höchstens bis zu den Urgroßeltern. Seite_7_KK1366Zurückliegende interessante Abstammungsgeschichten, die an Namen usw. festzumachen sind, gelten als nette Zutat. So wird der fränkische Milliardär Schaeffler sich mit dem sehr schlesischen Umfeld seines Großvaters, ja seines Vaters, kaum beschäftigen. In Herkunftslandschaften außerhalb des Reiches und des Alten Reiches vor 1806 (Ausnahme Rumänien/Ungarn) wird man immer weniger Anknüpfungspunkte sehen. Man sieht dies z. B. schon heute an der früheren Wolgarepublik mit ihren rudimentären Resten der deutschen Vergangenheit. Weil das private und persönliche Erinnern auch an kulturelle Traditionen und Schätze unausweichlich zurückgeht, muss die institutionelle Arbeit gestärkt werden, staatlich oder gemeinnützig. Gerade deshalb ist ja das Herumlavieren um die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung als letztem großen Schlussstein der institutionellen deutschen Erinnerungskultur so bedauerlich und sogar beschämend.

Je mehr die persönliche Erinnerung verblasst, umso stärker muss dann die ja schon vorhandene institutionelle Erinnerung greifen, die die Leistungen der ehemals deutschen Kulturlandschaften aufbewahren, pflegen und für Deutschland und Europa nutzbar machen sollte. Im Augenblick tritt aber ein zusätzliches Element hinzu: Für die neuen Bewohner in den ehemaligen deutschen Ostgebieten war lange Zeit das Jahr 1945 das „Jahr Null“. Sie erkennen seit einiger Zeit zunehmend, dass sich dies nicht durchhalten lässt. Wie werden sie die 700 bis 800 Jahre vor 1945 einordnen? Am besten könnten sie dies im intensiven Austausch mit den fachlich zuständigen deutschen Institutionen, soweit man nicht ohnehin über die Archive verfügt. Die deutschen Einrichtungen müssten sich endlich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenschließen, die sich als arbeitsteiliger Partner in Osteuropa anbietet.

Es wird immer wieder beanstandet, dass die Vertreibung in den Unterrichtsplänen unserer Schulen und in den Lehrbüchern kaum vorkommt. Bewegt sich die Erinnerungskultur am Bildungsauftrag der Schulen vorbei?

Erinnerungskultur fand in den 1950er und 1960er Jahren in den Schulen oft überhaupt nicht statt, zumal es auch wenig Richtlinien, bewertende Literatur und öffentliche Diskussionen gab. Seitdem hat sich gerade in Nordrhein-Westfalen sehr viel getan, eigentlich begonnen hat es mit den blauen Handreichungen zum Politikunterricht in den 1970er Jahren. Die heuhge Erinnerungskultur konzentriert sich auf das „Dritte Reich“, seine Verbrechen und einige Folgen. Dies wird durch zahlreiche auch vom Land nachhaltig geförderte Gedenkorte unterstützt, die von Schulen rege besucht werden. Natürlich hängt die Intensität der Vermittlung auch vom einzelnen Lehrer ab. Viele sind sehr bemüht. Auch die Richtlinien, zuletzt die von NRW angestoßene Empfehlung „Erinnern für die Zukunft“ der Kultusministerkonferenz (KMK) vom 11. Dezember 2014, haben die Verbrechen im Nazireich zum Schwerpunkt.

Im Kernlehrplan Geschichte für die Sekundarstufe ll in NRW kommt das Stichwort Vertreibung allerdings nicht vor, wobei man bedenken muss, dass Geschichte heute nach ganz anderen Prinzipien unterrichtet wird als früher. Das Sonderheft „Erinnern für die Zukunft“, das aus Anlass der Verabschiedung der KMK-Empfehlung vom Schulministerium herausgegeben wurde und das den Bogen vom Ersten Weltkrieg bis zum Untergang der kommunistischen Systeme spannt, ist insgesamt höchst verdienstvoll. Vertreibungen werden allerdings nur am Rande genannt. Die Vertreibung von Millionen Deutschen, ihre Durchführung und ihre Folgen werden nicht erwähnt. Trotz dieses groben Mangels handelt es sich insgesamt um ein hervorragendes Heft zum unbestritten zentralen Thema der deutschen Erinnerungskultur.

Die Erinnerungskultur in Deutschland hat seit der „Schlussstrich“-Mentalität der 1950er Seite_9_KK1366Jahre eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich, so dass wir etwas verschämt feststellen können, dass keine andere Nation eine so eingehende und nachhaltige Aufarbeitung ihrer jüngeren Geschichte geleistet hat. Wichtig war während der verschiedenen Stufen der Aufarbeitung, dass in den 1980er Jahren der Historikerstreit zu dem Schluss führte, dass der Holocaust in der Geschichte einzigartig ist. Er entzieht sich im Grunde jeder Reihung, die die Schwere von Verbrechen auflistet. Nach der Wende war die Frage zu klären, wie das Unrecht der SED-Diktatur zu bewerten ist. Dies wird heute m. E. zutreffend mit der sogenannten Faulenbachschen Formel eingeordnet: „NS-Verbrechen nicht relativieren, kommunistisches Unrecht nicht bagatellisieren“. Bleiben die im europäischen Maßstab noch nicht hinreichend eingeordneten Verbrechen der Sowjetführung und der Nazis an Bürgern der Sowjetunion und die Vertreibung der Deutschen in Ostmitteleuropa. Zu Ersteren will ich mich jetzt nicht äußern, da sie über die Fragestellung hinausgehen. Die Vertreibung und die Art ihrer Durchführung war aber m. E. zweifellos ein größeres Verbrechen als die Unrechtstaten in der DDR, zumal diese sich in der härtesten Zeit sehr stark gegen die eigenen Parteigänger richteten. Auch hier ist abgewandelt die Faulenbachsche Formel aus der Enquete-Kommission des Bundestages anzuwenden. Bleibt die Erkenntnis: Die Großverbrechen der massenhaften Vernichtung sowjetischer Menschen und die Vertreibung der Deutschen müssen europäisch noch einmal gründlich beleuchtet und bewertet werden.

Als langjähriger Vorsitzender des WDR-Rundfunkrates haben Sie auch die Sendung „Alte und neue Heimat“ begleitet, die viele Jahre hindurch jeden Sonntagvormittag zahlreiche Hörer, nicht allein in Vertriebenenkreisen, angesprochen hat. „Alte und neue Heimat“ zählte zu den WDR-Sendungen mit den meisten Hörerbriefen. Sie wurde durch das „Osteuropa-Magazin“ abgelöst, das zur gleichen Sendezeit ausgestrahlt wird, aber nur gelegentlich und eher am Rande ostdeutsche Themen aufgreift. Es sind nicht nur die Vertriebenenverbände, die das beanstanden oder zumindest bedauern.

Man muss den Redakteuren, die „Alte und neue Heimat“ über .Jahrzehnte betreut haben, auch aus heutiger Sicht noch einmal danken. Sie haben der Erlebnisgeneration nicht nur Informationen gegeben, sondern auch Vertrautheit. Und sie haben bei den Einheimischen Interesse und Verständnis geweckt. Auch dem Sender ist zu danken, dass er, im Unterschied zu anderen, die Sendung so lange gepflegt hat. Die Umbenennung in „Osteuropa-Magazin“ kam zu früh, ist aber beim Verschwinden der Erlebnisgeneration im Grundsatz vertretbar. Gerade die Entdeckung Osteuropas ist für den Westen unseres Kontinents faszinierend und wichtig. Im Westen sind viele schlecht informiert. Es bleibt eine unverzichtbare Aufgabe, über die kulturelle Hinterlassenschaft der historischen deutschen Gebiete im Osten zu reflektieren und gleichzeitig über die Lebensweise der neuen Bewohner zu informieren. Ich habe dem Intendanten meine kritische Sicht über die neuere Entwicklung mitgeteilt.

Noch ein Aspekt zu dieser Thematik: Über die Herkunft und die Anliegen und Lebensweisen der türkischen Migranten wird in den Medien breit berichtet. Über die z. T. später gekommenen Spätaussiedler, die von der Zahl her ähnlich stark sind wie die türkische Gemeinde, wird fast gar nichts berichtet. Das ist verwunderlich. Die Notwendigkeit der „Ost-Reflexion“ gilt für die Medien und den Geschichtsunterricht gleichermaßen, was an einem Beispiel gezeigt werden soll: Das heutige Deutschland ist politisch, geistig, mental – im Guten wie im Schlechten – nicht ohne Preußen zu erklären. Das Gebiet des frühen Preußen liegt nicht nur dort, wo Immanuel Kant wirkte, sondern auch dort, wo heute die Stadt Kaliningrad liegt, die nach einem kommunistischen Funktionär benannt ist, dem alles andere als geschichtlicher Rang zukommt. Hier sind Erklärung und Hinterfragung gefordert.

Das Gerhart-Hauptmann-Haus in der Düsseldorfer Bismarckstraße bietet ein reichhaltiges Programm an, das über den Vertriebenenbereich hinaus interessiert. Es sind vor allem die themenbezogenen Ausstellungen und Vorträge, die ihr Stammpublikum gefunden haben. Weniger intensiv sind die Kontakte zu den Deutschen in Oberschlesien, Ungarn und Rumänien, die im Arbeitsplan der Stiftung nur am Rande vorkommen und empfindlich hinter den Erwartungen der deutschen Minderheiten im Osten und Südosten bleiben.

Das Gerhart-Hauptmann-Haus hat sich im „Zukunftspapier“ als Bildungs-und Kultureinrichtung definiert. Es hatte als Kultur- und Begegnungsstätte begonnen. Insoweit sollte auch die Satzung gelegentlich modernisiert werden. Es wäre wünschenswert, wenn „Begegnungsstätte“ mit Blick auf die verbliebenen Deutschen und auf die zugezogenen Bewohner in den historischen Ostgebieten neu definiert würde. Enge Kontakte zu beiden Gruppen wären nicht nur unter kulturellen und politischen Gesichtspunkten, sondern auch unter europäischen Aspekten wichtig. Aufgrund des „West“-Standortes des GHH ist dies immer mit hohen Reisekosten verbunden. Die vorhandene kleine Haushaltsposition für diese Zwecke lässt große Aktivitäten nicht zu, zumal das Geld nicht von der seit Jahren stagnierenden Position „Projekte“ genommen werden kann. Unabhängig von dieser misslichen Tatsache Ist natürlich der Bund bei Auslandskontakten der erste Ansprechpartner. Auf jeden Fall: Wir müssen am Ball bleiben! Am besten mit und in der Zusammenarbeit der vorher genannten ostbezogenen Institutionen.

In den letzten Jahren hat das Haus, sieht man von der vierteljährlich erscheinenden Programmzeitschrift „West-Ost-Journal“ ab, kaum etwas publiziert, das aus der vielfältigen Tätigkeit der Stiftung berichtet oder die aktuelle Situation der ostdeutschen Kultur ins Visier genommen hätte. Kann das Internet, in dem das Haus entsprechend vertreten ist, das Buch ersetzen?

Natürlich kann das Internet nicht das Buch ersetzen. Doch halt: Dies ist die Meinung eines älteren Menschen, der „mit Haut und Haaren“ dem Buch verbunden ist und dem das Internet manchmal noch etwas fremd erscheint. Das Internet wird aber weiter gewinnen, doch das Buch wird insbesondere als „Kulturausweis“ bleiben. Neben der respektablen Entwicklung des „Journals“ und den wiederaufgenommenen Jahresberichten wäre es wünschenswert, dass alle ein bis zwei Jahre ein Tagungsband erscheint. Auch verdienen einzelne Vorträge, dass man sie später in gedruckter Form in die Hand nehmen kann. Hier gilt in abgewandelter Weise: Wer schreibt, der bleibt. Die aktuelle Beachtung des GHH wird steigen, wenn es im Internet bekannter ist. Das Buch als Kulturträger bleibt jedoch im Hinblick auf Qualität und Beständigkeit bestehen. Die Anregung steht mit Recht im Raum.

Die Fragen stellte Franz Heinz.

(„West-Ost-Journal“ – KK)

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