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Ausgaben: Ausgabe 1357.

Kant, Kollwitz, Königsberg

Die Gesellschaft der Freunde des Philiosophen und seiner Heimatstadt tagt „daheim“

Kant,-Kollwitz_1Am 22. April 1805 trafen sich die Freunde Kants zu einem „Gedächtnismahl“, um den Geburtstag ihres am 12. Februar 1804 verstorbenen Gastgebers und Tischgenossen zu begehen. So entstand die „Gesellschaft der Freunde Kants“ und die Tradition des „Bohnenmahls“, denn der Astronom Friedrich Bessel machte den Vorschlag, in die Torte zum Nachtisch eine silberne Bohne einzubacken. Wer sie fand, wurde „Bohnenkönig“ und musste im Jahr darauf eine „Bohnenrede“ auf Kant halten.
Am 12. Februar 2011, an Kants Todestag, wurde in Berlin die „Gesellschaft der Freunde Kants und Königsbergs e. V.“ gegründet. Gerfried Horst, Mitglied der Kant-Gesellschaft, übernahm den Vorsitz. Er hatte bereits 2008 das erste „Bohnenmahl“ in Königsberg/Kaliningrad initiiert, das seitdem von Deutschen und Russen gemeinsam gefeiert wird.

Auch 2015 wurde der Geburtstag des großen Königsberger Philosophen feierlich in seiner Heimatstadt begangen. Die „Freunde Kants“ trafen am 20. April in Königsberg ein und wurden von Professor Dr. Wladimir GiImanov in seinem Vortrag über Kant mit einem aufrüttelnden Appell an das Verantwortungsgefühl eines jeden Einzelnen konfrontiert.

Gilmanov ging von der heutigen problematischen Weltlage aus und warnte vor einer Katastrophe kosmischen Ausmaßes, wenn der Mensch seine Vernunft nicht aktiviert und sein Vermögen, aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herauszugehen, vernachlässigt. Für Kant steht das Individuum im Mittelpunkt, das, so Gilmanov, zu einer funktionierenden Intersubjektivität verpflichtet ist, da nur so „die Menschheit in der Person des anderen“ nach dem kategorischen Imperativ zum Zweck und nicht nur zum Mittel einer jeden Handlung gemacht werden kann. Eine gestörte Intersubjektivität, die zu Abkapselung und Egoismus führt, gefährdet das Zusammenleben und den Frieden, und das sei in einer globalisierten Welt tödlich.

Aus der Feststellung Kants, dass „ein freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei“ sei, leitete Gilmanov diese Freiheit als „einzige Chance für das Überleben“ ab.

Bis zum „Bohnenmahl“ am Abend im Deutsch-Russischen Haus (DRH) gab es ein umfangreiches Programm, in dessen Verlauf die Gedanken Kants immer wieder bestätigt wurden. Der 22. April war zudem der 70. Todestag der Königsberger Künstlerin Käthe Kollwitz. Ihr zu Ehren wurde durch den Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland Dr. Dr. Rolf Krause eine Ausstellung im DRH eröffnet, die Gerfried Horst organisiert hatte. Die „Sieben Holzschnitte zum Krieg“ von 1920/1923, die Lithographie „Nie wieder Krieg“ von 1924 oder das Plakat „Deutschlands Kinder hungern“ von 1924 stellten eine Verbindung zu Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ her, 1795 erschienen, also vor 220 Jahren, auch das ein Jubiläum.

Kant,-KollwitzGalina Sabolotskaja, Leiterin der Kaliningrader Kunstgalerie, hob die Empathie mit den Armen und Leidenden bei Käthe Kollwitz hervor, die u. a. in dem Zyklus „Die schlesischen Weber“ deutlich werde. Die Menschheit in der Person gerade des Entrechteten zu achten, musste sie in den Konflikt mit den Nationalsozialisten bringen. Den Großvater der Künstlerin, Julius Rupp, stellte Gerfried Horst als „Vermittler der Lehren Kants“ vor. Dozent an der Albertina und seit 1842 evangelischer Pfarrer, gründete Rupp 1846 die „freie Gemeinde“, weil er forderte, dass allein das Gewissen und keine Staatskirche den Glauben auslegen könne, wobei er sich auf „das Reich der Freiheit, von dem Kant spricht“, berief.

Es war ein besonderes Erlebnis, dem Enkel von Käthe Kollwitz zu begegnen. Gerfried Horst hatte Professor Dr. Arne Kollwitz eingeladen. Als Ehrengast sprach er ein Grußwort, in dem er die Persönlichkeit seiner Großmutter würdigte, und legte Blumen am Gedenkstein seines Ururgroßvaters Julius Rupp vor dem Königsberger Dom nieder.
Bei Kants Geburtstagsfeier 2015 standen die Nachfahren seiner Freunde im Mittelpunkt. Nach dem Orgelkonzert von Marcel Andreas Ober im Dom wurde im Kant-Museum eine Dauerausstellung über den Bankier Friedrich Conrad Jacobi und Johann Christian Gaedecke eröffnet. Der Nachfahre Dr. Thomas Gädecke, begrüßt und gewürdigt durch die Direktorin Professor Dr. Irina Kusnezowa, erläuterte die Dokumente und Exponate, die fortan der Öffentlichkeit zugänglich sein werden. Die Nachfahren waren auch das Thema der „Bohnenrede“ von Viktor Haupt, der sich eingehend mit der „Genealogie der Familie Kant“ beschäftigte.

Kant hatte keine direkten Nachkommen, aber die Kinder seiner Geschwister sorgten für den Fortbestand des Namens, den man an einem Emilio Kant in Panama festmachen kann. Viktor Haupt ließ auch die Vorfahren Kants vorbeiziehen, die u. a. aus Schottland und Nürnberg stammten.

Und dann gab es eine neue „Bohnenkönigin 2016“: Marianne Motherby, Nachfahrin von Kants Freund William Motherby, sehr engagiert in der „Gesellschaft der Freunde Kants und Königsbergs“.

Der große Königsberger Philosoph, der Russen und Deutsche an seiner Geburtstagstafel vereinigte, hätte an dem fröhlichen Bohnenmahl seine helle Freude gehabt. Seine Gäste aber sollten sich ihrer enormen Verantwortung bewusst sein, die GiImanov ihnen mit seiner Interpretation des Kategorischen Imperativs vor Augen geführt hatte. Sie sind nämlich, obwohl endliche Wesen, über Generationen und Zeiten in einem ethischen Gemeinwesen miteinander verbunden und diesem mit jeder Tat verpflichtet.

Bärbel Beutner (KK) 

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