Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1215.

Karten, Köpfe und ein Kaiser: der „Sudetendeutsche Heimatatlas“

Wer die Heimat verloren hat, will wiedergewinnen, was von ihr noch zu retten ist. Das sind vor allem Erinnerungen. Die aber brauchen Stützen: Worte, Bilder, Texte, Karten. In Dokumenten zur Heimat und ihrer Geschichte wird Versunkenes wieder lebendig, ist, wenigstens auf dem Papier, zurückzugewinnen, was schon lange vergessen schien.

Von diesem Gedanken ließen sich zwei Wissenschaftler tragen, denen es ein Anliegen ist, den Vertriebenen aus dem Sudetenland ein Stück verlorenen Gutes in Form von Informationen in Wort und Bild zu sichern: die Professoren Roland Pietsch und Heinrich Pleticha. „Was bleibt“, schreiben sie in der Einführung zu ihrem „Sudetendeutschen Heimatatlas“, der an dem Vorgänger „Sudetendeutscher Atlas“ (1957) anknüpft, „ist die Erinnerung an eine blühende, manchmal auch dunkle und schwere, letzten Endes aber schöne Vergangenheit.“

Man erwarte aber alles andere als Beschönigendes in diesem sich als wertvolles Geschenk hervorragend eignenden, kostbar gebundenen Buch. Es geht darin um Fakten, Zahlen, Daten. Gespeichert und verdichtet in Karten, Tabellen, Statistiken, Übersichten – zunächst jedenfalls. Das hört sich recht trocken an, ist es aber gar nicht. Allein mit einer physikalischen Karte von Böhmen und Mähren ist man eine Stunde beschäftigt. Ganz zu schweigen davon, wie stark einen  Sonderkarten ansprechen können, etwa über Mundarten in den böhmischen Ländern, die Verbreitung der Sudetendeutschen oder die alten deutschen Ortsnamen. Besonders reizvoll und für den Gourmet unter den Atlantenfreunden ein Leckerbissen: die drei Bildkarten-Ausschnitte der „Panoramakarte Elbtal“ von 1858. Sie gehören mit den zwei Karten aus dem „Atlas der Deutschen Bundesstaaten“ von 1838 zur kleinen Gruppe seltener historischer Karten der böhmischen Länder.

Den umfangreichen Kartenteil ergänzen die das großformatige Buch mit Leben füllenden Bilder, die teilweise farbig wiedergegeben sind. Daß die Entscheidung der kenntnisreichen Herausgeber auf alte Ansichten des 19. Jahrhunderts fiel („damit auch diese Zeit in Erinnerung bleibt“), ist nur willkommen. Hier fügen sich „Landschaften, Orte, Kirchen, Schlösser und Burgen“ zu einem zwar nicht vollständigen, aber eindrucksvollen, beispielhaften Gesamtbild dessen, was unter „Sudetenland“ verstanden wird. Das Auge kann sich nicht sattsehen an den Schönheiten, die das „Sudetenland“ – sowohl mit seinen ausgeprägten, von wilden Mittelgebirgen und romantischen Flußtälern bestimmten Landstrichen als auch durch seine geschichtsträchtigen Städte und Dörfer – zu bieten hatte.

Was wäre dieses wunderschöne, heute wieder neu zu entdeckende ehemalige „Randgebiet“ des gegenwärtigen Tschechien ohne seine „zentralen“ Köpfe? Ohne die Ferdinand Porsche, Adalbert Stifter, Johann Balthasar Neumann, Sigmund Freud oder Gustav Mahler? Ohne Slezak, die Ebner-Eschenbach, Kafka, Lodgman von Auen, Mendel? Sie sind mit zahlreichen anderen Gelehrten, Dichtern, Musikern, Wissenschaftlern und Staatsmännern als Vertreter der geistigen Landschaft „Sudetenland“ präsent, wie es die Wappen der Länder, Landeshauptstädte, Städte und Gemeinden sind als heraldische Zeichen von Geschichte, ausgeprägt in Sage, Kult, Spiel, Natur, aber auch Handwerk und Herrscherwillen.

Nicht das Land, nicht die Geschichte zu vergessen, mahnen Johann Böhm, der Sprecher der Sudetendeutschen, und Otto von Habsburg in ihren kurzen Grußworten. Der Name Kaiser Karls I., des Vaters Otto von Habsburgs, ist der letzte auf der langen Liste der „Herzöge, Könige, Präsidenten“, die die böhmischen Länder regierten – von 850 bis 1939. Diese Jahreszahl ist den damals Jungen oder gerade erst Geborenen, heute alten Vertriebenen unter den Sudetendeutschen für immer ins Lebensbuch geschrieben: „Die Tschechoslowakische Republik zerbricht an den Gegensätzen zwischen Tschechen und Slowaken. Am 15. März besetzen deutsche Truppen Böhmen und Mähren“, steht unwiderruflich in den Notizen zur „Geschichte“, denen Pietsch/Pleticha drei dichtgedrängte Seiten reserviert haben. Sechs Jahre später beginnt die Vertreibung der Deutschen.

Hans Gärtner (KK)

Sudetendeutscher Heimatatlas. Hg. von Roland Pietsch und Heinrich Pleticha. Archiv Verlag, Braunschweig 2005. 92 Seiten, zahlreiche Illustrationen und Karten, Ledereinband, Großformat, 98 Euro

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