Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1241.

Kartographie als Kunst der typo- und historiographischen Klarheit

Im Jahr 2006 erschien noch die neue Karte „Mittelböhmen – Prag–Iglau–Znaim“ (CS 005) im Höfer-Verlag. Über zehn Jahre hat es gedauert, bis der Verleger Klaus Höfer mit dieser fünften Karte den Zyklus seiner Böhmen-Karten vervollständigte. Wie die vier anderen Karten besitzt sie u.a. zwei Qualitäten: sie führt alle Orte – auch Weiler bzw. Ortsteile – auf und ist dennoch durchgehend zweisprachig.

Sie bildet im Norden den Raum zwischen Prag im Westen und Königgrätz im Osten sowie im Süden den zwischen Beneschau im Westen südlich von Budweis und Znaim im Osten ab. Wie bei den vier vorher erschienen Karten hat Höfer auch für diese den sehr günstigen Maßstab 1:200000 gewählt. Das ermöglicht ihm, das Gebiet insofern optimal abzubilden, als er alle Weiler bzw. Ortsteile aufführen kann und dennoch eine gewisse Überschaubarkeit des Raumes erhalten bleibt, die bei Meßtischblättern natürlich verloren wäre.

Alle Orte abbilden zu können setzt Höfer erst in die Lage, eine besondere Qualität seiner Produkte ins Spiel zu bringen: die Zweisprachigkeit. In Böhmen und Mähren gab es bis 1945 immer Regionen, in denen mehrheitlich Deutsche wohnten, für die also in den meisten Fällen sogar nur deutsche Namen existierten. Als die Tschechen während der Vertreibung diese Orte übernahmen, mußten sie tschechische Namen vielfach erst erfinden, um die deutschen zu ersetzen. Bei Höfer finden sich nun diese deutschen Ortsnamen erhalten.

Auch diese Karte wird also zur idealen Reisekarte für Deutsche, die ihre Heimat bzw. die Region der Herkunft ihrer Vorfahren im heutigen Tschechien erkunden wollen. Darüber hinaus ist die Karte für jeden Zeitgeschichtler und den Völkerkundler ein Schatz, kann man doch, ohne selbst erst viele Karten nebeneinander konsultieren zu müssen, darin ablesen, wie weit das deutsche und gemischtsprachige Gebiet nach Böhmen hineinreichte. Außerdem bietet die Karte für aufmerksame Benutzer Informationen, die man so heute nirgendwo mehr findet. Fein eingetragen als „Historische Grenze“ kann man die Grenzlinie zwischen dem Protektorat und den Sudetengebieten von 1938 ablesen. Die ist zwar heute nicht relevant, jedoch kulturhistorisch von singulärer Bedeutung, zeigt sie doch ziemlich genau, wo bis 1946 die Sprachgrenze in Böhmen und Mähren zwischen tschechischem und deutschem Sprachgebiet verlief.

Damit legt Klaus Höfer nicht nur eine detaillierte Straßenkarte mit einem differenzierten Straßennetzbild und genauen Kilometerangaben vor. Er liefert auch eine Fülle touristisch-kultureller Information, die durchaus über das übliche Maß hinausgeht. So hebt er kulturhistorisch wichtige Orte hervor, indem er die Namen farbig hinterlegt, und führt, wie in der Legende angegeben, den ganzen Reigen der Merkmale auf, die die Kultur einer Region ausmachen: Burgen, Berge, Denkmäler usw. Und dies, wohlgemerkt, alles zweisprachig.

An dieser Stelle muß ein Wort zur Kartographie gesagt werden. Dem, der die Karte noch nicht kennt, wird sich die Frage aufdrängen: Wie geht sie mit der Menge der Namen um, wenn diese sich tschechisch-deutsch fast verdoppelt? Die Zahl der Orte im böhmisch-mährischen Kulturraum zwischen Prag und Znaim ist schließlich immens. Und dennoch – Klaus Höfer hat dieses Problem gelöst. Die Namen sind in der auf Straßenkarten üblichen Schriftgröße gehalten. Auch die Letter bleibt lesbar. Höfer war sich offenbar dieses Problems bewußt und liefert eine kleine Kunststofflupe mit, die in Notfällen das Studieren der Karte erleichtert. Die Fülle der Namen überwuchert dennoch nicht das Kartenbild, es bleibt gefällig. Höfer demonstriert damit, daß Kartographie auch im digitalen Zeitalter nicht nur eine Frage der Technik sein muß, sondern eine des künstlerischen Einfühlungsvermögens sein kann. Insofern hat er mit dieser Karte ein kartographisches Kunstwerk geschaffen.

Erfreut sein darüber können sowohl Tschechen als auch Deutsche, erfahren doch beide über ihre Heimat Tatsachen, die sie sonst so anschaulich kompakt nirgendwo mehr finden. Insbesondere werden die Iglauer bzw. deren Nachfahren sie begrüßen, findet sich für sie doch erstmals eine Karte, die umfassend die frühere Iglauer Sprachinsel in die zweisprachige Umgebung einbettet und zugleich davon abgrenzt, denn auch hier ist die frühere Sprachgrenze eingezeichnet, obwohl Iglau (Jihlava) nie zum Sudetenland gehörte. Besondere Zugabe des Verlags in dem Zusammenhang ist das zweisprachige Ortsverzeichnis, das doppelt beigegeben ist, so daß man sowohl vom Deutschen wie vom Tschechischen aus suchen kann.

Schließlich sei noch auf eine Besonderheit verwiesen: Die Karte zeigt und benennt zweisprachig Orte, die es nicht mehr gibt. Sie verzeichnet natürlich alle heute existierenden, aber auch jene Ortschaften, die nach der Vertreibung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts untergegangen sind. Sie finden sich auch im Landesinneren, besonders zahlreich aber zur Grenze hin, in diesem Fall zur österreichischen. Es erweckt stellenweise den Eindruck, als habe es um 1950 in der CSSR das Bestreben gegeben, einen unbesiedelten Grenzraum zu schaffen. Besonders deutlich ist das zwischen Neubistritz (Nová Bystrice) und Zlabings (Slavonice). Vor Jahrhunderten gegründete und bis in unsere Zeit bewohnte Siedlungen wurden ihren Eigentümern genommen, dem Verfall preisgegeben, oft abgerissen oder als Ruine der wuchernden Natur überlassen. Heute ist dieses Land sogar Mitglied der EU. Ihm ist zu wünschen, daß die Karte von vielen EU-Bürgern benutzt wird. Mit ihr zu reisen kann ihnen Erkenntnisse bringen, die ihnen sonst verborgen bleiben.

Straßenkarte Tschechische Republik. Mittelböhmen – Prag–Iglau–Znaim. Höfer Verlag, Dietzenbach 2006, 10,90 Euro

Gerolf Fritsche (KK)

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