Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1346.

Kategorischer Imperativ auf Deutsch-Russisch

Handle so, dass die Maxime deines Handelns Verständigung sei: Auftakt zur Kant-Dekade 2014–2024

Kategorischer1Das Grabmal Immanuel Kants an der Nordostecke des Königsberger Domes von 1333 war zugleich die südliche Begrenzung des Schulhofes des Stadtgymnasiums Altstadt-Kneiphof von 1304, an dessen Ostseite die Alte Universität von 1544 und im Westen der Artushof lagen. Die Schule selbst grenzte auf der Nordseite an den Pregel, der den Kneiphof umfließt. Ein Schüler des Gymnasiums, der als Zehnjähriger die Ereignisse von 1924 miterlebte, erinnert sich:
„Aus rotem Elbsandstein von Friedrich Lahrs erbaut, ragte es von der Nordostecke des Domes in unseren Schulhof hinein. Zum 200. Geburtstag Kants im April 1924 fand seine Einweihung statt im Rahmen einer Festwoche, in der die Welt in Königsberg zu Gast war. Dies war ein Ereignis auch von hoher politischer Bedeutung; zum ersten Mal kamen nach den Schmähungen und der Niederlage des Ersten Weltkrieges Gelehrte aus der ganzen Welt hier in dem vom Reich durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages getrennten Königsberg zusammen. Ihnen allen war der Wunsch gemeinsam, ihre Achtung und ihre Verehrung für den großen deutschen Philosophen zu bekunden.

Der preußische Ministerpräsident Otto Braun, ein Sohn unserer Stadt, hielt eine Rede und der 72jährige Adolf von Harnack die Festansprache. Die Woche war gefüllt mit Festvorträgen, Gelehrtensitzungen und akademischen Veranstaltungen. Auch unsere Schule war dabei: gemeinsam mit Schülerinnen der Luisenschule führten Primaner die ‚Antigone‘ von Sophokles in der Ursprache auf. Uns, die wir damals Quintaner waren, interessierten all diese Veranstaltungen nur am Rande, viel mehr dagegen die vielen kleinen Japaner und Chinesen, wie wir sie bisher nur von Bildern kannten. Wir wunderten uns, dass sie genauso gekleidet waren wie die Leute bei uns und sogar deutsch sprechen konnten.

Seitdem hat es immer wieder Besucher aus aller Welt auf unserem Schulhof gegeben. Wir sahen ihnen zu, wenn sie am Grabmal des größten Sohnes unserer Stadt ihre Kränze niederlegten und in ehrfürchtigem Gedenken vor dem steinernen Sarkophag verharrten.“

Zwanzig Jahre später war alles in Schutt und Asche versunken, der Krieg hatte Schule, Universität und das in 700 Jahren gewachsene Leben der Stadt zerstört, aus Königsberg wurde die russische Stadt Kaliningrad, und erst 1974 regten sich auf Weisung Moskaus in der 1967 gegründeten neuen Universität zaghafte Bestrebungen, des 250. Geburtstages Kants von russischer Warte zu gedenken.

Nur eines hatte Bestand: das unzerstört gebliebene Grabmal Kants überdauerte als Zielort von Verehrern, die aus zahlreichen Ländern nach Kaliningrad reisten, um neben dem zerstörten Dom den Philosophen zu ehren. Und heute, nachdem der Dom wiedererstanden ist, gibt es kaum ein Kaliningrader Brautpaar, das seine Ehe nicht mit einem Blumenstrauß für den großen Philosophen beginnt.

Kategorischer2Am überzeugendsten war nach dem Krieg das gemeinsame russisch-deutsche Jubiläum mit vielen weiteren internationalen Gästen aus zehn Nationen anlässlich der 450-Jahr-Feier der Königsberger Universität 1994. Über eintausend Wissenschaftler hatten sich versammelt, nicht nur, aber auch zu Ehren von Immanuel Kant, dem die Eröffnungsvorlesung von Gerhard Funke, dem Präsidenten der Kant-Gesellschaft, gewidmet war: „Revolution der Denkungsart, politischer Umsturz, eschatologische Erneuerung? – Von der Aktualität Kants“. Die deutschen Königsberger befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahrhundert im Exil, aber der größte Sohn ihrer Stadt half ihnen, eine Brücke zwischen Deutschen und Russen zu errichten.

Zehn Jahre später, zum 200. Todestag Kants im Jahre 2004, war das 1968 gegründete Museum Stadt Königsberg in Duisburg so weit, mit seinen weltweit bedeutendsten Kantsammlungen zum ersten Mal an die Öffentlichkeit zu treten. Mehr als 28 000 Menschen besuchten damals diese herausragende Ausstellung, der Katalog fand reißenden Absatz. Kant ist seitdem das Alleinstellungsmerkmal dieses außergewöhnlichen Museums, das allein auf Spendenbasis und der Arbeit ehrenamtlicher Mitarbeiter beruht.

Es folgte die erste Kant-Ausstellung nach dem Krieg in Kaliningrad/Königsberg 2009 mit einem Deutsch-Russischen Katalog und auf Einladung der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010 die Ausstellung „Kant – der Europäer“, die wieder mehr als 12 000 Besucher in das Museum nach Duisburg lockte. Unter ihnen war Bundestagspräsident Norbert Lammert, der sich zwei Stunden lang durch die Ausstellung führen und jedes Detail erläutern ließ. In seinen „Vorbemerkungen“ zum wissenschaftlichen Begleitband der Ausstellung stellt er fest, dass Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ zeitlich genau zwischen dem 150 Jahre zuvor geschlossenen Westfälischen Frieden und der 150 Jahre später erfolgenden deutschen Katastrophe liegt.

Auch Norbert Lammert erinnert, wie weiland Funke, an die Aktualität Kants: „Die von Kant beschriebenen rechtstheoretischen Voraussetzungen des Friedens sind in ihrem normativen Charakter jedenfalls auch politisch immer noch aktuell. … Der kantische Gedanke der Verrechtlichung internationaler Beziehungen als Grundlage der Vision vom ewigen Frieden ist heute zumindest in der EU politische Wirklichkeit geworden und hat unter den Mitgliedstaaten zur längsten Friedensepoche seit Menschengedenken geführt. Die so entstandene Dynamik zur Annäherung an den ewigen Frieden, mindestens aber an eine immer engere Zusammenarbeit, erfordert gleichzeitig auch die ständige Weiterentwicklung einer europäischen Rechtsgemeinschaft.“

Trotz der widrigen Umstände für Königsberg nach Naziherrschaft und Kriegskata-
strophe zeigt der Blick auf die letzten zwanzig Jahre, vor allem aber auf das Jahrzehnt seit 2004, dass es gute Voraussetzungen dafür gibt, in diesem Jahr eine gezielte Kant-Dekade 2014–2024 zu beginnen, um nicht nur der Aktualität des großen Philosophen eine gebührende Reverenz zu erweisen, sondern auch dem deutsch-russischen Verhältnis auf kulturell-philosophischer Ebene neue Impulse zu geben.

Der Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig hat Ende Mai das Museum Stadt Königsberg in Duisburg besucht, sich die Kant-Sammlungen zeigen lassen und lange Gespräche mit der Museumsleitung und Vertretern der Stiftung Königsberg im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft geführt, die für das Museum verantwortlich ist. Geplant sind jetzt eine Reihe von Initiativen, die der Aktualität Kants und seinen völkerverbindenden Gedanken Rechnung tragen sollen.

Klaus Weigelt (KK)

 

Ministerialdirektor a. D. Hartmut Gassner wurde jetzt vom Bund der Vertriebenen mit der Wenzel-Jaksch-Medaille ausgezeichnet.

Gassner wurde am 2. Juni 1931 in Insterburg in Ostpreußen geboren. Bereits 1953 wurde er Mitglied der Landsmannschaft Ostpreußen, in der er von 1956 bis 1963 aktiv mitarbeitete als Bundesvorsitzender des Studentenbundes Ostpreußen, Mitglied der Ostpreußischen Landesvertretung, Bundesvorstandsmitglied des Verbandes Heimatvertriebener und geflüchteter deutscher Studenten, stellvertretender Vorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen in Berlin und Mitglied der Studiengruppe für Politik und Völkerrecht beim BdV. Der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR ist er als Mitglied des Kuratoriums und nunmehr des Stiftungsrates verbunden geblieben.

(KK)

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