Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1370.

Kein „Spitzwegsches Dasein“

Vielmehr Arbeit an einem „virtuellen Lesesaal“: Deutsch-Baltische Gesellschaft zeichnet die Archivare Peter Wörster und Indrek Kuuben aus

Die alltägliche Arbeit der Archivare steht selten im Licht öffentlichen Interesses. Dass sie für alle historisch orientierten Forschungen die unverzichtbare Grundlage darstellt, ohne die keine neuen Erkenntnisse gewonnen werden können, ist vielen Menschen außerhalb eines engen Zirkels kaum bewusst. Nicht selten herrschen Klischees vor, denen zufolge Archivare irgendwo in verstaubten Papieren früherer Jahrhunderte wühlen und ein gleichsam Spitzwegsches Dasein fristen. Dass Archive, die in klassischer Definition das „Gedächtnis der Verwaltungen“ oder moderner: das „Gedächtnis der Nationen“ darstellen, sich mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts der Forschung geöffnet haben und im 20. Jahrhundert zu modernen Kompetenz- und Dienstleistungszentren geworden sind, ist in einer breiteren Öffentlichkeit nicht immer bekannt.

Dass Archive gerade für die Erforschung der historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete von großer Bedeutung sind, unterstrich jetzt die Deutsch-Baltische Gesellschaft (Darmstadt), indem sie bei ihrem Bundestreffen 2016 ihren Kulturpreis an zwei Archivare verlieh, einen deutschen und einen estnischen: Peter Wörster aus Marburg und Indrek Kuuben aus Dorpat/Tartu.

Peter Wörster war bis zu seiner Pensionierung am 29. Februar dieses Jahres Leiter seite-11-kk1370der Dokumentesammlung Herder-Institut, des größten Archivs zur baltischen Geschichte in Deutschland. Indrek Kuuben ist stellvertretender Präsident des Estnischen Nationalarchivs und Leiter des Estnischen Historischen Staatsarchivs in Dorpat/Tartu. Peter Wörster erhielt den Kulturpreis „für seine außerordentlichen Verdienste um die Wahrung und Erschließung von deutschbaltischem Kulturgut“ und für den erfolgreichen Auf- und Ausbau der Dokumentesammlung des Herder-Instituts zum größten Archiv zur baltischen Geschichte in Deutschland, an dem auch ich als seine Kollegin Anteil hatte. Mit der Preisverleihung dankte die Deutsch-Baltische Gesellschaft Peter Wörster auch für viele Jahre freundschaftlicher Zusammenarbeit und für die Unterstützung zahlreicher deutschbaltischer Forscher. Indrek Kuuben erhielt den Kulturpreis für seine Verdienste um den Auf- und Ausbau des estnischen Archivportals „Saaga“, das vielen Forschern überaus nützlich ist. Daneben wurde die langjährige vertrauensvolle, konstruktive Zusammenarbeit mit deutschbaltischen Organisationen und Forschern und vor allem auch die gemeinsame Arbeit an „HerBalt“ (Hereditas Baltica) gewürdigt, dem „virtuellen Lesesaal für baltisches Archivgut“, das von der Dokumentesammlung des Herder-Instituts in Marburg entwickelt wurde und bei einem ersten Gespräch in Dorpat/Tartu beim Estnischen Historischen Staatsarchiv auf so fruchtbaren Boden fiel.

Neben den beiden Kulturpreisträgern würdigte die Deutsch-Baltische Gesellschaft insbesondere die Verdienste von Renate Adolphi (Lüneburg) durch Verleihung der Ehrenmitgliedschaft. Renate Adolphi hat sich große Verdienste um die Betreuung des Archivs der Carl-Schirren-Gesellschaft erworben.

Alle Geehrten bedankten sich in Grußworten: Renate Adolphi durch einen Rückblick auf ihre Kindheit und Jugend in Riga und die spätere Ausbildung in Lüneburg, Indrek Kuuben durch nachdenkliche Betrachtungen zur Situation von Archiven und durch eindrucksvolle Bekräftigung der Bedeutung des deutschbaltischen Erbes für das moderne Estland. Peter Wörster erinnerte in seinen Dankesworten an den Vortrag „Über das baltische Archivwesen“ von Arnold Feuereisen, Stadtarchivar in Riga, beim Ersten Baltischen Historikertag in Riga 1908. Feuereisen sagte: „Es wird zu zeigen sein, dass gerade auch die Archive, die ein allgemeines Vorurteil unter dem Staub und Moder der Jahrhunderte vergraben wähnt, der Förderung durch weitere Kreise, vor allem aller Freunde der Heimatgeschichte bedürfen, um zu einem lebensvollen Organismus zu werden, dass ihre Belebung und Nutzbarmachung in erster Linie auf der befruchtenden Wechselwirkung zwischen ihnen und den historischen Fachvereinen beruht. […] Man kommt immer wieder darauf zurück, dass erfolgreiche wissenschaftliche Lösungen [offener Fragen] wesentlich von der Beschaffung des einschlägigen Materials aus den Archiven abhängt, die eben die Grundlage aller modernen historischen Forschung und ihre unerschöpfliche Quelle sind.“ Peter Wörster dankte der Deutsch-Baltischen Gesellschaft, dass sie diesen Zusammenhang, der schon 1908 hervorgehoben wurde, ähnlich sieht und dies durch die Ehrung von drei Archivaren treffend zum Ausdruck gebracht hat.

Der beeindruckende Festvortrag „Bleibende weltliche Wirkungen der Reformation“ von Prof. Dr. iur. Dr. theol. h. c. mult. Freiherr Axel v. Campenhausen, Hannover, darf als Ehrenbezeugung für die Preisträger gelten.

Dorothee M. Goeze (KK)

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