Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1237.

Kindermund tut – auch historische – Wahrheit kund

Die Sudetenkrise 1938 erfreute sich bisher – vorsichtig ausgedrückt – keines besonderen Interesses bei Verlagen und dementsprechend auch bei Autoren. Und jetzt ist es fast zu spät, denn die letzten Augenzeugen, die als Kinder schon bewußt das Geschehen miterlebt haben, also damals etwa zehn Jahre alt waren, gehen heute auf die 80 zu. Um so aufmerksamer registriert man jedes neue Buch zu diesem Zeitabschnitt.

Ilse Tielsch ist Jahrgang 1929, sie hat also als Neunjährige die Ereignisse miterlebt und erzählt aus der Sicht eines Mädchens etwa dieses Alters von den Wochen im Spätsommer und Frühherbst 1938 in einer südmährischen Kleinstadt wie der, in der sie aufgewachsen ist.

Dabei bewegt sie sich zwischen zwei gefährlichen Klippen. Eine solche Erzählung kann leicht zur wehmütigen Erinnerungsbeschwörung werden, zum Abgesang auf eine sterbende Welt. Die Autorin könnte aber auch der Versuchung erliegen, ihrer kleinen Protagonistin Gedanken und Reflexionen eines Erwachsenen – vielleicht sogar aus heutiger Erkenntnis – unterzuschieben.

Beides hat Ilse Tielsch geschickt vermieden. Sie hat ihren Erzählton von der ersten bis zur letzten Seite konsequent durchgehalten, berichtet einfach und ungezwungen, ohne zu verniedlichen. Natürlich wird der kleine kindliche Kosmos manchmal zur  Idylle, das ergibt sich beinahe zwangsläufig schon aus der räumlichen Komponente. Es ist von vornherein ein Unterschied, ob das Geschehen in einer südmährischen Kleinstadt spielt oder in einem der Industrieorte des nördlichen Böhmens. Darauf weist die Autorin selbst an einer Stelle ausdrücklich hin.

In der aufgezeigten kindlichen Welt spiegelt sich die Erwachsenenwelt mit ihren Bedrohungen, die anfangs ganz harmlos erscheinen, dann aber immer deutlicher spürbar werden. Nirgends gibt es dabei dramatische Paukenschläge, doch das jahrhundertealte Nebeneinander von Deutschen, Tschechen und Juden bricht auseinander. Gerade das wird schon für die kleine Erzählerin schmerzhaft spürbar, verwirrt und verunsichert, ohne daß sie die Gründe erkennen kann. Auf den einfachsten Nenner gebracht ist der ideologisch erzwungene Gegensatz in den Worten: „Ich bin eine Tschechin und du bist ein deutsches Kind.“

Es ist ein unpolitische Buch, das in Wirklichkeit doch eminent politisch ist, eigentlich nur eine Momentaufnahme, die aber als exemplarisch angesehen werden darf. Ist es nicht gerade auch ein Buch für junge Leute? Man möchte es hoffen, doch bedarf es dazu immer wieder des begleitenden Gesprächs. Dringend eines Kommentars bedürfen Sätze wie: „Und daß man im Altreich alles kaufen kann, was man sich wünscht, … kann auch nicht stimmen. Denn die Soldaten sind bei uns in die Geschäfte gerannt und haben sie leergekauft.“

Auf alle Fälle breitet der Roman ein selten behandeltes Stück Zeitgeschichte aus, literarisch gleichermaßen anspruchsvoll und liebevoll, ja liebenswert gestaltet.

Ilse Tielsch: Das letzte Jahr. Edition Atelier, Wien 2006, 168 Seiten, 20 Euro

Heinrich Pleticha (KK)

«

»