Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1283.

Kirchengeschichte als Herzensangelegenheit

Jahrestagung des einschlägig tätigen schlesischen Vereins in der Oberlausitz und die Fragen nach der Zukunft

Unter dem Thema „Was bedeutet uns Schlesien heute?" ging es bei der Jahrestagung des Vereins für schlesische Kirchengeschichte in der Tagungsstätte der evangelischen Kirche in der Oberlausitz um zwei eng miteinander verbundene Fragen. Die eine war die Frage nach den Zukunftsaussichten der Arbeit des Vereins, die bisher vor allem von der Generation der Schlesier getragen wurde, die ihre Heimat in Schlesien noch bewußt erlebt hatten. Sie wird immer kleiner. inzu kommt, daß die EKD das Institut für ostdeutsche Kirchengeschichte aus Finanzgründen geschlossen hat. So sieht es um die Zukunft der kirchengeschichtlichen Arbeit auch über Schlesien nicht besonders gut aus.

Nachdem der Vorsitzende des Vereins für schlesische Kirchengeschichte, Pfarrer Dr. Christian-Erdmann Schott, die Tagung eröffnet und die Mitglieder und Gäste begrüßt hatte, hielt der frühere Leiter des Instituts für ostdeutsche Kirchengeschichte, Prof. Dr. Peter Maser, den grundlegenden Einführungsvortrag zum Thema: „Hat die ostdeutsche Kirchengeschichte noch eine Zukunft?" Er bezeichnete sie als durchaus nicht hoffnungslos. „Es könnte sein, Vergangenes kehrt zurück." Er wies darauf hin, daß sich nach dem Sturz der kommunistischen Regime 1989 vergessene, abgeschriebene Landschaften wieder auftaten und mit ihnen nur noch schemenhaft vorhandene Erinnerungen wieder lebendig wurden. Damit wird auch die Kirchengeschichtsforschung wieder aktuell und lebendig. Dabei geht es nicht zuletzt um die Geschichte der Wirkung des Evangeliums, die nicht vergessen werden darf, sondern ein wichtiges Erbe auch für die heutigen Menschen ist.

Superintendent Thomas Koppehl, Niesky, berichtete über „Die Zukunft der Kirchengeschichte in der schlesischen Oberlausitz". Er betonte, daß die Verwurzelung in einer Landschaft, einer Gemeinschaft und auch einer Kirchengemeinde für die Menschen Teil des Lebens ist. Das muß die Kirche bedenken und beachten gerade in der gegenwärtigen Situation, in der immer weniger Gemeindeglieder von immer weniger hauptamtlichen Mitarbeitern der Kirche betreut werden müssen. Ehrenamtliche Mitarbeit der Gemeindeglieder vor Ort wird immer wichtiger, damit die Verwurzelung des einzelnen in seiner Gemeinde nicht verlorengeht. Gerade hier kann man auch in der Oberlausitz von den Erfahrungen der schlesischen Gemeinden in der Nachkriegszeit bis zur Vertreibung lernen. Schon 1948 schrieb der damalige Bischof Hornig, daß diese Erfahrungen in der schlesischen Kirche westlich der Neiße aktiviert werden müßten.

Der zweite Tag stand zunächst im Zeichen des Generalthemas: „Was bedeutet mir Schlesien?" Neun Tagungsteilnehmer hatten sich mit dieser Frage beschäftigt und brachten bewegende Erfahrungen und davon geprägte Einstellungen zur Sprache. Dabei wurde deutlich, daß alle in ihrem Herzen eine lebendige Verbundenheit mit ihrer Heimat bewahrt haben, wenn sie auch zeitweise hinter den Anforderungen des gegenwärtigen Lebens zurücktreten mußte. So wurde deutlich: Schlesien hat auch für die ihrer schlesischen Identität erst später bewußt gewordenen Jüngeren eine existentielle Bedeutung.

Am Nachmittag stand dann ein Erlebnis auf der Tagesordnung, das niemand so schnell vergessen wird: der Besuch eines internationalen ökumenischen Gottesdienstes in der Friedenskirche in Jauer in Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren. Deutsche und polnische Pfarrer und evangelische und katholische Bischöfe gestalteten ihn in der gut besetzten Kirche. Bischof Huber, der Vorsitzende der EKD, hielt die Predigt. Hier war die Gemeinde Jesu Christi erfahrbar.

Mit allen Vorträgen und Gesprächen wie auch mit dem Gottesdienst in Jauer war die Jahrestagung ein alle Teilnehmer bewegendes Erlebnis, das sie noch lange beschäftigen wird. Dabei ist auch in großer Dankbarkeit an die warme, geschwisterliche Atmosphäre zu denken, in der das ganze Zusammensein verlief. Es ist gut, daß es die großartige Arbeit des Vereins für schlesische Kirchengeschichte gibt. Sie verdient alle Unterstützung und, soweit möglich, Teilhabe.

Manfred Bünger (KK)

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