Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1313.

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Und zwar sehr weit: Die Ausstellung „Tür an Tür“ gewährt großzügige und großartige Blicke auf das deutsch-polnische Nebeneinander

Es gibt Ausstellungen von Größe, Umfang, Tiefgang und Vielfalt, die zu beschreiben immer nur eine Annäherung sein kann. Dabei ist die Beschreibung von Deutschland und Polen, jedes für sich und dann im Miteinander, eine Herausforderung. Die gegenwärtige Sonderausstellung „Tür an Tür“ im Berliner Martin-Gropius-Bau ist eine ganz besondere Leistung. Die gegenwärtige polnische Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union ist der Anlaß, doch sicherlich nicht der Grund dieses Vorhabens, vielmehr eine gute Grundlage. Als das neue Jahrtausend begann, da war diese Entwicklung so fern, dass dies aus heutiger Sicht das beste Beispiel für Kurzlebigkeit der Geschichte im Bewußtsein der Völker ist.

Die Berliner Ausstellung ist trotz Zweisprachigkeit und zahlreicher in Berlin lebender Polen für den deutschen Standort konzipiert und wird nicht anschließend noch in Polen gezeigt. Das ist schon eine Besonderheit. Der deutsche Titel „Tür an Tür“ wird durch die noch kürzere polnische Formulierung „Obok“ (= nebenan) anders interpretiert. Der deutsche Untertitel „1000 Jahre Kunst und Geschichte“ wird im Polnischen mit „1000 lat historii w sztuce“ (1000 Jahre Geschichte in der Kunst) auch anders verstanden. Solche Kleinigkeiten zeigen schon, wie viel Deutung in der Entwicklung und der Exponatauswahl zu liegen vermag.

Es geht kleinteilig los mit Räumen zur Herausbildung des Jagiellonenreiches, den Städtegründungen und der Verbindung Schlesiens zu Böhmen, dem Schaffen von Veit Stoß, den frühneuzeitlichen Heiratsverbindungen der Jagiellonen nach Bayern und Österreich und den reformatorischen Aspekten in Religion (Luther, Melanchthon) und Naturwissenschaft (Kopernikus, Hevelius, Kepler). Auch das Zeitalter Friedrichs des Großen und Napoleons im Zeichen polnischer Teilungen wie das 19. Jahrhundert im Zeichen polnischer Identitätssuche werden mit personalisierbaren Geschichten konkretisiert. Für das 20. Jahrhundert mag man dankbar sein, daß die Auswahl stärker künstlerisch als politisch akzentuiert ist.

Die künstlerische Darstellung hervorzuheben bietet neue Zugänge oder zumindest eine Chance dazu. Denn an sich wird der Besucher überfordert, neben möglicherweise bekannten historischen Stichworten auch noch die kunstgeschichtlichen Strömungen verstehen und sogleich anwenden zu lernen. Der lange Rundgang wird hier am Ende vielleicht zu anspruchsvoll, gar verwirrend. Es mag aber auch an den wunderbaren Exponaten gerade für die früheren Jahrhunderte liegen, daß gegen Ende die raumgreifenden Installationen nicht in gleicher Intensität mehr wahrgenommen werden können. Jedem Besucher sei solche Subjektivität der Wahrnehmung gegönnt und erlaubt.

Empfehlenswert ist somit erst ein rascher Durchgang durch alle Räume und erst dann die genauere Hinwendung nach gezielter Auswahlentscheidung. Wer sich gleich zu Anfang fesseln lässt, der wird erst spät ins Atrium des Martin-Gropius-Baus gelangen. Dort wird der ambivalente polnische Zugang zum Deutschen Orden, das lange politisch instrumentalisierte Bild der „Kreuzritter“ behandelt. Es zeugt von der immensen logistischen Leistung dieser Großausstellung, daß man dort Matejkos knapp zehn Meter langes Monumentalgemälde aus dem Warschauer Nationalmuseum antrifft.

Ob die Goldene Bulle von Rimini als Gründungsurkunde des Deutschen Ordens oder das Gründungsdokument der Stadt Breslau, Handzeichnungen von Veit Stoß oder Daniel Chodowiecki, die Zeichnungen von der Reise des Pfalzgrafen Ottheinrich nach Krakau, Handschriften von Nicolaus Kopernikus, all das spricht für den herausragenden Charakter dieser Ausstellung. Weitere Raritäten wie den mit 16 orientalischen Rubinen und 480 Brillanten besetzten Weißen Adlerorden von August dem Starken aus dem Grünen Gewölbe in Dresden kann man da leicht übersehen.

Einige nach § 96 BVFG tätige deutsche Museen sind auch mit Leihgaben vertreten. Man stößt auf die Schreinmadonna des Ostpreußischen Landesmuseums aus Lüneburg oder die Bernsteinkanone des Westpreußischen Landesmuseums. Andere deutsche Einrichtungen dieses Förderbereiches fehlen. Im übertragenen Sinne heißt das Ausstellungsmotto nämlich auch, unbekannt oder unerkannt nebeneinander zu leben und zu wirken. Die Kuratoren haben eben nicht an alle Türen nebenan geklopft oder hinter diese Türen geschaut. Solchermaßen viele Türen verwirren auch.

Nun ist es am Besucher, diese Spannbreite zu verstehen. Vielleicht ist schon diese Auswahl etwas zu groß geraten. Ausstellungskuratoren wollen zwar die großen Linien mit hochkarätigen Exponaten akzentuieren, aber leicht erliegen sie der Versuchung, dafür das Beste und das Teuerste von weit her zu bestellen. Im Alltag dämpfen die horrenden Transport- und Versicherungskosten sowie konservatorischen Auflagen solche Gelüste. Seltene Ausnahmefälle, wie diese Ausstellung, lassen unermeßliche Schätze zusammenkommen – und treiben die Kosten in unermeßliche Höhen. Wer die Ausstellungsmittel der Mehrzahl „normaler“ Museen oder auch Galerien kennt, wer um die Schwierigkeit einer öffentlichen Projektförderung weiß, der kann bei solchen Prestigeprojekten leicht den Verstand verlieren. Besucher, die die Hintergründe nicht kennen können und sollen, verlieren jedes Maß für das üblicherweise Mögliche.

Schließlich sind sogar Formen zeitgenössischer Künstlerförderung mit im Ausstellungskonzept verankert. Am überraschendsten, nachgerade ulkig ist ein spezieller Einbau im letzten Ausstellungsraum. Dort kann der Besucher an zwei Seiten die Türen einer Kühlkammer öffnen, darf diese Kältezone begehen und drinnen einige gefrostete Artefakte betrachten. Ob solcher Anblicke wird er sich rasch wieder dankend dem Diesseits zuwenden. Die Stromkosten für solch eine Abkühlung sind wohl der geringste Anteil am Gesamtumfang.

Alles in allem ist „Tür an Tür“ eine große und großartige Ausstellung mit wunderbaren Exponaten, ein Geschenk des Miteinanders von zwei Nationen oder auch eine Gnade des Erlebens und Erlebnisses. Das reichhaltige Begleitprogramm bietet weitere Anreize. Schließlich ist die Ausstellung in einem Gebäude ohne eigene Sammlung eine Auswahl aus dem, was anderswo bewahrt und in anderem Kontext erlebbar ist. Damit bietet „Tür an Tür“ jedem die Chance, nach erfüllten Stunden aus dieser Tür in Berlin zu treten und an anderen deutschen und polnischen Orten wieder durch offene Türen einzutreten. Dort wird man dann einiges wieder neu und in anderem Zusammenhang sehen können.

Stephan Kaiser (KK)

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