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Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1253.

Königsberg in Kaliningrad

Was ist das für eine Stadt? Das fragen sich nicht nur Fremde, sondern auch Einheimische – sofern sie es sind

Immer wieder stellt sich dem Besucher die Frage: Was ist das für eine Stadt? Jahrelang nach der Öffnung 1991 sah man triste sowjetische Plattenbauten zwischen von Unkraut überwucherten Trümmerflächen, beobachtete den ständig anwachsenden Straßenverkehr mit vorwiegend deutschen Gebrauchtwagen auf schlechten Straßen, bemerkte hier und da auch ansprechendere Neubauten, konnte aber in all dem keine städtebauliche, ja eigentlich überhaupt keine Konzeption erkennen.

Offenbar wußten die neuen Bewohner und die politisch Verantwortlichen nicht, was sie mit der Stadt und dem Gebiet, das sich Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg gesichert hatte, anfangen sollten. Zum Stadtjubiläum 2005 wurde das erkennbar anders. Unter der von Präsident Putin verordneten und zunächst als absurd eingeschätzten Formel „750 Jahre Kaliningrad“ wurden die Stadt und ihre Geschichte machtvoll für die russische Tradition und Geschichte vereinnahmt, inkorporiert, russifiziert und damit eine neue Leitlinie vorgegeben für die Zukunft.

Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum es nicht – wie 1994 anläßlich des 450jährigen Universitätsjubiläums der Albertina – gemeinsame Feierlichkeiten mit den alten Königsbergern gab. 2005 wurde Anfang Juli eine russische Staatsfeier veranstaltet, bei der sich Präsident Putin von Bundeskanzler Schröder und Präsident Chirac – also auf europäischer Ebene – als ganz normaler Hausherr in Kaliningrad feiern ließ. Als ebenfalls „normal“ ist offenbar festzuhalten, daß die vom Kuratoriumsmitglied der Stiftung Königsberg, Dr. h.c. Herbert Beister, gestiftete Kant-Tafel an der Universität von Präsident Putin und Kanzler Schröder enthüllt wurde, ohne den anwesenden Stifter wahrzunehmen oder gar ihm zu danken. Die von der Stiftung Königsberg zum Jubiläum der Stadt Kaliningrad gestiftete Statue Herzog Albrechts am Dom wurde ebenfalls kommentarlos entgegengenommen. Bisher fehlt jeder Hinweis auf den Stifter des Denkmals.

Anfang August 2005 konnte die Stadtgemeinschaft Königsberg mit zahlreichen russischen Freunden die eigenen Gedenkfeierlichkeiten „750 Jahre Königsberg“ als Bürgerfest gestalten. Es gab ein Königsberger Treffen im Evangelischen Gemeindezentrum, Konzerte der Kaliningrader Symphoniker, die Anfang Juli nicht gefragt waren, unter der Leitung von Arkadi Feldman im Dom und in der Kirche zur Heiligen Familie, insgesamt fünf Ausstellungen in verschiedenen Museen und im Deutsch-Russischen Haus, die Einweihung der Statue Herzog Albrechts – also ein volles Programm, das sich über zehn Tage erstreckte, aber keinerlei Echo, weder in deutschen noch in russischen  Medien erzeugte. Von Beobachtern vor Ort wird geurteilt, daß es als Entgegenkommen der russischen Administration zu werten sei, daß die Königsberger 2005 und auch heute ungestört mit ihren russischen Freunden zusammenarbeiten können.

Welche Tendenzen sind bei dieser „Normalisierung“ zu beobachten? Die Demonstration der drei Präsidenten Anfang Juli 2005 war begleitet von der definitiven „Landnahme“ des nördlichen Ostpreußens durch die russisch-orthodoxe Kirche. Sichtbares Zeichen hierfür ist die monumentale Christus-Erlöser-Kathedrale, die den ganzen Siegesplatz, den früheren Hansaplatz, überragt und beherrscht. Vor der Kathedrale bildet eine Siegessäule anstelle des bisher dort stehenden Lenin-Denkmals das Zentrum des Platzes. Sie ist dem Heiligen Georg gewidmet, dessen Kampf gegen den Drachen auf einem Relief am Fuße der Säule dargestellt wird. Die Inschrift läßt keinen Zweifel über die Bedeutung: es geht um eine Allegorie des Sieges der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland. Damit gewinnt der Platz nicht nur nationale, sondern theologische und mythische Bedeutung für jeden Russen und wird der Königsberger Tradition entzogen. Diese ist quasi – und das gilt für die ganze Stadt und Region – physisch und historisch durch den Georgskampf getilgt, es sein denn, sie wird in spezieller Weise „inkorporiert“.

Man muß sich solche Zusammenhänge ganz nüchtern vor Augen führen, um keinen Illusionen zu verfallen. Königsberg heißt seit 1946, also seit 61 Jahren, Kaliningrad. Dieser Name gereicht der Stadt nicht zur Ehre, denn Kalinin war ein Stalinist, der kein Verbrechen scheute. Daß die Stadt Immanuel Kants seinen Namen tragen muß, wird vielleicht eines Tages auch den russischen Bürgern nicht mehr zusagen. Ob dann, wenn die alten Kriegsveteranen an Einfluß verlieren, die Stadt ihren alten Namen wieder erhält, ist eher fraglich. Warum auch? Die jetzt entstehende neue Stadt hatte schon nach 1991 kaum mehr etwas mit dem alten Königsberg gemeinsam. Damals machte das Wort von Gräfin Dönhoff die Runde, die Stadt erinnere mehr an das sowjetische Irkutsk als an Königsberg.

Das ist heute nicht mehr so. Was 2005 zunächst wie ein Potemkinsches Dorf zum Stadtjubiläum aussah, von dem man glauben konnte, daß nach den Feierlichkeiten alles in sich zusammenbräche, hat sich in erstaunlicher Weise erhalten und weiterentwickelt. Es ist eine Bauentwicklung im Gange, die ihresgleichen sucht. An Investoren ist offenbar kein Mangel. In der Region herrscht Vollbeschäftigung. Wohlstand breitet sich aus, nicht nur in der Oberschicht, wie es schon in den 90er Jahren erkennbar war, sondern auch im Mittelstand. Armut gibt es noch auf dem Lande, wo auch sonst noch kaum Veränderung zu erkennen ist, aber auch dort soll – so ist es zumindest geplant – die landwirtschaftliche Entwicklung im Zuge des gesamtwirtschaftlichen Aufschwungs vorangehen. Die zahllos umherfahrenden und zum Verkehrsinfarkt beitragenden Kraftfahrzeuge sind fast durchweg neueren Datums, gute Mittelklassewagen.

Schon bei der Ankunft mit KD Avia, der Kaliningrader Luftlinie, fällt die neue Situation ins Auge. Der Flughafen ist neu, die Abfertigung nähert sich europäischen Standards. Das alte Gebäude, das viele Kaliningrad-Reisende noch kennen, dient nur noch der Gepäckausgabe. Kaliningrad ist nicht mehr nur Ziel-, sondern in vielen Fällen Transit-Flughafen, also ein osteuropäisches Drehkreuz. Aus fünf deutschen und sechs westeuropäischen Städten wird Kaliningrad seit kurzem, teilweise täglich, angeflogen. Weiterflüge gibt es nach Minsk/Weißrußland, Kiew/Ukraine, Astana/Kasachstan und ein halbes Dutzend russische Städte. Die Maschinen sind bei weitem nicht ausgebucht, aber die Zielsetzung ist klar: Moskau will mit dieser Entwicklung ein Zeichen setzen für Kaliningrad als Luftbrücke zwischen der EU und der Russischen Föderation.

Eine andere wirtschaftliche Weichenstellung bedeutet das Verbot von Glücksspielbetrieben in der Russischen Föderation ab 2009. In einer Ausschreibung wurden vier Regionen ausgelobt, in denen sich ab 2009 eine kontrollierte Amüsier- und Glücksspielwelt entfalten kann. Einen Zuschlag erhielt auch die Region Kaliningrad, die in dem Gebiet Palmnicken eine Art Las Vegas aufbauen wird. Das bedeutet eine ungeheure wirtschaftliche Dynamik für die ganze Region, einschließlich Hotels und ergänzenden touristischen Attraktionen für Gäste aus der Russischen Föderation und aus aller Welt, aber auch eine weitere Absage an die deutsche Vergangenheit des Samlandes und der Samlandküste. Beschaulichkeit wird man da bald nicht mehr finden.

In diese Großwetterlage aus politischer Gestaltung, wirtschaftlicher Entwicklung, städtebaulichen Konzeptionen und theologisch-kirchlicher Mythenbildung fügen sich die kleinen Mosaiksteine harmonisch ein. Kaliningrad ist schöner geworden. Es gibt Parks mit gepflegten Anlagen, Rasen, Blumenrabatten und Bänken, die junge Leute, Mütter mit Kindern und Alte zum Verweilen einladen, schöne Wege und schattige Bäume. An den Ufern des Schloßteichs sitzen Angler, die Uferwege entlang laufen Jogger, Schulkinder nutzen die Anlagen um den Teich für ihren Sportunterricht: eine sympathische Normalität. Aber dann steht man auf einmal vor dem Denkmal für den U-Boot-Kommandanten Marinesko, der das Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ versenkt und fast zehntausend Menschen in den Tod geschickt hat; gleich an zwei Stellen wird dieses „Helden“ am Schloßteich gedacht. Und schon ist die Idylle nicht mehr Königsberg, sondern die russische Realität Kaliningrad, die auch sonst an neuen Ehrenmalen reich ist.

Es gibt weitere Details. Neben dem Haupteingang des Domes prangt links an der Wand ein Medaillon Peters des Großen, der nie im Dom gewesen ist. Aber jeder junge Russe wird sich natürlich eine Verbindung denken. Peter der Große steht auch vor der früheren Oberfinanzdirektion am Hansaring, heute Prospekt Mira. Besucht man den früheren Walter-Simon-Platz – heute Arena des russischen Fußball-Zweitligisten Baltika Kaliningrad – oder den Luisenpark mit der neuen Waldbühne, dann befindet man sich ganz eindeutig im neuen Kaliningrad, in das man das alte Königsberg, soweit es überlebte, integriert hat. Ähnlich ergeht es dem Besucher, wenn er von der Kneiphofinsel hinüberschaut zum neuen „Fischdorf“, einer Art Disney-World-Attrappe, die mit dem alten Königsberg nichts zu tun hat.

Natürlich gibt es den Gedenkstein für Ernst Wiechert am und sogar ein Museum für den Dichter im früheren Hufengymnasium, die Agnes-Miegel-Plakette an ihrem Wohnhaus in der Hornstraße, die Kant-Tafel an der Südwestecke der früheren Schloßmauer, das zum Stadtjubiläum restaurierte Königstor und einige andere „Erinnerungsstücke“ an Königsberg in Kaliningrad; ja es gibt sogar Neues, das an Altes erinnert, wie die Kant-Bank im Gelände des Museums der Meere oder das Münchhausen-Denkmal im Luisenpark. Auch an die Neuerrichtung des Königsberger Schlosses denkt man. 2010 soll es auf den alten Fundamenten neben dem Haus der Räte stehen. All das führt klar vor Augen, daß die Ästhetisierung Kaliningrads mit der Musealisierung Königsbergs einhergeht. Ein kritischer Beobachter brachte es auf den Punkt: Königsberg ist im neuen Kaliningrad, was die Porta Nigra in Trier oder die Porta Praetoria in Regensburg sind. Wie diese römischen Relikte in einigen deutschen Städten, so gibt es eben auch deutsche Relikte im russischen Kaliningrad.

Ein besonders charakteristischer Höhepunkt dieses Trends, wenngleich mit einem sympathischen Grundanliegen, ist die Königsberg GmbH, ein Architekturbüro im glanzvollen Glasneubau „Akropolis“ nahe der früheren Ostmesse. Die durchweg junge und hochqualifizierte Mitarbeiterschaft, alle in den Zwanzigern, wird geleitet von Chefarchitekt Arthur Sarnitz, Anfang vierzig, einem Enthusiasten des alten Königsberg. Alles was er über die Altstadt und den Kneiphof erhalten kann, verarbeitet er mit seinem Team mit der hochmodernen Rechneranlage zu virtuellen Rekonstruktionen der alten Königsberger Stadtteile mit dem Ziel, diese eines Tages wiederaufzubauen. Er hat die Archive, vor allem die Postkartensammlungen, des Museums Stadt Königsberg in Duisburg und des Herder-Instituts in Marburg bereits ausgewertet, hat auch das Kulturzentrum Ostpreußen in Schloß Ellingen besucht und wird jetzt ein Team nach Berlin schicken, um Baupläne im Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sichten zu lassen. Wer alte Postkarten der Königsberger Altstadt oder des Kneiphofs in seinem privaten Besitz hat, ist bei Arthur Sarnitz herzlich willkommen: arthur@sarnitz.com.

Es ist atemberaubend anzuschauen, was diese jungen Kaliningrader Idealisten alles wissen und bereits geschaffen haben. Ihre Anerkennung als historische Architekten ist ihnen sicher. Schon lassen sich Wohlhabende ihre alten deutschen Villen historisch getreu restaurieren. Für den Broterwerb ist man im Kaliningrader Gebiet und in der Russischen Föderation an Großprojekten, wie dem Europa-Zentrum in Kaliningrad, beteiligt. Geniale Spinner? Man wird sehen. Für Königsberger ist es beglückend zu sehen, wie begeistert junge Kaliningrader vom alten Königsberg sind. Was sie zuwege bringen, ist zumindest Bewahrung von Geschichte, Stadt- und Baugeschichte. Aber wiederbringen und lebendig machen werden sie das alte Königsberg nicht. Dennoch, sie setzen einen leuchtenden Stein, einen Königsberger Bernstein, mit ihrer Arbeit in das unaufhaltsam wachsende Kaliningrad mit seiner eindeutig russischen Identität.

Sollen die Königsberger angesichts dieser Realität den Kopf hängenlassen? Der deutsche Generalkonsul Dr. Guido Herz sieht das nicht so. In einer engagierten Ansprache anläßlich eines Begrüßungsabends der Königsberger im Deutsch-Russischen Haus für die russischen Freunde aus Wissenschaft und Kultur am 19. September 2007 erklärte er den russischen Gästen die Bedeutung der Königsberger für das neue Kaliningrad. Die Königsberger seien seit 1991 als Freunde in ihre alte Heimatstadt gekommen, hätten in vielfältiger Weise geholfen und zahlreiche Verbindungen im wissenschaftlichen, kulturellen, humanitären und medizinischen Bereich zwischen Russen und Deutschen aufgebaut. Die Königsberger seien keine Revanchisten oder Regermanisierer, wie es manchmal fälschlich behauptet und zu Unrecht befürchtet wird, sondern echte und vertrauenswürdige Wegbereiter und Mitarbeiter für eine Völkerverständigung zwischen Deutschen und Russen. An die anwesende Königsberger Delegation gewandt, sagte der Generalkonsul: „Machen Sie weiter! Sie werden hier gebraucht. Kommen Sie regelmäßig hierher und halten Sie die Kontakte, die Sie aufgebaut haben. Ihr Rat wird gebraucht, und nur wenn Sie ihn weitergeben, wird auch Ihr Erbe in dieser Stadt in dem Sinne weiterleben, wie Sie es mit Ihren Freunden besprechen.“

Lange haben die Königsberger auf ein anerkennendes Wort dieser Art von offizieller Seite warten müssen. Sie sind dem deutschen Generalkonsul dankbar für seine Klarheit und Offenheit und für die Anerkennung der geleisteten Arbeit. Stadtgemeinschaft und Stiftung Königsberg werden diese Arbeit fortsetzen. Das ist das Ziel der Stiftung Königsberg im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, die auch in Zukunft die Grundlage für die Tätigkeit der Königsberger sichern wird – damit Königsberg lebt, auch in Kaliningrad!

Klaus Weigelt (KK)

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