Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1308.

Königsberger aus Berufung

Der Architekt Igor Schelepow und sein „ostpreußisches“ Engagement

Der aus Sibirien gebürtige und seit 1972 in Kaliningrad lebende Architekt und Maler Igor Schelepow verwirklichte als Inhaber des Architekturbüros „Altstadt“ zahlreiche Projekte in und um Kaliningrad. Er war auch der Schöpfer des Holzmodells der zweisprachigen Kanttafel an der Südwestecke der neu gefaßten Terrassenmauer mit der Freitreppe zum Zentralplatz, dem früheren Schloßgelände, auf dem sich heute eine ausgedehnte Springbrunnenanlage und ein Geschäftscontainer-Viertel gegenüber dem Hotel Kaliningrad erstreckt.

Wo noch bis zur Sprengung des Westflügels des Schlosses im Winter 1967/68 unter Breschnew der Granitsockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals verblieben war, ließ Fritjof Berg, der ehemalige Vorsitzende der Stadtgemeinschaft Königsberg (Pr), 1993 eine Nachbildung der bronzenen Kanttafel anbringen, die 1904 zum 100. Todestag Immanuel Kants an der westlichen Schloßmauer in der Kantstraße zum Gesekusplatz hin eingeweiht worden war. In einem Artikel unter dem Titel „Unsere Königsberger Gedenktafel“ wird 1904 angemerkt, daß sie in der Württembergischen Metallwarenfabrik Geislingen bei Stuttgart ausgeführt wurde, welche in der unweit des Schlosses gelegenen Junkerstraße ein Fabriklager (Ed. Kerschbaumer) besaß.

Die neue Tafel informiert auf den Seitenkanten in Gravurschrift: „Kanttafel. / Original frueher an der Westseite des Koenigsberger Schlosses. Seit 1945 verschollen / Zweisprachige Neugestaltung: / Das Modell schuf 1989 Igor Schelepow. Mit Spenden von frueheren Buergern der Stadt Koenigsberg (Pr) / 1993 hergestellt in der Bronzegiesserei Poppe und Sohn, Kiel“. Regierungsdirektor a.D. Berg, auf dessen Initiative Schelepows Modell in die Kieler Leichtmetall- und Bronzegießerei transportiert worden war, schreibt, daß die Tafel am 23. September 1993 unter anderem durch den Bezirksbürgermeister Kaliningrad-Mitte, Juri Gedzenko, durch den Präsidenten der russischen Kant-Gesellschaft, Professor Leonard Kallinikow, und durch Schelepow, der auch stellvertretender Direktor des Deutsch-Russischen Hauses und Vorsitzender der russisch-deutschen Gesellschaft „Eintracht“ war, enthüllt wurde.

Wie früher ist die Kanttafel am geschwungenen Giebel mit Sternen und im Giebelfeld mit Strahlen der aufgehenden Sonne verziert. Unter der Girlande stehen nun die Worte des Philosophen aus der „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) sowohl in deutscher als auch in russischer Sprache: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Von Schelepow, der für sein Engagement – es war noch vor der Öffnung der Stadt 1991 – wegen Deutschfreundlichkeit angefeindet wurde, stammt auch ein Entwurf für den Wiederaufbau des Königsberger Schlosses von 2003. Auf dem Computer hat er mittels CAD-Programm ein farbiges dreidimensionales Modell mit Seitenansichten und aus der Vogelperspektive entworfen, bei dem er ein zur Hälfte gekapptes „Haus der Räte“ zu integrieren versuchte, ein mehr denn gewagtes Unterfangen.

Bisher ist es bei der neuen Kanttafel geblieben. Vielleicht geben die geplanten weiteren Ausgrabungen der Schloßfundamente und -keller einen Anstoß zu einem Wiederaufbau des Schlosses in noch historischen Formen.

Heinrich Lange (KK)

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