Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1350.

„Kritiken“ wie Kritik werden dringend gebraucht

Damit das klar wird, eröffnen die Stiftung Königsberg und die Ostpreußische Kulturstiftung die Kant-Dekade 2014–2024

Kritiken-wie-KritikGemeinsam mit etwa fünfzig Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurde am 13. Oktober 2014 in Berlin von der Stiftung Königsberg und der Ostpreußischen Kulturstiftung als Schirmherren und Träger die Kant-Dekade 2014–2024 eröffnet. Die Idee entstand Ende Mai 2014, als der Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig das Museum Stadt Königsberg in Duisburg besuchte. Nach einem zweistündigen Rundgang, der den Abgeordneten tief beeindruckte, wurde in einem Gespräch mit Museumsleiter Lorenz Grimoni und dem Vorsitzenden Klaus Weigelt die Idee der Kant-Dekade geboren, die den 300. Geburtstag Immanuel Kants im Jahre 2024 gebührend vorbereiten soll. Der Abgeordnete suchte sich aus den Sammlungen des Museums das Kant-Porträt von Johannes Heydeck (1835–1910) aus, organisierte in Berlin die Verbindung zur Parlamentarischen Gesellschaft, dem Treffpunkt der Bundestagsabgeordneten, und einen Termin für die Übergabe des Gemäldes, das Museumsleiter Lorenz Grimoni in der Zwischenzeit restaurieren ließ, als Leihgabe.

Der Festakt der Bildübergabe war eine Sternstunde in der Geschichte beider Stiftungen. Die Festversammlung wurde vom Alterspräsidenten des Deutschen Bundestages, Professor Heinz Riesenhuber, zugleich Hausherr der Parlamentarischen Gesellschaft, gegenüber dem Reichstag gelegen, mit einer herzlichen Ansprache begrüßt. Anschließend übergaben Lorenz Grimoni und Klaus Weigelt das Kant-Bildnis, das zunächst für fünf Jahre als Leihgabe in der Bibliothek der Gesellschaft seinen Platz neben einem Fenster hat, durch das man auf die Ostseite des Reichstages sieht. Museumsleiter Grimoni erläuterte die Geschichte des Bildes, das über lange Jahre einem „unbekannten Maler“ zugeschrieben worden war.

Höhepunkt des Festaktes war die Ansprache von Bundestagspräsident Professor Dr. Norbert Lammert, der schon 2010 zur Eröffnung der Ausstellung „Kant – der Europäer“ in Duisburg gewesen war und sich damals zwei Stunden mit dieser Ausstellung beschäftigt hatte. Wer damals das Geleitwort von Professor Lammert im wissenschaftlichen Begleitband gelesen hatte, konnte jetzt bei seiner Rede feststellen, dass er die Verbindung Kantschen Denkens mit der politischen Aktualität und Realität weiterführte und diesmal im Hinblick auf das Verhältnis zu Russland reflektierte. Mehrfach zitierte Lammert das Kant-Wort aus der Schrift „Zum ewigen Frieden“: „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staates gewalttätig einmischen.“

Zum Schluss erinnerte er an die Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin 2001 im Deutschen Bundestag. Damals erklärte Putin „in der Sprache von Goethe, Schiller und Kant“ folgende Position, die Lammert wörtlich zitierte: „Unter der Wirkung der Entwicklungsgesetze der Informationsgesellschaft konnte die totalitäre stalinistische Ideologie den Ideen der Demokratie und der Freiheit nicht mehr gerecht werden. Der Geist dieser Ideen ergriff die überwiegende Mehrheit der russischen Bürger. Gerade die politische Entscheidung des russischen Volkes ermöglichte es der ehemaligen Führung der UdSSR, diejenigen Beschlüsse zu fassen, die letzten Endes zum Abriss der Berliner Mauer geführt haben. Gerade diese Entscheidung erweiterte mehrfach die Grenzen des europäischen Humanismus, sodass wir behaupten können, dass niemand Russland jemals wieder in die Vergangenheit zurückführen kann. – Was die europäische Integration betrifft, so unterstützen wir nicht einfach nur diese Prozesse, sondern sehen sie mit Hoffnung. Wir tun das als ein Volk, das gute Lehren aus dem Kalten Krieg und aus der verderblichen Okkupationsideologie gezogen hat.“

Zitate von Kant und Putin entfalten gerade unkommentiert ihre volle Wucht angesichts der Realität in Osteuropa, die den Worten bzw. Worthülsen eklatant Hohn spricht.

Die Tatsache, dass der Bundestagspräsident weder das Kant- noch das Putin-Zitat weiter kommentierte, sondern einfach so stehen ließ, erhöhte die Wucht dieser Aussagen angesichts der diesen Worten heute hohnsprechenden Realität in Osteuropa.

Den Abschluss des Festaktes bildete ein etwa halbstündiges Gespräch mit dem Kant-Forscher Professor Steffen Dietzsch (Berlin) und dem deutschen Generalkonsul in Kaliningrad, Dr. rer. nat. Dr. phil. Rolf Friedrich Krause, unter der Leitung von Klaus Weigelt. Dietzsch erläuterte, dass Kant heute und auf weiteres seine Aktualität behalten werde, weil er mit dem alten Denken im 18. Jahrhundert aufgeräumt und den Durchbruch zur Moderne vorgezeichnet habe mit seinem Aufruf: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Mit Kant höre das unkritische Nachbeten von Behauptungen vermeintlicher oder angemaßter Autoritäten auf! Krause brachte neue Informationen aus Kaliningrad mit. Nachdem bereits Putin vor einiger Zeit seine hohe Wertschätzung für Immanuel Kant geäußert hatte, werde die Kaliningrader Gebietsadministration eine eigene Kommission einsetzen, die sich dem Kant-Gedenken und Kants Philosophie mit Blick auf das Jubiläum 2024 widmen soll. Ob an dieser Arbeit auch deutsche Kant-Forscher beteiligt werden sollen, sei noch nicht bekannt.

Ein großer Empfang in den repräsentativen Räumlichkeiten der Parlamentarischen Gesellschaft beendete die in jeder Hinsicht gelungene Veranstaltung. Die Vorstände der beiden Trägerstiftungen der Kant-Dekade sind der Überzeugung, dass die Einführung Immanuel Kants in Berlin anlässlich der Eröffnung der Kant-Dekade auf höchster staatlicher Ebene als einmaliger Erfolg für die ostdeutsche Kultur zu bewerten ist und dass damit auch die Zusammenarbeit mit der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien einen guten Schritt vorankommen wird.

In den nächsten Jahren sind Ausstellungen, Vortragsreihen, Buchpublikationen, Informationen für die Öffentlichkeit, insbesondere für Schüler und Studenten, und viele weitere Aktivitäten geplant. Ein Schwerpunkt wird auf der deutsch-russischen Zusammenarbeit liegen. Zu Weihnachten wird ein Informationsprospekt vorliegen; ein Internetauftritt ist vorgesehen.

Klaus Weigelt (KK)

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