Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1362.

Kultur ist, wenn einer anpackt

Ein „Weltmensch“ wie Jan Niezwiestny braucht keine hehren Vorsätze, um Vorstellungen umzusetzen – im Schloss Juditten

Jan Niezwiestny ist ein Weltmensch – und er hat einen Traum: die Bewahrung des preußischen Schlosses Juditten für die Nachwelt.S6--Juditten-2

Ein Auto mit schwedischem Kennzeichen steht auf dem Hof neben dem Schloss, wo ein älterer Herr in rotem Pullover mit der Motorsäge im Park arbeitet. Erst ein wenig argwöhnisch über den Besuch, in der einsamen Gegend acht Kilometer vor der Grenze zum russischen Teil Ostpreußens, erzählt er einige Fakten aus seinem Leben. Der Sohn eines Georgiers und einer Russin hat „Dentist“ gelernt und war während der Regierungszeit von Boris Jelzin zunächst in der „russischen Wirtschaft“ tätig. Danach ging Niezwiestny mit seiner Frau, die deutsche Vorfahren hat und aus dem Raum Gleiwitz stammt, nach Schweden, wo seine Tochter heute lebt. Einige Worte verliert der Eigentümer des Schlosses Juditten über seine Aktivitäten bei der Fährlinie zwischen dem schwedischen Nynäshamn und dem polnischen Gdynia/Gdingen. „Ich habe sie gegründet“, ist seine knappe Aussage. Recherchiert man im Internet, taucht der Name Niezwiestny immer wieder im Zusammenhang mit Aktivitäten der Fährgesellschaft PZB, der Polskiej Zeglugi Bałtyckiej, auf.

Seit 1991 habe er den Verfall des im Stil der Neugotik und des Klassizismus errichteten ostpreußischen Gutes beobachtet, immerhin die Geburtsstätte von Eberhard von Kuenheim, der von 1970 bis 1993 Vorstandsvorsitzender der BMW AG in München war, erläutert er. 1998 gelang ihm der Erwerb des Schlosses und der Parkanlage sowie einiger Nebengebäude. Seither arbeitet Jan Niezwiestny – ohne jeglichen persönlichen Hintergrund in Ostpreußen zu haben – einfach aus Freude an dem schönen historischen Gebäude und seinem Umgriff an der Restaurierung des Schlosses. S7_Juditten-1

Der Ort Juditten gehörte ursprünglich der aus Prußen stammenden Adelsfamilie von Lesgewang. 1711 ging er in den Besitz der Familie von Kuenheim über. Ein erstes Gebäude an der Stelle des heutigen Palastes, das Maria Elisabeth von Kuenheim 1733 errichten ließ, wurde in der napoleonischen Zeit zerstört und durch ein klassizistisches ersetzt. Dieses, an einem kleinen See gelegen, wurde 1862/63 unter Wilhelm von Kuenheim, verheiratet mit Fanny von der Groeben aus Groß Schwansfeld, zu seiner jetzigen Gestalt umgebaut. An das alte Haus erinnert noch ein Relief an der Südwand der Wagenremise mit den Initialen M. E. und der Jahreszahl 1733. Das Schlossgut diente bis zum Zweiten Weltkrieg als Familiensitz.

Juditten war eines der ältesten Gestüte in Ostpreußen. Es war berühmt für seine Zucht reinrassiger Trakehner. Das Schlossgebäude überstand den Krieg und wurde danach von staatlichen Stellen und dem Trakehner-Gestüt in Liesken genutzt.

Die Schlossanlage bestand aus einem Palast und einer großer Anzahl von Gebäuden für die landwirtschaftliche Nutzung, von denen viele schon wegen Baufälligkeit beseitigt wurden. Das Schloss steht an einem Teich im Park, zu dem es zwei Zugänge gibt. Im Park war ein großer Garten angelegt. Das alte System aus Wegen mit verschiedenen Sorten von Bäumen und Pflanzen und die alte Eichenallee sind sehr verwachsen.

Der Palast selbst, im gotischen Stil und Klassizismus erbaut, wurde auf einem rechteckigen Grundriss errichtet. Es handelt sich um ein zweistöckiges Gebäude über einem hohen Gewölbekeller mit zwei Terrassen. Das fast flache Dach ist als Walmdach ausgeführt, die Fassaden sind aus Klinker. Links und rechts neben den Treppenaufgängen zum Haupteingang liegen zwei Skulpturen, ein schlafender und ein wachender Löwe, die 1889 bei der Weltausstellung in Paris erworben wurden. Sie wurden nach einem von Christian Daniel Rauch gefertigten Entwurf 1822 in Gleiwitz gegossen.

Seit dem Kauf ist Jan Niezwiestny mit Erhalt und Renovierung beschäftigt. Vier Räume bewohnt er selbst, und aus einer ehemaligen Dienstbotenunterkunft möchte er ein Gästehaus machen. Dabei steht er, der als Einzelkämpfer sehr viel selbst machen möchte, vor enormen Problemen. Nässeschäden durch die jahrelang undichten Dächer sind zu beseitigen, mit Dacheindeckung und neuen Dachrinnen wurde der Anfang gemacht. Im Eingangsraum, der durch ein nach oben offenes Treppenhaus mit Lichtkuppel erhellt ist, ist noch der originale Fliesenboden verlegt, während das Parkett aus mehreren Räumen nach dem Kriege verheizt worden ist. Teilweise ist in diesen Zimmern noch der Originalstuck vorhanden, einige der früheren Kachelöfen wurden ebenso wie das gesamte Mobiliar in der Nachkriegszeit entfernt. So hat Niezwiestny die heute in den Räumen stehenden antiken Möbel allesamt aus anderen Quellen erworben. Auch im großen Gewölbekeller zeigt der Besitzer Spuren der gewaltsamen Aktionen von Vorbesitzern, die Türschlösser mit der Motorsäge aus den hölzernen Türblättern ausgesägt haben. Die ehemalige Hauskapelle hat er ebenfalls leer vorgefunden.

Nachdem uns Jan Niezwiestny bis zur Ausfahrt begleitet hat, versperrt er das Tor zum Park: „Selbst Metallschrott darf man nicht offen zugänglich liegen lassen, weil in dieser Gegend viele Dinge anderweitig gebraucht werden“, so der Schlossbesitzer zum Abschied.

Manfred E. Fritsche (KK)

«

»