Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1258.

Kulturelle Kür

Der Sudetendeutsche Tag – eine Leistungsschau von Wissenschaftlern und Künstlern, die sich zum bayerischen „vierten Stamm“ bekennen

Es ist immer wieder faszinierend und überraschend, welch angesehene Wissenschaftler und arrivierte Künstler die – doch schon stark geschrumpfte – sudetendeutsche Volksgruppe jedes Jahr bei ihrem Pfingsttreffen als Empfänger ihrer Kulturpreise präsentieren kann.

Neben Preisträgern, die noch durch ihre Kindheit im Sudetenland und die Vertreibung geprägt wurden, nimmt die Zahl junger, nach der Vertreibung geborener Talente zu, deren Eltern – oder zumindest ein Elternteil – aus Böhmen, Mähren oder Sudetenschlesien stammen und die sich zu dieser Abstammung bekennen und sich mit ihr identifizieren. Auch daß tschechische Personen oder Institutionen mit einem sudetendeutschen Kulturpreis gewürdigt werden, kündet von der zeitgemäßen Fortentwicklung einer bereits 53jährigen Tradition. Die Ehrung der ausgezeichneten Persönlichkeiten erfüllt nicht nur die sudetendeutschen Landsleute mit Stolz und Genugtuung. Sie könnte auch der breiten deutschen und tschechischen Öffentlichkeit, die das Schicksal der Vertreibung als unausweichlich oder sogar rechtmäßig akzeptiert bzw. bestenfalls ignoriert, deutlich machen, welchen immer noch fruchtbar fortwirkenden geistigen und kulturellen Reichtum die westlichen Aufnahmeländer geschenkt bekommen und die Vertreiberstaaten verloren haben.

Es war ein zu Herzen gehender Moment, als der bald 80jährige international renommierte Gletscherforscher Dr. h.c. Oskar Reinwarth, der beim diesjährigen 59. Pfingsttreffen in Nürnberg mit dem Großen Sudetendeutschen Kulturpreis ausgezeichnet wurde, in seiner Dankesrede für einen Augenblick mit den Tränen kämpfte, als er sich seiner Mitschüler im erzgebirgischen St. Joachimsthal erinnerte. Auffallend und bemerkenswert sind – wie es der Dankredner formulierte – das „weite Spektrum der Preisträger“, „ihre Verbundenheit mit der Heimat“ und „ihre Leistungsbereitschaft“.

Der 1929 in Schlackenwerth (Kreis Karlsbad) geborene Oskar Reinwarth wurde als bedeutender Glaziologe und Polarforscher geehrt. Nach dem Studium der Meteorologie und der Geophysik nahm Reinwarth an zahlreichen, zum Teil monatelangen Grönland- und Antarktis-Expeditionen teil. Seine Forschungsergebnisse fanden in vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Vorträgen ihren Niederschlag. Der Gipfel auf einer Insel in der Antarktis heißt seit 1991 „Reinwarth-Höhe“.

Dr. Lothar Beckel, 1934 im nordböhmischen Langenau (Kreis Böhmisch Leipa) geboren, erhielt den Kulturpreis für Wissenschaft für seine Leistungen als Geograph, Kartograph und Verleger. Der in Österreich lebende Preisträger gehört zu den wissenschaftlichen Pionieren, die Satellitenbilder aus dem Weltraum für die Entwicklung neuartiger Landkarten und Atlanten nutzen. 1984 gründete er den Verlag „Geospace – Satellitendaten und Satellitenkartenauswertung“, bis heute der einzige Verlag in Europa, der sich auf Satellitenkarten und -atlanten spezialisiert hat. Ziel ist die „Erforschung der Zusammenhänge zwischen Wachstum der Weltbevölkerung, der Veränderung von Wirtschaftsstrukturen und deren Auswirkungen auf den Haushalt auf globaler Ebene“.

Herbert Schmidt-Kaspar, Pädagoge, Historiker und erfolgreicher Schriftsteller aus dem nordböhmischen Reichenberg, Jahrgang 1929, erhielt den Preis für Literatur, den er wegen Krankheit allerdings nicht persönlich entgegennehmen konnte. Schmidt-Kaspar, der die Tätigkeit des Lehrers von Anfang an mit der des Schriftstellers verband, schrieb mit „Wie Rauch vor starken Winden“ einen der frühesten Romane über das Vertreibungsschicksal. Flucht und Vertreibung blieben thematisch im Mittelpunkt seiner Romane und Erzählungen, auch wenn sein literarisches Werk darüber hinaus breit gefächert Kurzgeschichten, Essays, Gedichte und schließlich sogar mit „Kaiser, König, Edelmann“ (2006) und „Altstadtgassen und Adelshöfe“ (2007) zwei historische Sachbücher umfaßt.

Der Preis für bildende Kunst wurde dem Bildhauer und Plastiker Franz Heppner verliehen, der 1937 in Blumendorf bei Iglau auf die Welt kam. Typisch für den in Nürnberg lebenden Künstler sind ausgeprägt realistische Plastiken und Porträts aus Stein und Bronze, die ihm nach eigener Aussage durch Großaufträge, die seine Existenzgrundlage darstellten, ermöglicht wurden. Charakteristisch für seine Porträts ist, daß er sie aus härtestem Naturstein meißelt, was Willenskraft ebenso voraussetzt wie handwerkliches Fingerspitzengefühl.

Sohn eines aus Olmütz stammenden Oberspielleiters und Schauspielers und einer von den NS-Machthabern aus dem Badischen nach Böhmen strafversetzten Lehrerin ist der 1961 in Flensburg geborene Kulturpreisträger für Musik Markus Karas. Der schon von der Grundschule an musikalisch ausgebildete Organist, Dirigent und Komponist hat sich vor allem als Kirchenmusiker einen Namen gemacht. Er ist Regional- und Münsterkantor sowie Organist an der Basilika Sankt Martin zu Bonn und Dirigent verschiedener hochklassiger Chöre.

Der 1967 in Stuttgart geborene Jazzer und Komponist Gregor Hübner wurde in der Sparte darstellende und ausübende Kunst ausgezeichnet. Sowohl sein 1940 im sudetenschlesischen Jägerndorf geborener Vater als auch seine aus Stuttgart stammende Mutter sind Berufsmusiker. Gregor Hübner begann seine musikalische Ausbildung schon als Kind, lernte beim Konzertmeister der Wiener Symphoniker klassische Violine und an der Stuttgarter Musikhochschule zusätzlich Jazz-Klavier. Als Ensemble-Musiker ist er unter anderem in der New Yorker Musikszene zu Hause, wo er sich auch zu Pfingsten bei einem Konzert aufhielt. Den Preis nahm sein Vater in Empfang.

Die beim diesjährigen sudetendeutschen Pfingsttreffen mehrfach erwähnten Signale für einen beginnenden tschechisch-sudetendeutschen Dialog auf politischer Ebene waren auch im kulturellen Bereich zu vernehmen. So wurde der in Franzensbad/Frantiskovy Lázne ansässigen Alois-John-Gesellschaft der Volkstumspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft zuerkannt. Gründer und Vorsitzende der 2002 in der Tschechischen Republik ins Leben gerufenen Gesellschaft sind der Germanist, Literaturhistoriker, Museologe und Archivdirektor Dr. Jaromir Bohác aus Eger und der Franzensbader Kurarzt, Forscher und Vorstandsvorsitzende der Bad Franzensbad AG, Dr. Roman Salamanczuk. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Persönlichkeiten der Geschichte und des kulturellen Lebens, Geographie und Natur, Mensch und Haus, Vertreibung und Neubesiedlung des Egerlandes zu erforschen und zu dokumentieren.

Auch die Verleihung des Europäischen Karlspreises, der höchsten Auszeichnung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, an den tschechischen Menschenrechtler und Publizisten Petr Uhl unterstrich das Bemühen, in den tschechischen Nachbarn nicht Gegner, sondern Partner zu sehen. Der Linksliberale Uhl hat die Vertreibung der Deutschen aus dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik von Anfang an verurteilt und bedauert.

Einen wichtigen Markstein setzte der diesjährige Sudetendeutsche Tag, der unter der Losung „Für Heimat und Menschenrecht“ stand, für die lange geplante Verwirklichung eines Sudetendeutschen Museums. In ihm sollen das beinahe 1000jährige Zusammenleben der Völker und Volksgruppen im mitteleuropäischen Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien sowie die Kulturleistungen der Sudetendeutschen in der Heimat und nach der Vertreibung dokumentiert werden. Ein von der Historikerin und Museumsexpertin Prof. Dr. Marita Krauss erarbeitetes umfassendes Konzept wurde in Nürnberg erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt und wird nun von der bayerischen Staatsregierung geprüft. Der neue bayerische Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein sprach sich nachdrücklich für dieses Landesmuseum im Sudetendeutschen Haus in München aus. Es müsse modern und effizient sein und Bayern ebenso wie seinem „vierten Stamm“ zur Ehre gereichen.

Ute Flögel (KK)

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