Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1317.

Kulturhauptstadt ist zunächst eine Behauptung

Marburg an der Drau / Maribor in Slowenien tritt in diesem Jahr den Beweis an, daß sie stimmt

Europäische Kulturhauptstadt zu sein bringt kurzfristig internationale Aufmerksamkeit mit sich, auf längere Sicht auch touristische und mitunter wirtschaftliche Vorteile. Doch es hat seinen Preis, nicht nur hinsichtlich der erforderlichen Investitionen, sondern ebenso in Gestalt organisatorischer Probleme mit daraus resultierenden, teils heftigen lokalpolitischen Reibereien. Im schlimmsten Fall blamieren sich die Verantwortlichen nicht nur gegenüber der örtlichen Bevölkerung, sondern ebenso in der interessierten europäischen Öffentlichkeit.

Vor allem die seit dem Umbruch von 1989 gekürten ostmitteleuropäischen Kulturhauptstädte warteten regelmäßig mit Negativschlagzeilen über Planungsfehler, Korruption und unfähige kommunale Seilschaften auf. Während sich Hermannstadt/Sibiu 2007 mit Anstand aus der  Affäre zog und auf überfällige Geldzuweisungen aus Bukarest noch rechtzeitig verzichtete, um die Planung allein in die Hand zu nehmen (die Finanzhilfen aus der Hauptstadt kamen irgendwann doch), hinterließen beispielsweise Fünfkirchen/Pécs (2009) und Reval/
Tallin (2011) alles andere als einen perfekten Eindruck. Zumindest bis weit ins Kulturhauptstadtjahr hinein paßte vieles unter die Überschrift „Pleiten, Pech und Pannen“. Danach machte die in Zeiten sozialistischer Planwirtschaft gelernte Improvisationskunst der Bewohner und der in Jahrhunderten gewachsene
architektonische Reiz dieser kulturgesättigten Städte etliche Organisationsmängel wett. Zum Schluß hieß es in der Regel: „Ende gut, alles gut!“

Auf ein halbwegs erfreuliches Fazit hofft man nun auch in Marburg an der Drau/Maribor, der mit 117000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Sloweniens. Diese trägt seit der offiziellen Eröffnung am 14. Januar gemeinsam mit dem portugiesischen Gilmaraes den Ehrentitel. Im Verbund mit den ostslowenischen Kommunen Pettau/Ptuj, Novo mesto, Murska Sobota, Velenje und Slovenj Gradec  hatte man sich in einem engagiert geführten nationalen Vorentscheid sogar gegen die ansonsten alles dominierende Hauptstadt Laibach/Ljubljana durchgesetzt. Endlich, so schien es, würde es eine erkennbare Stärkung der unterentwickelten östlichen Landesteile und der Provinzmetropole Marburg geben. Denn während Laibach nach dem Untergang des Sowjetimperiums zu einem schmucken Kultur- und Verwaltungszentrum herausgeputzt wurde und in dem im äußersten Südwesten gelegenen slowenischen Zipfel Istriens der Tourismus die Kassen füllt, glaubt sich der Osten vernachlässigt und sieht sich schmerzhaften Strukturreformen ausgesetzt.

Letztere treffen den traditionellen Gewerbe und Industriestandort Marburg, der sechs Jahrhunderte lang als Teil des Herzogtums Steiermark zu Österreich gehörte, besonders schwer. Die Entwicklung der Stadt an der Drau hatte sich mit der Eröffnung der Eisenbahnverbindung zwischen Wien und Triest im Jahre 1846 rasant beschleunigt. Mindestens bis zum Ende der Donaumonarchie blieb der aus der frühmittelalterlichen „Marchpurg“ hervorgegangene urbane Mittelpunkt der sogenannten Untersteiermark (slowenisch Stajerska) ökonomisch bedeutsam. Noch in den Jahren der Zugehörigkeit zum Großdeutschen Reich während des  Zweiten Weltkrieges siedelten sich dort die Flugmotorenwerke Ostmark an, ein umfangreicher Zweigbetrieb der Junkers- und später der Daimler-Benz-Werke, der ansonsten nur noch in Wiener Neudorf, dem mährischen Brünn sowie zuletzt im slowakischen Dubnitz an der Waag fertigte. Auch vor diesem Hintergrund kam es zu schweren Bombardements der Westalliierten, deren Zerstörungen im Stadtbild sich bis heute erkennen lassen.

Nach 1945 ging mit der sozialistischen Planwirtschaft die Entwicklung zum Zentrum der jugoslawischen Schwerindustrie einher. Zahlreiche Arbeitskräfte aus Kroatien, Serbien, Bosnien und Mazedonien kamen hierher und machten Marburg zu einem multikulturellen „Schmelztiegel“. Nach 1991 gingen die alten jugoslawischen Absatzmärkte weitgehend verloren, die international nicht mehr konkurrenzfähigen Fabriken mußten reihenweise schließen. 16000 Menschen sind mittlerweile arbeitslos, Tendenz steigend. Die seit der slowenischen Unabhängigkeitserklärung gegründeten rund 3000 Kleinunternehmen mit jeweils nur einigen wenigen Angestellten vermochten das Heer der Entlassenen nicht aufzufangen. Das mittlere Einkommen der einst eher privilegierten Marburger beläuft sich heute bloß noch auf 75 Prozent des Landesdurchschnitts. Manche wandern ab, andere flüchten in Jugostalgie oder suchen im Stadion der Spitzenfußballer des NK Maribor nach kollektiver Identität, wieder andere widmen sich der jahrzehntelang unterdrückten religiösen Sinnsuche und strömen an den Sonntagen in die gut besuchten Gotteshäuser. Viele sind aber auch einfach nur stolz auf „ihr Maribor und ihr Steirertum“, von dem ein Dialekt zeugt, der in anderen Landesteilen Sloweniens leicht erkannt wird und den ungeliebten Hauptstädtern immer wieder als Aufhänger für Neckereien über die „Provinzler“ im Osten dient. Nicht zuletzt ist da noch die Universität, die mit über 26000 Studenten die zweitgrößte der Republik ist, sowie der Tourismus mit zuletzt 1,5 Millionen Tagesgästen pro Jahr.

Um der stetigen Abwanderung speziell jüngerer, häufig studierter Arbeitskräfte entgegenzuwirken, braucht es dringend neue Hoffnung und so etwas wie Aufbruchsstimmung. Dies erkannten nicht nur frühe Kulturhauptstadtaktivisten wie Vladimir Gogo, der Organisator des weithin bekannten Lent-Musikfestivals, sondern auch aktuell mit der Vorbereitung bedachte Personen wie Suzana Zilic Fiser, Generaldirektorin der „Öffentlichen Institution Maribor 2012“, und Vize-Bürgermeister Janez Ujcic. Letzterer proklamiert als Hauptziel die Schaffung eines„ neuen Selbstbewußtseins“. Entsprechend lautet das Motto des Festjahres: „Turning Point“, „Wendepunkt“.

In der Theorie klingt das gut, doch die praktische Umsetzung läßt zu wünschen übrig. Das beginnt schon mit dem viel zu kurzen Planungsvorlauf und setzt sich in konzeptionellen Meinungsverschiedenheiten und Eifersüchteleien der sechs  beteiligten Kommunen fort. Die ersten Pläne für eine Bewerbung als Europäische  Kulturhauptstadt reichen bis in die Jahre 2004/05 zurück. Doch selbst nachdem  2009 in Brüssel die offizielle Kür erfolgt war, brauchte es in Marburg bis zum  Frühjahr letzten Jahres, ehe die Organisationsstrukturen ihre (mutmaßlich) letzte Gestalt angenommen hatten und die Vorhaben des zentrales Planungsstabes im  Viktringer Hof, dem aus dem frühen 13. Jahrhundert stammenden ältesten nicht sakralen Gebäude der Stadt, konkret wurden. Eigentlich bereitstehende EU-Gelder fließen gar nicht oder erst sehr spät, da man sie nicht rechtzeitig beantragt hat. Entsprechend soll das Kulturprogramm nur knapp 23 Millionen Euro kosten (zum Vergleich: Essen und das Ruhrgebiet wiesen 2011 ein Gesamtbudget von 63 Millionen Euro aus) und sich aus insgesamt 420 Veranstaltungen zusammensetzen.

Darüber hinaus gibt es längerfristige Infrastrukturvorhaben mit einem Umfang von 60 bis 70 Millionen Euro, die je zur Hälfte aus Brüssel und vom slowenischen Staat kommen sollen, sowie eine Reihe rein kommunaler Förderprojekte wie die Anlage von Kreisverkehren. Geplant ist unter anderem der Bau zweier zusätzlicher Fußgängerbrücken über die Drau, einer großen Kunstgalerie, eines Kulturzentrums in einer brachliegenden Fabrik, der Abschluß der Renovierungsarbeiten am sehenswerten Regionalmuseum im Schloß plus Eröffnung einer neuen Dauerausstellung, die Modernisierung der Kommunalbibliothek und die  Fertigstellung der ersten Jugendherberge der Stadt. Bei allen diesen Vorhaben sind die immer spärlicher fließenden Geldmittel das Kernproblem. Vizebürgermeister Tomaz Kancler weist eindringlich auf die Notwendigkeit eines Projektes hin, die Drau wieder präsenter zu machen. Ende 2012 werden nach Aussage Kanclers noch „nicht viele der geplanten Gebäude dastehen, aber es wird die räumlichen Konzepte für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre geben“. Manches ist aber auch schon fertig, wie das 2010 vollendete Marburger Puppentheater, das zu den größten Attraktionen zählt. Finanziert wird das Haus im wesentlichen von der Stadt Marburg, die damit dem im Vergleich zum westlichen Europa traditionell ungleich höheren Respekt der Slowenen für diese Theaterform gerecht wird.

Die bis heute in vielfacher Hinsicht fortwirkenden engen historischen Beziehungen der Untersteiermark zum jetzigen österreichischen Bundesland Steiermark und dessen Hauptstadt Graz finden sich in dem Programm erstaunlicherweise nur am Rande wieder. Das Verhältnis der Slowenen zu den deutschen/österreichischen Nachbarn ist ein Kapitel für sich. Kaum irgendwo sonst in Europa sitzen antideutsche Ressentiments derart tief. In Marburg ist das nicht anders, obwohl der  Ort schon kurz nach dem Erwerb der Stadtrechte 1254 in den Besitz der Habsburger übergegangen war (1282), die ihr ein jahrhundertelanges wirtschaftlichkulturelles Wohlergehen mit etlichen Privilegien ermöglichten. Anfang des 20. Jahrhunderts lag der Anteil der Deutschösterreicher an der Marburger Bevölkerung bei 80 Prozent, während im ländlichen Umland die Slowenen klar in der Mehrheit waren. Der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan), setzte der langen Zugehörigkeit zu Österreich ein gewaltsames Ende. In der Folgezeit  belasteten auf slowenischer Seite, verstärkt nach dem Zwischenspiel der  Zugehörigkeit zum nationalsozialistischen Großdeutschen Reich, tatsächliche und  bloß gefühlte Unterdrückung sowie Assimilationsängste, aber auch  Minderwertigkeitsgefühle und Neid die Beziehungen zum nördlichen Nachbarvolk.

Hochgestellte Personen wie Mirjana Koren, die Direktorin des Regionalmuseums, können gut Deutsch, gebrauchen dies im Gespräch mit deutschen Delegationen aber nicht, sondern lassen sich Fragen mit demonstrativer Geste ins Slowenische übersetzen. Die Exponate des im Schloß untergebrachten Museums sind slowenisch und englisch beschriftet, nicht jedoch deutsch. Kritische Hinweise darauf, daß in Marburg die mit Abstand größte Gruppe ausländischer Besucher augenscheinlich aus deutschsprachigen Ländern kommt, werden mit der üblichen Bevorzugung des Englischen als „universaler Sprache“ zurückgewiesen sowie mit  der fragwürdigen These, von jenseits der Grenzen kämen „überwiegend italienische Besucher“ ins Museum. Immerhin würden alle begleitenden Schriften zu den für  2012 geplanten Sonderausstellungen unter Einbeziehung der deutschen Sprache  verfaßt, entschuldigt sich die Direktorin.

Doch allen Widrigkeiten zum Trotz werden gerade im Jahr 2012 wieder viele Österreicher regelmäßig über die Grenze kommen, um in Marburg beispielsweise das größte slowenische Theater mit seinen vergleichsweise günstigen  Eintrittspreisen zu besuchen oder im nahen Bacherngebirge (Pohorje) das wichtigste slowenische Skigebiet zu nutzen.

Wer auf deutschen Spuren durch die von Bombenkrieg, Wildwuchs, sozialistischen Bausünden und Verfall geprägte, stellenweise dennoch sehenswerte Innenstadt spaziert, wird in hohem Grade fündig. Man stößt auf architektonische Kostbarkeiten wie das Rokoko-Treppenhaus am Schloß mit seinen anmutigen Engeln, das von dem familiär in Württemberg verwurzelten Bildhauer Josef Straub geschaffen wurde, und auf Erinnerungen an die Dirigententätigkeit von Robert Stolz im Stadttheater. Es läßt sich aber auch auf den Spuren von Hugo Wolf, Eduard von Lannoy, Erzherzog Johann, den Dichtern Ottokar Kernstock und Ernst Goll oder der Schriftstellerin Anna Wittula durch Marburg wandeln.

Auch das am Drauufer gelegene „Haus der Alten Rebe“ mit dem laut Guinness-Buch der Rekorde ältesten edlen Weinstock der Welt ist unbedingt einen Abstecher wert. Dies ist der Legende zufolge einer jener Rebstöcke, die vor über vier Jahrhunderten aus Freude über den Sieg gegen die türkische Fremdherrschaft gepflanzt wurden. In der Stadtmitte befindet sich außerdem der älteste Weinkeller Mitteleuropas.

Wer dem Kleinen Graz, wie Marburg zu habsburgischen Zeiten genannt wurde, einen Besuch abstattet, sollte dies unbedingt mit einem Ausflug nach Pettau/Ptuj verknüpfen, der ältesten Stadt Sloweniens und der architektonisch schönsten unter den sechs am Festjahr beteiligten Kommunen.

Hinsichtlich Marburgs verdient der Frühsommer gesteigerte Aufmerksamkeit, wenn das „Lent-Festival“ (in diesem Jahr vom 24. Juni bis zum 9. Juli) unbändiges  musikalisches Leben in die noch immer eher vernachlässigten Altstadtgäßchen an der Drau bringt. Lohnend ist aber sicherlich auch der Spätsommer und Herbst, wenn der weithin bekannte untersteirische Wein geerntet wird (Marburger Wein wurde einst sogar an den Wiener Hof verkauft) oder wenn am 11. November rund
20 000 Besucher zum landesweit größten Martinsfest kommen.

Doch nicht nur gegen Ende des Jahres, wenn Herbstblätter und dunkler werdende Tage melancholische Stimmungen hervorrufen, gewinnen in Marburg an der Drau Zeilen wie jene von Ana-Marija Pusnik aus dem Gedicht „Suche mich“ (veröffentlicht im 7. Sammelband des Kulturvereins deutschsprachiger Frauen, „Brücken“, 2008) ihre tiefgründige Bedeutung:

Suche mich wenn du die verstaubten Bücher der Erinnerung berührst Du findest mich zwischen den welken Blumen die zu gießen du vergessen hast

Martin Schmidt (KK)

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