Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1265.

Kulturnation Deutschland in dürftiger Zeit

Bemerkungen im Anschluß an die Reden zum Nationalfeiertag 2008

Bundespräsident Horst Köhler und der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Ole von Beust, haben sich in ihren Reden am 3. Oktober in Hamburg zum Thema „Kulturnation Deutschland“ geäußert. Dies war das Motto für den diesjährigen Nationalfeiertag.

Der Hamburger Bürgermeister hat in seiner Ansprache mit Recht hervorgehoben, daß zur Entfaltung einer Kulturnation ihre unbestrittene Identität gehört. Dieses Identitätsbewußtsein ist natürlich nicht nur an der Gegenwart festzumachen, sondern bedarf eines lebendigen Gedächtnisses. Es war verdienstvoll, daß er in diesem Zusammenhang auch auf die Notwendigkeit des Auswendigwissens bedeutsamer Texte hingewiesen hat. Er dachte dabei auch an die klassische deutsche Literatur, womit er, sich dessen wohl bewußt, einen wunden Punkt der deutschen Kulturnation in unserer Zeit berührte.

Unser bürgernaher Bundespräsident schöpfte bei seinem Plädoyer für die Kultur der deutschen Nation aus seinen zeitnahen Erfahrungen, um sowohl das Traditionsbewußtsein (wir müssen doch unsere Dorfkirche in Ordnung bringen) als auch die erfreuliche Begeisterung für kulturelle Veranstaltungen unterschiedlicher Art zu würdigen. Mit Freude wies er auch auf die Lernfähigkeit hin, die das deutsche Volk gerade in den letzten Jahrzehnten in mannigfacher Hinsicht bewiesen habe.

Das alles ist gut und richtig, aber es läßt viele dürftige Flecken in unserer Kulturlandschaft unbeachtet. Deshalb sei hier, ohne der Hoffnungslosigkeit das Wort zu reden, auf eklatante Mängel unseres gelebten Kulturbewußtseins hingewiesen.

Es ist ja unbestritten bei allen davon Betroffenen, daß unser Bildungswesen neuer Impulse bedarf. Natürlich ist dafür auch Geld erforderlich. Schmutzige Schulhäuser und unbesetzte oder nicht vorhandene Lehrerstellen sind nicht hinnehmbar, aber für die Erreichung guter Bildungsergebnisse reichen Abhilfe schaffende Maßnahmen nicht aus. Die Lehrer wie auch die Eltern müssen wissen, zu welchen Zielen sie bilden und erziehen sollen.

Die Inhalte der Bildung leiden heute unter einem erheblichen Defizit an positivem Wissen. Die topographische und auch allgemeingeographische Kenntnis der Welt und die Kenntnis der Weltgeschichte in ihren wesentlichen Entwicklungen in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden fehlt in einem erschreckenden Maße. Wie soll jemand die globalen Zusammenhänge in Wirtschaft und Politik auch nur in Grundzügen verstehen, wenn er aktuelle Vorgänge und ihre Vorgeschichte weder räumlich noch zeitlich einzuordnen weiß. Diskussionsübungen ohne Sachkenntnisse sind vertane Zeit und dürfen daher in der Schule keinen Platz haben. Es ist schon schlimm genug, wenn sich die verschiedenen Medien diese Zeitvergeudung zur Verwirrung ihres Publikums leisten. Die Verfügbarkeit von Tatsachenkenntnis wird natürlich auch durch Auswendiglernen geeigneter Texte unterstützt. Ein Religionsunterricht taugt nichts, wenn in ihm auf das Auswendiglernen von Bibelstellen und Kirchenliedern verzichtet wird. Und ein Deutschunterricht läßt nicht nur die Möglichkeiten der Gedächtnisstärkung unbenutzt, sondern auch die Möglichkeiten der Übung im gepflegten Gebrauch der deutschen Sprache, wenn in ihm auf das Auswendiglernen von Gedichten verzichtet wird. Gedächtnis und kombinatorisches Denken sind neben der Phantasie und der Urteilskraft die Elemente unserer Intelligenz. Daß diese Einsichten in die Praxis unseres Bildungswesens seit Jahrzehnten einen viel zu geringen Eingang gefunden haben, ist offenkundig.

Die zweite Säule in der Ausbildung des Menschen neben der intellektuellen Entwicklung besteht in seiner moralischen Kraft. Habsucht, Herrschsucht und Ehrsucht, die natürlichen Triebfedern des Menschen, sind durchaus kulturfördernde Faktoren, ohne die Faulheit und Feigheit herrschen würden. Seine Habsucht befriedigt der Mensch durch den Erwerb von Geld als dem Mittel, zu Sachen und Dienstleistungen zu gelangen. Der Befriedigung der Herrschsucht dient die Erringung von Posten, der Ehrsucht dienen Orden und andere Auszeichnungen. Worauf es ankommt, ist, den Gebrauch, den wir von diesen Naturanlagen machen, unter das moralische Gesetz zu stellen. Dazu gehört eine Achtung vor den Eigenarten und Überzeugungen anderer, die leider allgemein mit dem hochmütigen Begriff der Toleranz belegt wird. Dabei geht es ja im Umgang mit unseren Mitmenschen nicht darum, sie großzügig zu tolerieren, d.h. zu dulden, sondern darum, sie als gleichwertige Partner im Denken und Handeln anzuerkennen.

Zu den unverzichtbaren moralischen Qualitäten des Menschen gehören freilich auch Tapferkeit und Leistungswille. Die Tapferkeit bedeutet die Fähigkeit, den Widerwärtigkeiten des Lebens, namentlich Unglücksfällen, Ungerechtigkeiten und Krankheiten kraftvoll zu begegnen und zur Linderung der Not der Mitmenschen und zur Erhaltung rechtsstaatlicher Ordnungen in der Welt zu allen unvermeidlichen Opfern bereit zu sein. Was den Willen zur Leistung angeht, so ist er die Voraussetzung für jede erfreuliche kulturelle Entwicklung, freilich unter der Bedingung, daß dabei Gesetzestreue und Redlichkeit gewahrt werden. Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung für die Haltung des Menschen, daß er die Motivation zu moralischem Verhalten nicht aus einer vermeintlich günstigeren Grundlage für Erfolge, sondern aus der Moralität selber und dem daraus sich ergebenden guten Gewissen bezieht. Es sei erlaubt, in diesem Zusammenhang zwei Strophen eines Gedichtes von Ludwig Hölty (1748–1776) zu zitieren, der dem Göttinger Hainbund angehört hat:

Üb’ immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab.
(…)
Dann wird die Sichel und der Pflug
In deiner Hand so leicht,
Dann singest du beim Wasserkrug,
Als wär’ dir Wein gereicht.
Die Melodie zu diesem Gedicht war früher das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche, das damit die moralische Grundlage des preußischen Staates zum Klingen brachte.

Zur Wahrung der Menschenwürde ist es eine Notwendigkeit, die unvermeidlichen Einschränkungen des persönlichen Glücks gelassen, frohgemut und guten Gewissens hinzunehmen. Dazu gehört freilich eine Bescheidenheit, derer wir heute weitgehend ermangeln. Das Streben nach Erfolgen ist eine Grundlage der Kultur, aber diese Kultur hat nur dann einen Wert, wenn die Erfolge unter Wahrung der Würde aller Menschen erreicht werden.

Es gibt in unseren Tagen einige besonders auffallende Mängel in der Beurteilung der Wirklichkeit, die dem Publikum durch die Medien und durch politische Äußerungen zugemutet werden.

1. Es fördert weder intellektuell noch moralisch die Meinungsbildung, wenn die Ansichten beliebig ausgewählter Menschen auf der Straße gezielt oder auch einfach so abgefragt werden, um scheinbar die Urteilsbildung im Volke sinnvoll zu unterstützen. Statt dessen wird nichts anderes als Verwirrung erreicht. In Diktaturen werden solche Äußerungen sachunkundiger Menschen ausgewählt und benutzt, um die Zustimmung zu den jeweiligen Maßnahmen des Staates durch Vorspiegelung einer großen Übereinstimmung zu erreichen. Das haben wir zum Glück hinter uns.

2. Man kann nur darüber staunen, welch dürftige Begriffe von Demokratie in der Öffentlichkeit herrschend sind. Mehrheit wird geradezu als Zauberwort für die Begründung politischer Maßnahmen benutzt. In Wahrheit sind Mehrheitsentscheidungen staatlicher Organe nichts anderes als ein unvermeidlicher Notbehelf, um zu Entscheidungen zu kommen. Demokratie bedeutet, daß der mögliche Wille des ganzen Volkes, das heißt, der Gesamtheit der Bürger, der Orientierungspunkt bei der Abfassung von Gesetzen sein muß. Denn nur in diesem Falle kann man sagen, daß die Herrschaft beim Volke liegt. Keine zufällige Mehrheit in staatlichen Organen oder in der Gesellschaft kann schon für sich genommen beanspruchen, der Idee der Demokratie Genüge zu tun. Wenn daher ein Volkstribun in unseren Tagen Demokratie dadurch definiert, daß in ihr die Interessen der Mehrheit herrschen, so redet er der Despotie eines beliebigen Mehrheitswillens das Wort. Dies steht also geradezu im Widerspruch zur Demokratie.

3. Der heute gern gebrauchte Begriff „soziale Gerechtigkeit“ ist ein gedankenloses Konstrukt, denn dieser Begriff ist gänzlich unbestimmt. Gerechtigkeit bedarf eines Maßstabes. Dieser Maßstab wird durch „sozial“, was nichts anderes heißt als gesellschaftlich, höchstens in der Weise angedeutet, daß es sich hier um eine Gerechtigkeit handelt, die durch die Gesellschaft, das heißt, durch den Staat, ausgeübt wird. In Wahrheit geht es ja bei der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit um nichts anderes als um eine Verbesserung der staatlichen Wohlfahrtspflege. Daß der Staat Leistungen, die ihm erbracht werden, angemessen belohnen soll, ist ein Gebot der Gerechtigkeit. Daß er denen, die sich selbst die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben nicht schaffen können, diese Voraussetzungen gewährt, ist ein Gebot der öffentlichen Moral. Die Nächstenliebe verlangt ohnehin das Bemühen aller einzelnen, hilfsbedürftige Mitmenschen zu unterstützen. Da diese Unterstützung aufgrund des Fehlverhaltens einzelner als Almosen angesehen werden oder gar nicht stattfinden könnte, ist es eine Aufgabe des Staates, die notwendigen Hilfsmaßnahmen auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen. Dies sollte man erläutern, wenn man politische Forderungen stellt, statt mit unbestimmten Formulierungen demagogisch zu wirken.

Diese Beispiele mögen genügen.

Die kulturelle Dürftigkeit unserer Zeit in Deutschland zeigt sich auch im zum Teil falschen oder ungenauen Gebrauch der deutschen Sprache.

Wenn zum Beispiel die Konjunktion „weil“ statt im Nebensatz auch für Hauptsätze Verwendung findet, ist dies ein Zeichen dafür, daß jemand redet, bevor er einen Satz zu Ende gedacht hat. Die einen Hauptsatz einleitende Konjunktion heißt nicht „weil“, sondern „denn“. Zum besseren Verständnis ein Beispiel: Wir können diese Straße noch nicht bauen, weil wir haben im Haushalt keine Mittel dafür vorgesehen. Richtig muß es heißen: … denn wir haben im Haushalt keine Mittel dafür vorgesehen. Oder aber: … weil wir im Haushalt dafür keine Mittel vorgesehen haben. Selbst verantwortlichen Politikern fehlt offenbar die Länge des Atems, die für eine richtige Ausdrucksweise erforderlich ist. Wenn man einen Satz beginnt, sollte man wissen, wie man ihn beenden möchte.

Als weitere Ungenauigkeit sei hier nur die Ersetzung des Genitivs hinter „wegen“ und „trotz“ durch den Dativ genannt. Wegen schlechten Wetters muß die Veranstaltung ausfallen. Es ist eine Verarmung der Sprache, wenn statt dessen gesagt wird: Wegen schlechtem Wetter …

Eine Unart ist es auch, sich pleonastisch, das heißt, in Tautologien, auszudrücken. Man braucht ja doch nicht eigens zu betonen, daß das Fell eines Schimmels weiß ist.

Auch die unnötige Verwendung von Fremdwörtern in deutschen Texten kann nicht gutgeheißen werden. Warum muß ein Unternehmen als gut positioniert bezeichnet werden, wenn man einfach sagen kann, daß es gut dasteht?

Warum muß ein Gefäß oder ein Begriff etwas „beinhalten“, wenn man doch schlicht sagen kann, daß es etwas enthält.

Auch diese Andeutungen zum Sprachgebrauch zeigen, daß wir uns in Deutschland in einer kulturell dürftigen Zeit befinden. Doch das kann ja alles besser werden, wenn man sich seiner Fehler und Mängel bewußt und so lernfähig ist, wie es der Bundespräsident dem deutschen Volk bescheinigt hat.

Da mit Recht festgestellt worden ist, daß von einer Kulturnation nur dann gesprochen werden kann, wenn sie eine klar umrissene Identität besitzt, so sei hier abschließend auf einen allgemein anzutreffenden Mangel im Geschichtsbewußtsein des deutschen Volkes hingewiesen. Wir unterliegen der Gefahr, unter unserer Geschichte vor allem jene zwölf Jahre zu verstehn, die doch nichts anderes als eine Entgleisung bedeuten, nicht jedoch eine konsequente Vollendung eines geschichtlichen Verlaufs. Das deutsche Volk hat sonst in seiner mehr als tausendjährigen Geschichte keine größeren Fehler oder Verbrechen begangen als die anderen Völker auf dieser Erde auch. Es hat vielmehr unter den tonangebenden Völkern Europas zumindest im 18., 19. und beginnenden 20. Jahrhundert kulturell, wirtschaftlich und politisch eine allgemein anerkannte herausragende Stellung eingenommen. Es ist daher durchaus angebracht, auf diese Jahrhunderte der deutschen Geschichte einen gesunden Patriotismus ebenso zu gründen wie auf unsere rechtsstaatliche Ordnung seit 1949 bzw. 1990.

Dabei ist es dann auch eine nicht zu billigende Unterlassung in der Pflege des nationalen Bewußtseins, wenn in der Darstellung dessen, worauf wir stolz sein können, die Leistungen der Deutschen in den ehemals deutschen Gebieten im Osten einfach übergangen werden. Es ist kein Dienst an der Versöhnung der Völker, auf die Erwähnung bedeutsamer Leistungen und auf die wahrheitsgemäße Beschreibung des Unrechts der Vertreibung zu verzichten. Wichtige Tatsachen müssen auch ausgesprochen und im Bewußtsein aller Betroffenen erhalten werden. Sonst ist die gegenseitige Achtung nur eine Gebärde, aber keine Haltung.

Eberhard Günter Schulz (KK)

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