Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1400.

„Kulturnation Deutschland“ oder „deutsche Kulturnation“?

Plädoyer für ein Kulturbewusstsein im Sinne der gesamten deutschen Kultur

Dunkel, nicht dumpf:
Wolf Röhricht, Trauerfeier für Reichsaußenminister Gustav Stresemann. 1929. Öl auf Leinwand, 126 x 100 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 3896. Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. © Rechtsnachfolge nicht bekannt

Von der UNESCO bis zur Gemeindeverwaltung, deren Pressereferat die Eröffnung des Dorfmuseums verkündet, vom großen Leitmedium bis zur Vereinszeitung, die sich als Teil der Kulturnation Deutschland versteht, vom Europa-Abgeordneten bis hin zum Kommunalpolitiker – allenthalben wird von der „Kulturnation Deutschland“ gesprochen und geschrieben. Dabei liegt diesem Begriff zumindest ein Missverständnis zugrunde.
Die Kultur der Deutschen in und aus den Siedlungsgebieten Ost-, Mittel- und Südosteuropas genauso wie jene der Deutschen aus Russland sind wichtige Bestandteile der gesamtdeutschen kulturellen Identität, die begrifflich über die Staatsgrenzen hinausweist. Im üblichen Sprachgebrauch werden Teilbereiche deutscher Kultur über die Einengung auf die „Kulturnation Deutschland“ ausgegrenzt.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, auf den der erkenntnistheoretische Ausspruch zurückgeht: „Sprache schafft Wirklichkeit“, stellte in seinen Werken stets den zwingenden Zusammenhang von Denken und Sprache heraus. Durch Begriffe und Wortkonstruktionen werden Abbilder der Wirklichkeit geschaffen. Neue Begriffe schaffen neue „Wirklichkeiten“. „Kulturnation Deutschland“ deckt nur einen Teilbereich dessen ab, was eigentlich gemeint sein müsste: nämlich die Gesamtheit der deutschen Kultur, ungeachtet der Staatsgrenzen. Staatsrechtlich logisch eignen sich politische Grenzen nicht zur Definition einer Kulturnation. Eine Kulturnation endet nicht am Grenzpfahl.

Spricht man von der „Kulturnation Deutschland“, schließt man im Sprachgebrauch unweigerlich das reiche kulturelle Erbe der Pommern und Ostpreußen aus, genauso wie jenes der Westpreußen, der Schlesier, der Ostbrandenburger, der Sudeten-, Karpaten- und Galiziendeutschen, der Wolhynien- und Bukowinadeutschen, der verschiedenen Volksgruppen der Donauschwaben, der Siebenbürger Sachsen, der Deutschen aus Russland. Erst über den Begriff der „deutschen Kulturnation“ nähert man sich diesem Komplex in adäquater Weise. Die deutsche Kultur kennt, wie jede andere Kultur auch, die immanente Abgrenzung gegenüber anderen Kulturen und Kulturnationen, sie kennt aber keine politischen Grenzen. Eine Kulturnation ist gedankentheoretisch grundsätzlich einem Nationalstaat vorgelagert, da Glieder und Träger der jeweiligen Kultur den Nationalstaat verlassen können, ohne ihre kulturelle Identität zurückzulassen. Sie werden sie mitnehmen und am neuen Ort leben, fortführen und möglicherweise weiterentwickeln.

Das ist keine neue Erkenntnis. Denn bereits im Bundesvertriebenengesetz (BVFG) von 1953 wird im Paragraphen 6 definiert, dass sich die deutsche Volkszugehörigkeit u. a. durch das Merkmal Kultur bestätigen lässt. Heute sprechen wir zeitgemäßer von Identität, von Selbstverständnis – um darüber unsere Zugehörigkeit zu einem Kulturkreis zu definieren.

Nimmt man einmal den Blickpunkt der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler ein, so stellt sich das Bild wie folgt dar: Immaterielles Kulturerbe wie Brauchtum, Traditionen und Werte, die zusammen mit den bitteren Flucht- und Vertreibungserfahrungen das „unsichtbare Fluchtgepäck“ bildeten, wurden mitgebracht und in der neuen Heimat weitergelebt. Landsmannschaftliche Kultur wird in Deutschland bis heute gepflegt, sie wird bewahrt und weiterentwickelt. Man gibt sie an nachfolgende Generationen weiter, die die alten Heimatgebiete nur aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern kennen: einerseits also das in der „alten Heimat“ Zurückgelassene – im heutigen Polen, in Tschechien, in Rumänien, in Ungarn, in der Slowakei und in den Nachfolgestaaten der GUS und Jugoslawiens, andererseits das in die „neue Heimat“ – ins heutige Deutschland – Mitgebrachte und hier Fortgeführte.

Aus der entgegengesetzten Perspektive, also aus Sicht der Heimatverbliebenen, der heutigen deutschen Minderheiten in den benachbarten mittel-, ost- und südosteuropäischen Ländern, ist die Zwiespältigkeit anders gelagert: das Ausbluten einer Gemeinschaft, die über Jahrhunderte Bestand hatte, der Zusammenbruch der volksgruppenspezifischen Administrativ-, Kultur- und Bildungsstrukturen, der zusehends fortschreitende Verfall der kulturprägenden Architektur, das Verschwinden ganzer Ortschaften – verbunden mit dem Gefühl, dass man vom Rest der deutschen Kulturnation vergessen wird.

Es ist Aufgabe deutscher Kulturpolitik, einen positiven Ausweg aus dieser über Jahrzehnte verschleppten Situation aufzuzeigen. Es bedarf eines durchdachten Konzepts, das unvereinbar Scheinende im Rahmen des politisch Möglichen zusammenzuführen, um es für eine gesamtdeutsche Kultur unverrückbar, vor politischem Tagesgeschäft und Zeitgeist gefeit, zu verankern. Es bedarf einer deutschen Kulturpolitik, die sich als Verantwortungsträger einer lebendigen Kulturarbeit der Kulturträger selbst zeigt und deren Blick die gesamte deutsche Kulturnation umfasst, nicht nur die Kultur im Geltungsbereich des Grundgesetzes.

Freude der Farbe:
Karl Schmidt-
Rottluff, Landschaft mit Leuchtturm (Nidden). 1913. Öl auf Leinwand, 88 x 101 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 11180. Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. © Karl und Emy Schmidt-Rottluff-Stiftung im Brücke-Museum Berlin

Lebendige Kultur gibt es nur, wenn Personen und Gruppen sie leben und als Kulturträger agieren. Was liegt näher, als diese Kulturträger vor Ort in ihren jeweiligen Wirkungskreisen angemessen finanziell zu unterstützen? Was liegt näher, als die Bundes- und Länder-Förderrichtlinien für die Kulturpflege der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler tatsächlich an deren genuinen Bedürfnissen auszurichten? Wie viel Verantwortung hat Deutschland für die Kultur der Heimatvertriebenen, wie viel für die Kultur der Heimatverbliebenen? Welche Weichen wurden in den letzten 75 Jahren gut, welche falsch gestellt? Reicht es aus, staatlich verordnete und gesteuerte Kulturinstitutionen mit der Kulturpflege zu beauftragen?

Wir brauchen einen gesellschaftlich breit geführten Dialog über die deutsche Kulturnation. Nicht in Nischenblättern oder stillen Kämmerlein, sondern auf offener, durch bürgerschaftliches Interesse legitimierter Bühne.

Bei alledem: Neben der im Hier und Jetzt gelebten Kultur steht der – vom Umfang her weitaus gewaltigere – Teil, den wir als kulturelles Erbe ansehen. „Erbe“ im Wortsinn – nämlich das, was Generationen vor uns geschaffen haben und uns hinterließen. Dieses kulturelle Erbe ist nur zum Teil noch kompatibel mit dem Geist des 21. Jahrhunderts, darum wird es konserviert und in Museen, Archiven, Bibliotheken, Sammlungen, Heimatstuben, aber auch als architektonische Zeugen und Zeugnisse ihrer jeweiligen Zeit in seiner alten Form bewahrt.

Beides – lebendige Kultur und kulturelles, konserviertes, bewahrtes Erbe – muss die Kulturpolitik fördern. Sie muss auf einen gesellschaftlichen Konsens hinwirken, der in der breiten Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die deutsche Kulturnation schafft.
Es reicht eben nicht, als größten deutschen Philosophen Immanuel Kant benennen zu können. Es muss zum allgemeinen Standardwissen gehören, wo er zeitlebens beheimatet war, wo er gelebt und gewirkt hat: in Königsberg, Ostpreußen.

Wahrhaftigkeit in der Geschichtsschreibung sollte für uns Deutsche einhergehen auch mit einem unverkrampften Bekenntnis zur deutschen Kulturnation und mit ihm zur Kultur und dem Kulturerbe der deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler. Dies hat mit Chauvinismus nichts, mit Verantwortung für deutsche Kultur in Vergangenheit und Zukunft alles zu tun.

Christean Wagner (KK)

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