Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1245.

Kunstgeschäft macht Kunstgeschichte

Und umgekehrt: Die Auktionen des Hauses Lempertz bieten jedes Jahr neue Beispiele für die spannungsreiche Wechselbeziehung

Das vorrangige Interesse von Auktionshäusern, der kaufmännischen Unternehmen, liegt naturgemäß auf dem finanziellen Gebiet. Auch die Pressenachricht Juni 2007 des Kölner Auktionshauses Lempertz beginnt wie folgt: „Der große Erfolg für die Auktionen Moderne und Zeitgenössische Kunst führte zu einem Gesamtergebnis von über 14,5 Millionen Euro, einem der besten Resultate für die beiden Sparten. Zwei Weltrekordpreise krönten diesen Erfolg: eine Gouache Fernand Legers wurde vom internationalen Handel bis 1,28 Millionen gesteigert, und eine Videoskulptur von Nam June Paik wurde auf 256000 emporgehoben …“

Doch auch jene, die an den Auktionen aktiv nicht teilnahmen, kamen in den vorangegangenen Ausstellungen auf ihre Rechnung. In diesen Vorschauen wurden die Besucher mit hoher Kunst konfrontiert, konnten sich an den originalen Exponaten erfreuen und ihren kunstgeschichtlichen Horizont erweitern. Lempertz dokumentierte also nicht nur den aktuellen Stand der Preise für moderne und zeitgenössische Kunst, sondern illustrierte auch die Kunstgeschichte eines Jahrhunderts.

Bis zum Beginn des Nazi-Regimes war die Reichshauptstadt Berlin eine Metropole der modernen Kunst. Aus ganz Deutschland strömten die Künstler in diese Stadt. Genannt seien Karl Schmidt-Rottluff, Conrad Felixmüller, Lesser Ury, die Bildhauerin Renée Sintenis aus Glatz, Otto Beyer aus Kattowitz,
Nikolaus Friedrich, August Gaul, Karl Hofer, Georg Kolbe, Willi Lammert, Wilhelm Lehmbruck, Emil Orlik aus Prag, Herman Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, dessen Holzschnitt „Frau in den Dünen“ (1914) von 7000 auf 31000 Euro stieg. Zu den wohl bekanntesten Berliner Künstlern der modernen Klassik gehören Max Liebermann und George Grosz. Auf 3000 Euro geschätzt, wurde Liebermanns Landschaft, eine Kohlezeichnung, auf 17000 Euro gesteigert, während die auf 8000 Euro taxierte Zeichnung und ein Aquarell (Schätzwert 18000 Euro) von George Grosz keine Abnehmer fanden.

Neben Berlin waren auch Dresden und Breslau Zentren der modernen Kunst. Die Maler und Grafiker der Dresdner „Brücke“ und der Breslauer Kunstakademie waren auch auf dem internationalen Parkett höchst willkommen. Genannt seien Erich Heckel, Otto Mueller, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl.

Anteil am modernen Kunstgeschehen hatten auch die Künstler aus Ostpreußen vom Impressionisten Lovis Corinth bis zum Schöpfer gegenstandsloser Kompositionen Rolf Cavael, den Malern Ernst Mollenhauer, Fred Thieler und der genialen Käthe Kollwitz. Mit ihrer Kunst wurde auch die Brücke von
Ostpreußen nach Westdeutschland gebaut zu Max Ernst, Ewald Mataré, Adolf Fleischmann, Werner Gilles, August Macke, Wilhelm Morgner oder Max Slevogt.

Infolge der unseligen Politik und des schrecklichen Krieges verlor Deutschland seine Ostgebiete, und Flüchtlingsströme machten sich auf den Weg, darunter auch Künstler, die im Westen eine Bleibe suchten. Nach der Teilung Berlins und Deutschlands wurde die Übersiedlung fortgesetzt, und mancher Künstler, der die DDR verlassen hatte, fand bei seinen westdeutschen Kollegen Aufnahme und wurde in Künstlerverbände integriert. So bot die Kunstszene bald ein Bild einer West-Ost-Gemeinschaft.

Außer Gerhard Marcks und Ernst Wilhelm Nay, die im kulturellen Leben der BRD einen hervorragenden Platz einnahmen, haben sich viele Künstler aus dem Osten namentlich in Bayern und Nordrhein-Westfalen eingelebt. Aus Westpreußen stammte Bernard Schultze. Seine meist tachistischen Kompositionen wurden zwischen 3500 und 8000 Euro erworben. Vom Dresdener A. R. Penck wurden 17 Objekte, Gemälde sowie Zeichnungen und Grafiken aufgerufen, fünf wurden verkauft, davon eine Bronzeplastik für 16000 Euro.

Natürlich fehlte auch Gerhard Richter nicht, der heute zu den bekanntesten Künstlern gehört. Der Ehrenbürger der Stadt Köln entwarf das aus 11500 Farbquadraten bestehende Glasfenster für das Triforium im Südquerhaus des Kölner Doms. Auf der Lempertz-Auktion wurden drei seiner Arbeiten vorgestellt. Eine bemalte Farblithographie stieg auf  11500 Euro, eine Offset-Lithographie auf 11000 Euro und eine informelle Komposition von 28000 auf 39000 Euro.

Weitere Künstler aus Ost- und Mitteldeutschland waren Max Klinger, Hans Hartung, Norbert Bisky und Blinky Palermo aus Leipzig, Paula Modersohn-Becker, Hermann Raddatz, Max Uhlig, Conrad Felixmüller, Gert Heinrich Wollheim und A. R. Penck aus Dresden, Günther Uecker aus Wendorf/Mecklenburg, Georg Kolbe aus Waldheim/Sachsen, Georg Baselitz aus der Oberlausitz, Bernhard Heiliger aus Stettin, Imi Knoebel und Gerhard Hoehme aus Dessau, Erich Reusch aus Winterberg/Elbe, Bernard Schultze aus Schneidemühl, Karl Schmidt-Rottluff aus Rottluff, Otto Dix aus Gera, Georg Herold aus Jena. Aus Schlesien stammen Otto Mueller, Ludwig Meidner, Raimund Girke, Otto Bayer und Rudolf Bauer.

Das mag in einem Auktionsunternehmen im Rheinland zunächst verwunderlich scheinen, mit einer so großen Zahl von Künstlern aus dem Osten konfrontiert zu werden. Doch darf man nicht vergessen, daß die Tore zum Jahrhundert der neuen Kunst im Bauhaus zu Weimar und Dessau und in der Kunstakademie zu Breslau geöffnet wurden und von den Künstlern der Dresdner „Brücke“ und der Kulturmetropole Berlin.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die westdeutschen Galerien von Kunst und Pseudokunst aus Amerika überflutet, die Preise für jene Arbeiten stiegen in ungeahnte Höhen. Auch manche Museen im westdeutschen Teil machten da mit. In jüngster Zeit ließ dieser Trend merklich nach. Die Preise für amerikanische Kunst wurden moderater und fallen recht unterschiedlich aus. Die Kunden sind kritischer, wählerischer geworden. Auch die jüngsten Auktionen bei Lempertz machen das deutlich.

Günther Ott (KK)

«

»