Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1262.

Landesgrenze als Tatort, Beamte als Täter

Wenn sich die Sonne in den 1970er und 1980er Jahren im Westen neigte, haben viele rumänische Staatsbürger, aber auch manch ein Deutscher aus der DDR die Flucht über die Westgrenze Rumäniens gewagt. Stacheldraht und Wasser, die Donau, Schießbefehl und Folter haben sie nicht abgeschreckt. Der Drang nach Freiheit war so groß, daß sie ihr Leben riskierten. Die knapp 1000 Kilometer lange Westgrenze Rumäniens ist in den 1980er Jahren zur blutigsten in Europa geworden. Vermutlich sind an dieser Grenze mehr Menschen ums Leben gekommen als an der innerdeutschen. Doch das ist unbekannt. Denn von den Untaten der Soldaten an der Grenze zu Ungarn und Jugoslawien hat nur selten ein Journalist berichtet.

Rumänien war ausschließlich von kommunistischen Staaten umgeben. Selbst die Presse im relativ liberalen Jugoslawien mußte auf die Befindlichkeiten des nördlichen Nachbarn Rücksicht nehmen. 17 Jahre nach dem Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu sind die Greueltaten an diesem Abschnitt des Eisernen Vorhangs unbekannt. Die Archive sind noch immer unzugänglich, die Behörden verhindern Recherchen. Zeugen oder Familienangehörige von Ermordeten und Erschossenen, die in Rumänien leben, wollen nicht sprechen. Einfacher ist hingegen die Recherche in Deutschland, wo viele der Flüchtlinge oder deren Angehörige leben.

Ein Teil von ihnen kommt in diesem Buch zu Wort. Der Band ist ein Versuch, ein wenig Licht in dieses dunkle Kapitel europäischer Geschichte zu bringen. Denn Ceausescus Grenzer haben willkürlich geschossen, sie haben gefaßte Flüchtlinge totgeprügelt, in der Donau ertränkt oder mit Schnellbooten überfahren. Viele Opfer sind auf dem serbischen Donau-Ufer begraben worden. Auf jedem Friedhof auf der serbischen Seite gibt es wenigstens eine Reihe von Gräbern, in denen Opfer des unmenschlichen Grenzregimes ihre letzte Ruhe gefunden haben. Auf den inzwischen verfaulten Holzkreuzen stand einst auf serbisch „Name unbekannt“.

Dieses Buch berichtet aber nicht nur von Totschlag, Mord und Folter, sondern auch von Erfolgen. Flüchtlinge haben sich stets etwas einfallen lassen, nicht nur jene, die die innerdeutsche Grenze überwinden wollten. Zu Wort kommen Deutsche, sowohl aus dem Banat  als auch aus Siebenbürgen, Rumänen  und Ungarn. Auch dem Zigeunerkönig von Hermannstadt ist  eine Geschichte gewidmet.
Grenzen haben Europa getrennt, sie fallen der Reihe nach oder verlieren immer mehr an Bedeutung, auch das wollen die beiden Herausgeber in und mit diesem Band beweisen:  Doina Magheti und Johann Steiner legen in diesem Buch die Ergebnisse langer Recherchen vor. Doina Magheti  war in Rumänien unterwegs, Johann Steiner in Deutschland und Serbien. Das Buch ist noch nicht im Buchhandel gewesen, da sind schon Rufe nach einem zweiten Band laut geworden. Er wird kommen. Vielleicht ermutigt der erste Band  mehr Leute, sich mit ihrer Geschichte beim Verlag zu melden.

(KK)

Doina Magheti, Johann Steiner (Hg.): Die Gräber schweigen. Berichte von der blutigsten Grenze Europas. Verlag Gilde & Köster, Troisdorf 2008, Am Wassergraben 2, 53842 Troisdorf, verlaggilde@web.de, 22 Euro

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