Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1346.

Landschaft entsteht im Kopf

Und bei der Oldenburgischen Landschaft denken viele Köpfe über Oldenburg hinaus

Landschaft-entstehtEs gibt in der Bundesrepublik Deutschland eine Reihe von Institutionen, Museen oder Organisationen, die sich mit der Geschichte des deutschen Ostens und der Bewahrung seines kulturellen Erbes nach der unmenschlichen Vertreibung befassen. In Oldenburg gibt es eine Einrichtung, die sich in ihrer Aufgabenstellung von allen anderen unterscheidet und die in besonderer und nicht einschränkender Weise „die Förderung der besonderen kulturellen Bestrebungen der Vertriebenen“ wahrnimmt.

Mit der Bildung des Landes Niedersachsen im Jahre 1946 verlor das über viele Jahrhunderte bestehende Land Oldenburg durch eine Verordnung der britischen Militärregierung – ebenso wie die damaligen Länder Hannover-Braunschweig und Schaumburg-Lippe – seine Eigenstaatlichkeit. Der nach dem Krieg wieder gebildete Oldenburgische Landtag fasste in seiner letzten Sitzung einstimmig eine Entschließung, in der er forderte, „wenn auch die staatlichen Aufgaben in Zukunft bei der Landesregierung liegen und durch einen staatlichen Verwaltungsapparat in Hannover wahrgenommen werden, so muss doch unter allen Umständen noch eine Selbstverwaltungsorganisation für das Gebiet des Landes Oldenburg bestehen bleiben oder geschaffen werden, um die besonderen oldenburgischen Angelegenheiten im Wege der Selbstverwaltung zu betreuen“.

In einer Verordnung werden neben den selbstverständlichen, landschaftsbezogenen kulturellen Aufgaben auch die Förderung der besonderen Bestrebungen der Vertriebenen genannt.

Das neue Land Niedersachsen ließ diese Forderung unberücksichtigt, bestimmte aber in seiner vorläufigen Verfassung, dass die kulturellen und historischen Belange der genannten ehemaligen Länder durch Gesetzgebung und Verwaltung zu wahren und zu fördern seien.

In diesem Sinne bemühten sich viele Jahre vergeblich ein Oldenburger Landesverband und ein nachfolgender Verein (Oldenburg-Stiftung e. V.), beim Land eine Selbstverwaltungsorganisation zu erhalten. Unverzüglich nach meiner Ernennung zum Präsidenten des damaligen Verwaltungsbezirks Oldenburg im September 1973 konnte ich mit voller Unterstützung des Ministerpräsidenten Alfred Kubel erreichen, dass der Niedersächsische Landtag im Mai 1974 – 28 Jahre nach der Auflösung des Landes Oldenburg – mit Gesetzeskraft die „Oldenburgische Landschaft“ als Körperschaft öffentlichen Rechts errichtete. Zu Mitgliedern wurden die oldenburgischen Landkreise und kreisfreien Städte bestimmt. In einer Verordnung über die Oldenburgische Landschaft sind deren Aufgaben bestimmt.

Neben den selbstverständlichen, landschaftsbezogenen kulturellen Aufgaben werden auch – und das ist höchstwahrscheinlich in der Bundesrepublik einmalig – die Förderung der besonderen kulturellen Bestrebungen der Vertriebenen ausdrücklich genannt.

Seit 1975 war das eine von acht der Landschaft verpflichtend übertragenen Aufgaben. Während meiner aktiven politischen Tätigkeit konnte ich mich aus Zeitgründen dieser Arbeit, die ich gern übernommen hätte, nicht widmen. Hinweise von mir an die damaligen Geschäftsführer, diesen Aufgabenbereich zu aktivieren, verliefen im Sande. Vermutlich auch, weil die Vertriebenen glaubten, diese Arbeit selbst wahrnehmen zu können. Vielfache Veranstaltungen und Aktivitäten belegen das auch. Aber das altersbedingte Ausscheiden vieler heimattreuer Vertriebener aus der Erinnerungsarbeit machte immer deutlicher, dass diese wichtige Arbeit einen zukunftssicheren Träger brauchte.

Im März 2002 kam ich mit der Landschaftsdirektorin überein, eine Arbeitsgemeinschaft Vertriebene innerhalb der Oldenburgischen Landschaft zu gründen. Sie schlug als Namen der Arbeitsgemeinschaft „Integrationsgeschichte der Heimatvertriebenen“ vor. Für mich war diese Bezeichnung im Hinblick auf die Aufgabenstellung zu eng. Ich wollte einen alles umfassenden Namen haben.

Auf der 53. Landschaftsversammlung im November 2002 wurde die Bildung der Arbeitsgemeinschaft mit der treffenderen Bezeichnung „Arbeitsgemeinschaft Vertriebene“ einstimmig beschlossen. Im Dezember 2002 fand die konstituierende Sitzung statt. Zum Vorsitzenden wurde Landespastor i. R. Dr. Hans-Ulrich Minke, der gegenwärtige Präsident des schlesischen evangelischen Kirchentages, gewählt. Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft sind Vertreter der Landsmannschaften sowie die Leiter der im Gebiet der Oldenburgischen Landschaft bestehenden ehrenamtlich geführten ostdeutschen Museen und Sammlungen.

Damit konnte 27 Jahre nach Verabschiedung der Verordnung über die Oldenburgische Landschaft die nicht nur für die ins Oldenburger Land gekommenen Vertriebenen, sondern auch für die Oldenburger Landesgeschichte wichtige Aufgabe erstmals wahrgenommen werden. Seitdem tagt die Arbeitsgemeinschaft in regelmäßigen Abständen in den Räumen der Landschaft und berät, begleitet und unterstützt alle Kräfte im Oldenburger Land, die sich mit dem Schicksal der Vertriebenen befassen. Die Arbeitsgemeinschaft erstattet über ihre Tätigkeit jährlich einen Bericht.

Eine der Hauptsorgen der Arbeitsgemeinschaft gilt dem fürsorglichen Erhalt der ursprünglich vier, jetzt noch drei im Oldenburger Land bestehenden Ostdeutschen Sammlungen in Bad Zwischenahn, Goldenstedt-Ambergen und Schortens-Heidmühle. Für die Öffentlichkeit wahrnehmbar wird die aktuelle Arbeit auch durch Vorträge, so 2012 durch eine ganze Vortragsreihe unter dem Titel „Vergangenheit in der Gegenwart“, die sich mit Oldenburg und seinen Beziehungen zum deutschen Osten befasste, oder durch eigene Publikationen, z. B. das Buch „Fern vom Paradies – aber voller Hoffnung“, das die Aufnahme von 200 000 Vertriebenen in das von 580 000 Oldenburgern bewohnte Land untersucht und beschreibt. Dazu gehören nicht zuletzt weitere Veröffentlichungen wie „Die Heimatvertriebenen in Ortschroniken und Museen des Oldenburger Landes“.

Gegenwärtig befasst sich die Arbeitsgemeinschaft mit einer Bestandsaufnahme. Dabei wird untersucht, welche Aktivitäten und Gruppen von Vertriebenen 2014 nach dem Einleben im Oldenburger Land noch bestehen und wie das ostdeutsche Erbe gepflegt wird. Dazu gehört auch eine Erfassung der Gedenkstätten und Mahnmale, die an Flucht, Vertreibung und Ankunft der Heimatvertriebenen erinnern, ihrer Toten gedenken und vor Leid und Unrecht warnen. Schließlich soll in der Bestandsaufnahme anhand von konkreten Einzelbeispielen über das geänderte Verhältnis der Vertriebenen zu ihrer Heimat und ihren heutigen Bewohnern berichtet werden.

Mit alledem trägt die Arbeitsgemeinschaft wesentlich dazu bei, dass die unheilvolle Vertreibung im öffentlichen Bewusstsein ist und das kulturelle Erbe der aus dem Osten Vertriebenen bewahrt bleibt. Sie ist zugleich sorgenvoll unermüdliche Mahnerin, dass das auch in Zukunft, nach dem absehbaren Ausscheiden der Erlebnisgeneration, geschieht.

Die Oldenburgische Landschaft fördert und unterstützt seit nunmehr über einem Jahrzehnt unter den in der Bundesrepublik wohl einmaligen rechtlichen Rahmenbedingungen diese Arbeit. Damit gibt sie auch ein Musterbeispiel dafür, dass es in vorbildlicher Weise möglich ist, das Heimatbewusstsein der alteingesessenen Oldenburger mit dem der Vertriebenen gemeinsam zu pflegen. Dafür hat sie allen Dank verdient.

Horst Milde (KK)

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