Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1331.

Landschaften lesen

Das Projekt deutsch-polnische Erinnerungsorte kann auch in der Mark manchen Markstein zum gemeinsamen Gedenken setzen

Landschaften-lesenWer sich in ostbrandenburgischen Landkreisen wie Märkisch Oderland oder Landkreis Oder-Spree, also unmittelbar an der Grenze zu Polen, umsieht, ist immer wieder erstaunt und auch irritiert darüber, welch geringe Rolle offensichtlich der Nachbar Polen und das Land östlich der Oder für die Menschen spielt. Ausnahmen sind vielleicht die preisgünstigen Angebote an Tankstellen und Basaren in unmittelbarer Grenznähe. Diese Beobachtung verwundert auch deshalb, weil 1945/46 dieser Landstrich Durchgangsraum für Hunderttausende von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen aus den früheren Ostprovinzen wurde, und nicht wenige sind gerade im Oderbruch hängengeblieben. Die heutigen Bewohner sind also vielfach Kinder und Enkel dieser Menschen, auch Zeitzeugen leben noch, und trotzdem herrscht eine erschreckende Geschichtsvergessenheit.

Gewiss haben sich seit der politischen Wende zahlreiche kommunale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Kontakte zum Nachbarn entwickelt, am bekanntesten sind wegen gesteigerter Kriminalität die Kooperationen der Zoll- und Polizeibehörden. Ich wage aber die Behauptung, dass deutsche Besucher aus der Oderregion, die sich im früheren Ostbrandenburg aufhalten, in der Regel nicht wissen, dass dieses Land bis 1945 zu Deutschland gehörte. Man ist in Polen. Und wenn man sich die Lehrpläne für die Schulen in Berlin und Brandenburg anschaut, findet man kaum Hinweise auf den Nachbarn oder gar auf den historischen deutschen Osten. Bis heute werden diese Defizite mit der Tabuisierung des Themas historisches Ostdeutschland und Vertreibung in der DDR begründet, diese aber existiert seit 1989/90 nicht mehr.

Die Zahl der Menschen wird immer geringer, die ihre Heimat vor 1945 sowie Flucht und Vertreibung noch erlebt haben. Damit stellt sich für uns und die künftigen Generationen die Frage nach der Bewahrung dieses Erbes als Teil der deutschen Geschichte. Breslau oder Danzig werden schon heute nur noch als polnische Städte wahrgenommen. Diese im Grunde pessimistische Sicht darf man aber nicht auf sich beruhen lassen. Es gibt in Deutschland nicht wenige staatliche und gesellschaftliche Einrichtungen und Initiativen, die sich gegen den beschriebenen Trend wenden. Auf gesamtstaatlicher Ebene sind stellvertretend die Museen der Ostpreußen, Westpreußen, Pommern und Schlesier zu nennen sowie die im Aufbau befindliche Bundesstiftung Flucht,Vertreibung,Versöhnung, bezogen auf den Raum Brandenburg die Stiftung Haus Brandenburg in Fürstenwalde, die bemüht ist, sich als ostbrandenburgische Kulturstätte zu etablieren. In all diesen Einrichtungen wird von den dort Tätigen viel investiert: an Idealismus, an Erfahrungen und Sachkunde in dem gemeinsamen Bemühen, den eigenen Heimatraum in die Gesellschaft hineinzutragen.

Landschaften-lesen2Das geschieht oft mit Erfolg, meistens aber ohne Breitenwirkung. Hier sind Schule und Hochschule seit Jahrzehnten gefordert, sie helfen den Menschen nicht. An diesen Fakten wird deutlich, dass immer noch – und das ist Tradition – der Blick  des Normaldeutschen und damit auch die Inhalte der Bildungsangebote nach  Westen orientiert sind; als begänne östlich der Elbe schon Sibirien. Erst langsam  gewöhnen sich die Menschen daran, dass nur 100 Kilometer östlich von Berlin die  deutsch-polnische Grenze liegt. Vielleicht kann in der Perspektive das Projekt eines  gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsbuches helfen, den östlichen  Nachbarn besser kennenzulernen.

Dem bekannten britischen Historiker Timothy Garton Ash wird der Satz  zugeschrieben: „Wo persönliche Erinnerung schwindet, sollte gemeinsame  Erinnerung an ihre Stelle treten.“ Hier kann inhaltlich angeknüpft werden an das seit  einigen Jahren von deutschen und polnischen Historikern entwickelte Projekt  deutschpolnischer Erinnerungsorte. Die bekanntesten Protagonisten sind die  deutschen Historiker Hans Henning Hahn und Hagen Schulze sowie Robert Traba,  polnischer Vorsitzender der gemeinsamen Schulbuchkommission. Traba leitet seit  2008 das Projekt deutsch-polnische Erinnerungsorte.

Wie definieren nun die polnischen und deutschen Historiker den Begriff  Erinnerungsort? Sie gehen von der deutsch-polnischen Geschichte aus und wollen  diese aus den engen nationalen Kategorien befreien, um damit auch Antagonismen zwischen den Völkern zu überwinden. Es können kulturhistorisch oder historisch bedeutsame Orte sein, Baudenkmäler, wichtige Ereignisse der  Beziehungsgeschichte, topografische Elemente wie  Flüsse oder Berge, aber auch Persönlichkeiten. Voraussetzung ist, dass sie Bezugspunkte der deutschen oder polnischen Identität sind oder aber als ein gemeinsamer deutscher und polnischer Bezugspunkt akzeptiert werden.

Überträgt man dies auf das Land beidseits der Oder, muss „in aller Bescheidenheit“ konstatiert werden, dass in dieser Region keine Leuchttürme wie Breslau oder  Stettin liegen. Das kann aber keineswegs bedeuten, dass westlich und östlich der  Oder, nördlich und südlich der unteren Warthe nicht auch historisch und  kulturhistorisch bedeutsame Zeugnisse sich befinden, die polnische oder deutsche  der gemeinsame Identitäten schaffen können. Es geht also um regionale,  stbrandenburgische Erinnerungsorte, wobei die heute polnischen Gebiete der ehemaligen Mark Brandenburg einbezogen werden. Immerhin ist schon 2005 von einem deutsch-polnischen Autorenteam ein Buch mit dem Titel  „Schlesische Erinnerungsorte“ erschienen.

Erst langsam gewöhnen sich die Menschen daran, dass nur 100 Kilometer östlich von Berlin die deutsch-polnische Grenze liegt und nicht schon Sibirien beginnt.

Wenn ich hier Vorschläge mache, sind sie als Anstoß zu einem Konzept und seiner Verwirklichung gedacht. Ein über die Region hinaus wirkender zeitgeschichtlicher Ort ist die Gedenkstätte Seelower Höhen. Sie ist ein Erinnerungsort für Deutsche  und für Polen. Hier befand sich 1945 die letzte deutsche Verteidigungslinie vor Berlin gegen die Angriffe der Roten Armee, verstärkt durch polnische Einheiten. In diesem Punkt begegnen sich die Linien deutscher und polnischer Geschichte mit sowohl unterschiedlichen als auch gemeinsamen Akzenten. Ein Gleiches kann auch von  der total zerstörten Festungsanlage von Küstrin gesagt werden, auf der seit einigen  Jahren erste Rekonstruktionsarbeiten vorgenommen werden. Für die Polen ist aber  nach wie vor die gesamte Anlage das „Polnische Pompeji“.

Ein treffliches Beispiel für einen gemeinsamen Erinnerungsort ist die gemeinsam  wiederaufgebaute imposante Marienkirche in Königsberg/Neumark (Chojna).  Deutsche und polnische Kirchengemeinden, das polnische Kulturministerium, der   Förderverein für den Wiederaufbau der Marienkirche aus Hannover sowie zahlreiche  hemalige Königsberger befördern den Wiederaufbau.  Ganz wichtig sind in diesem Rahmen die alljährlichen „Tage der Integration, Freundschaft und Ökumene“ im August; hier begegnen sich Deutsche und Polen, alte und neue  Bewohner der Stadt. An diesem Ort wird eine deutsch-polnische Tradition geschaffen, die die deutschen Wurzeln der Stadt Königsberg mit ihrer Marienkirche weiterentwickelt. Dazu gibt es in unserem letzten Heft Seite 6 einen Bericht.

Ein ganz anderer deutsch-polnischer Erinnerungsort ist nach meiner Überzeugung die Oder. Bis 1945 neben Rhein und Elbe der große Strom Deutschlands, 1945 bis 1989 für Polen und die DDR endgültige Grenze, für die Bundesrepublik Deutschland nur eine Demarkationslinie, seit 1990 endgültige deutsch-polnische Grenze. Die Oder ist beispielhaft für völlig unterschiedliche politisch-historische Positionen, die nach Ende des Kalten Krieges überwunden wurden.

Nun können in der Neumark auch spezifisch deutsche wie polnische  Erinnerungsorte genannt werden. Nahe Zehden/ Cedynia, an der Straße vom  Grenzübergang  Hohenwutzen, erhebt sich auf einer Anhöhe das Denkmal zur Erinnerung an die Schlacht von 972, in der der polnische Staatsgründer Mieszko I.  das Heer eines deutschen Markgrafen über die Oder zurückgeschlagen hat. Damit  wurde die Grenze zwischen dem polnischen und dem deutschen Machtbereich bis  ins 13. Jahrhundert befestigt. Ein sich entwickelnder polnischer Erinnerungsort wird  mit Sicherheit die große Christusstatue in Schwiebus/ Swiebodzin, die der  Gemeindepfarrer Zawadzki in eigener Initiative und Regie gebaut hat. Diese Statue  hat Schwiebus zu einem Wallfahrtsort gemacht.

Für die Menschen, die ihre Heimat östlich der Oder bis 1945 noch erlebt haben, ist ihr Dorf, ihre Stadt, ihr Hof der persönliche  Erinnerungsort, der in der Regel mit dieser Generation verschwindet. In dieser Tatsache liegt eine tausendfache  individuelle Tragik. Trotzdem muss der Blick in die Gegenwart und Zukunft gerichtet werden.

Gerade für die Deutschen muss das bedeuten, dass wichtige Erinnerungsorte die Kenntnis darüber vermitteln, dass die verlorenen Ostprovinzen unabtrennbarer Teil der deutschen Geschichtslandschaft bleiben werden. In dem Sinne ist für mich ein deutscher Erinnerungsort in der Neumark die älteste einschiffige gotische  Backsteinkirche der Region in Quartschen/Chwarszczany unweit von  Zorndorf/Sarbinowo. Sie wurde im 13. Jahrhundert von den Templern gegründet und  ging dann in den Besitz der Johanniter über, ein eindrucksvolles Zeugnis aus den Anfängen der Ostsiedlung im frühen Mittelalter.

Ein wichtiger deutscher Erinnerungsort ist das Schloss Tamsel/Dabroszyn, sieben Kilometer von Küstrin entfernt an der ehemaligen Reichsstraße 1 gelegen. Es war und ist bis heute eines der bekanntesten Schlösser der Region, das von Theodor Fontane in den „Wanderungen“ beschrieben worden ist. Sein Zustand ist eher  deprimierend, die Polen haben offensichtlich kein historisches Interesse und bieten  die Anlage zum Verkauf. Ebenfalls unweit von Küstrin am Rande der Warthewiesen liegt der Ort Sonnenburg/Slonsk. Hier sind die Johanniterkirche und das 1976 durch Brandstiftung vernichtete Residenzschloss bedeutende Zeugnisse aus deutscher Zeit; in der neben der Kirche eingerichteten Heimatstube erinnern zahlreiche Gegenstände an die Vorkriegsjahre. In Sonnenburg wurde aber auch eines der ersten Konzentrationslager der Nazis eingerichtet, ein kleines Museum hält diesen Teil der Vergangenheit wach.

Das Projekt Erinnerungsorte bietet einen Zugang zur Geschichte, der entweder aus deutscher oder aus polnischer Sicht die Position des Nachbarn verstehen lehrt.

Karlheinz Lau (KK)

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