Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1245.

Lebensbilder, gereimt und

Zweisprachige Ausgaben von Gedichten haben immer eine besondere Dimension: sie verweisen auf einen zusätzlichen Interessenkreis, der in den meisten Fällen auf eine geistige Verwandtschaft oder zumindest auf eine identitätsstiftende Nachbarschaft zurückgeht. Hans Damas Gedichtband „Launen des Schicksals / Capriciile destinului“, in deutscher und rumänischer Sprache in Wien erschienen, ordnet sich nahezu beispielhaft diesem Kriterium unter, indem er nicht nur sprachlich verbindet, sondern thematische und dichterische Gemeinsamkeiten erkennen läßt, die im Erinnerungsbild vieler mit dem Banat vertrauter oder heute dort beheimateter Menschen noch gegenwärtig sind. Es ist bemerkenswert, daß vor allem die Banater Rumänen bisher rezeptiv auf die Gedichte eingegangen sind und sich auch in Passagen einbezogen fühlen, die sie vordergründig nur am Rande berühren dürften.

„Schuldlos verwurzelt / stehe ich hier“, beginnt Hans Dama sein Gedicht „Heimat“ als einer, der zwar weiß, wo er herkommt, aber auch, daß er nicht mehr dazugehört, „pflichtschuldig, / seelisch-verbunden, / breitegradliebend“, wie er es dichterisch formuliert. Auch für die Rumänen, die schon immer da waren und doch nachgezogen sind in die verlassenen deutschen Höfe und die an der Vorgeschichte des Landes nicht vorbeileben wollen. Für das urdeutsche Wort „Heimat“ findet der Übersetzer Simion Danila dennoch nur den Begriff „patria“ (Vaterland), der auf einer etwas anderen Gefühlsebene liegen und anders erfaßbar sein mag und so den Zwischenzustand eines Übergangs nur abgeschwächt nacherlebbar zu machen in der Lage ist.

Simion Danila, ein an Nietzsche erprobter Übersetzer, ist es indessen gelungen, zumal in den gereimten Versen, die verwandte Tonalität von Damas Dichtung aufzuspüren und, wenn man so will, zurückzuverwandeln in ein rumänisches Klangmuster, das seinerseits wieder auf die deutsche Romantik verweist. Verse wie „Wundersames leises Klagen / streichelt kalt die frühe Nacht“ finden eine so originär wirkende Übertragung, als wäre es ein Eigengewächs der anderen Sprache. Deutlicher noch wird die dichterische Affinität in „Windspiel“, wo bereits Dama sein deutsches Original rumänisch rhythmisiert („Bläst du manchmal nicht zu sehr? / Tänzle ich dann vor dir her …“), was der Übersetzer dankbar aufgegriffen und mühelos beibehalten hat. Das zweisprachige Buch erweist sich als eine erfreuliche literarische Begegnung, die nicht allein einer erstrebten Annäherung dient, sondern darüber hinaus das tatsächlich regional Verbindende sichtbar macht.

Hans Dama, aus Großsanktnikolaus im rumänischen Banat stammend und heute Rumänist am Institut für Romanistik der Universität Wien, unterhält vielfältige berufliche und persönliche Verbindungen zu Rumänien, ist auch als Übersetzer tätig und seit 1980 mit Gedichten und kurzer Prosa an die Öffentlichkeit getreten. Der namhafte rumänische Literaturwissenchaftler Cornel Ungureanu spricht Hans Damas Dichtkunst „eine aristokratische Gestik“ zu, „gepaart mit der diskursiven Sprachgewalt einer echten Leitfigur“.

Dabei bleibt der Dichter über weite Strecken der Tradition verhaftet. Er scheut nicht den Reim, und er verwendet bedenkenlos das lyrische Bild, das er mit ungekünstelten Empfindungen ausstattet, die so neu nicht sind und doch nicht abgegriffen wirken. Es sind Lebensbilder, die er im vorliegenden Band nachzeichnet und auslotet, Gedanken über den Tag und die Welt, vom Verlust geprägt, abgerückt jedoch von jeder Verklärung und nicht selten mit einer ironischen Note versehen. Ihm geht es dichterisch eher um das Unmittelbare als um das Unsagbare, er versteigt sich nicht in verquere Formulierungen, er verwendet das Wort in seiner sinnbelassenen Ursprünglichkeit, will sich mitteilen und nicht verschließen. Einige Gedichte sind mit dem Datum ihrer Entstehung versehen, verweisen auf das Banat, auf Wien oder Griechenland als Entstehungsort, umreißen den Zeitabschnitt, markieren den konkreten gesellschaftlichen Bezug des jeweiligen Gedichtes. Ungureanu spricht in diesem Zusammenhang von einem Tagebuch in der Lyrik von Hans Dama und meint damit die Unmittelbarkeit des dichterischen Sprechens. Lebte die Dichtkunst nicht schon immer vor allem aus der Kraft oder der Macht des Augenblicks?

Thematisch wie sprachlich kündigt sich – eben aus der Macht des Augenblicks – dennoch eine Veränderung im Werk von Hans Dama an. Es reagiert unprogrammiert auf das, was auf den Dichter zukommt im Dialog mit dem Geist und Ungeist der Zeit. Die Sprache wird knapper, das Wort härter, der Reim versickert zusehends. Die Botschaft wird wichtiger als die Form, auch wenn die Fragen, die sich der Dichter stellt, ohne Antwort bleiben. „Warte auf morgen“, empfiehlt er, „und streiche den heutigen Tag / im geschlossenen Kreis / von gestern … Du wirst begreifen lernen, / daß Taten hauchdünn vermodern.“ Weiter, weiter, weiter …, sagt er sich vor, denn „auch ein verstümmelter Wille / bleibt ein Wille“. Der Dichter Hans Dama merkt, wie das Pendel über die Endpunkte Wien und Banat hinausschwingt und wie andererseits die große Welt hereinströmt in die Idylle von gestern, einfach da ist und die schönen alten Bilder überflutet. Die Lyrik stirbt nicht daran – sie stößt einen neuen Trieb aus der Rinde.

Hans Dama: Launen des Schicksals / Capriciile destinului. Zweisprachiger Gedichtband. Ins Rumänische von Simion Danila. Verlag Pollischansky, Wien 2007

Franz Heinz (KK)

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