Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1242.

Leicht hat man’s schwer miteinander

Deshalb widmete die Bundeskulturtagung der Landsmannschaft Weichsel-Warthe sich den deutsch-polnischen Fragen

Die diesjährige Bundeskulturtagung der Landsmannschaft Weichsel-Warthe in Wiesbaden widmete sich den gegenwärtigen Beziehungen zum Nachbarn Polen. Bundessprecher Karl Bauer erklärte zur Eröffnung, daß das Tagungsthema „Deutsch-polnische Fragen in Spannung und Ausgleich“ bereits vor einem halben Jahr gewählt worden sei, ohne daß man ahnen konnte, daß dieses „aktueller denn je sei, weil zur Zeit sehr deutschland- und europakritische Töne aus unserem Nachbarland zu hören sind, die weit über das hinausgehen, was wir bisher vernehmen mußten“.

Seit 17 Jahren ist das Land Hessen Pate der Landsmannschaft Weichsel-Warthe, und Staatsminister Volker Hoff betonte den Willen der Landesregierung, die Landsmannschaft auch weiterhin in ihrer Kultur- und Verständigungsarbeit zu unterstützen. Erst kürzlich hat das Land Hessen als erstes Bundesland die Patenschaft für das Zentrum gegen Vertreibungen übernommen, und der Staatsminister berief sich auf den Bundestagsbeschluß aus dem Jahr 1994, demzufolge Vertreibungen international zu ächten sind.

Den Auftakt der Vorträge machte Oberstudienrat Wilfried Gerke (Diepholz), Ehrenmitglied der LWW, mit seinem Referat über „Aktuelles zum deutsch-polnischen Verhältnis“. Er stellte dar, wie sich das polnisch-deutsche Verhältnis seit dem Wahlsieg der nationalpopulistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) zum Negativen verändert hat. In Polen regieren seit 2005 Parteien von zweifelhaft demokratischem Ruf, wenn man an die Koalitionspartner der PiS, die populistische Bauernpartei des Andrzej Lepper oder die Partei der polnischen Familie des Roman Giertych denkt. Das polnisch-deutsche Verhältnis ist durch z.T. uralte Themen wie die Vertreibung, das Zentrum gegen Vertreibungen oder deutsche Eigentumsansprüche gestört, bei denen die deutsche Privatorganisation Preußische Treuhand eine negative Rolle spielt. Um so erfreulicher ist es, daß diese Mißstimmung nicht nach unten durchschlägt und die guten Kontakte auf lokaler Ebene weiterhin funktionieren. Gerke betonte aber, daß auch die Deutschen den Polen Grund zum Klagen geben, angefangen von den Eigentumsansprüchen, die viele Polen verunsichern, bis hin zur Ausbeutung polnischer Arbeiter. In diesem Jahr klagten erstmals die deutschen Bauern, daß die Polen nicht mehr in ausreichender Zahl kommen, um als Erntehelfer tätig zu werden – angesichts der schlechten Bezahlung und Behandlung kein Wunder. Die Spargelbauer klagen, daß sie etwa ein Drittel ihrer Erträge nicht ernten können. In den EU-Staaten Großbritannien, Irland und nun auch in den Niederlanden können Polen ganzjährig arbeiten und erhalten angemessene Löhne.

In seinem Vortrag „Die Presse und die Vertriebenen“ riß Hilmar Börsing, der ehemalige Chefredakteur des „Wiesbadener Kuriers“, ein Thema an, das in seiner Vielschichtigkeit „gut und gerne Thema einer Doktorarbeit“ sein könnte. In den letzten Jahren nimmt die Presse das Thema Vertreibung immer stärker wahr, nachdem es seit den 70ern wenig Beachtung fand. In den Jahren nach dem Krieg war das Thema stets präsent, und Börsing wies darauf hin, daß Willy Brandt als Bürgermeister von Berlin 1961 beim Schlesiertreffen gesagt hatte: „Verzicht ist Verrat.“ Zehn Jahre später unterzeichnete er als Bundeskanzler die Ostverträge und leitete damit einen politischen Wandel im Umgang mit den Vertriebenen ein. Seither galten sie als „Revanchisten, ewig Gestrige“, die das durch die Ostverträge eingeleitete Versöhnungswerk gefährden könnten.

Heute noch ist das Thema Vertreibung bei vielen Redakteuren vorbelastet. Allerdings sei, betonte er, die Presse mit den Vertriebenen immer realistisch umgegangen. Während die Politik gerne Sonntagsreden hielt, die er als eine besondere Form der Heuchelei ansieht, war die Presse immer offen: Sie berichtete oder berichtete nicht. Er betonte auch die Härte dieses Umgangs. Seine sehr realistischen Ausführungen schloß Börsing mit den Worten: „Das Sonderopfer der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge ist Teil gesamtdeutscher Geschichte. Und das geht, wie ich meine, alle an: die einen, weil sie Opfer waren, die anderen, weil sie das Glück hatten, von einem solchen Schicksal verschont geblieben zu sein. Dies in das Bewußtsein unserer Mitbürger zu heben ist eine der Aufgaben, die Medien heute haben, wenn sie die Political correctness nur endlich beiseite ließen und sich vorurteilsfrei mit den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen, mit ihrem Schicksal und mit ihrer historischen Rolle beschäftigten.“

In seinem Vortrag stellte Dr. Wolfgang Kessler, Direktor der Herner Martin-Opitz-Bibliothek, die Publizistik (Zeitschriften und Bücher) und die „schöne Literatur“ der Deutschen in Polen bis 1939 vor. Es ist festzustellen, daß das Wissen über die eigene Geschichte bis 1920 nur rudimentär vorhanden war. Das Jahr 1920, als Polen wiedererstand, wirkte wie ein Schock. Es dauerte fünf Jahre, bis mit den „Deutschen Blättern in Polen“ die erste Kulturzeitschrift entstand (später in „Deutsche Monatshefte“ umbenannt). Auch andere, aber weit weniger erfolgreiche Schriftenreihen entstanden. Eine Zäsur in der kurzen Zwischenkriegsentwicklung bedeutete das Jahr 1933 mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten. Betonte man vor 1933 vor allem das Thema Heimat, so trat nun das Volkstum an deren Stelle. Die völkische Literaturauffassung beherrschte seither das Wirken der Autoren, von denen viele gar nicht mehr in Polen lebten, sondern nach 1920 aus Polen abgewandert waren. Ein Motor der deutschen Literatur und Kultur war die Historische Gesellschaft in Posen, die ebenfalls ihre Ausrichtung wandelte. In der zweiten Hälfte der 30er Jahre wurde die Zeitschrift „Deutsche Sippenforschung in Polen“ immer wichtiger. Die Entwicklung der Literatur nach 1939 ist bislang kaum erforscht, aber sie ist verstärkt fremdbestimmt und auch nicht mehr im engeren Sinn literarisch zu nennen.

Oberstudienrat a.D. Götz Urban (Wiesbaden) referierte über „Deutsch-polnische Neuerscheinungen zum Thema der Vertreibung der Deutschen und Polen“. Am Beispiel zweier Bücher, vom Deutschen Urban und dem Polen Piskorski, stellte er die unterschiedliche Sichtweise von deutscher und polnischer Seite dar. Vor allem in der polnischen Literatur verwendet man das Wort Vertreibung ungern und spricht von Aussiedlung, Umsiedlung, Deportation oder Repatriierung. Erfaßt wird indessen nicht nur die Vertreibung der Deutschen aus Polen, sondern auch alle weiteren Umsiedlungen nach 1939, angefangen von der Verschleppung von Polen durch die Sowjets, die von polnischen Zwangsarbeitern nach Deutschland, die Umsiedlungsaktion „Heim ins Reich“ bis hin zur Vertreibung der Deutschen durch die Polen und die der Polen aus der Ukraine durch die Sowjets. Urban betonte, daß die Geschichtsklitterung durch Partei und Kirche in Polen bis heute nachwirkt.

Der stellvertretende Bundessprecher und Vorsitzende des Hilfskomitees der evangelisch-lutherischen Deutschen aus Polen, Pastor i. R. Georg Sichler, erinnerte daran, wie die Arbeit des numehr 60 Jahre aktiven Hilfskomitees begann. Im Mai 1945 stellten die Alliierten fest, daß es in Europa etwa 50 Millionen „displaced persons“ gab, die in ihre Heimat zurückzukehren trachteten oder eine neue suchen mußten. Die Kirche trat diesen Menschen helfend zur Seite, und es bildeten sich 23 Hilfskomitees, darunter die drei Hilfskomitees – Gemeinschaft Evangelischer Posener, Hilfskomitee der evangelisch-lutherischen Deutschen aus Polen und Hilfskomitee der Galiziendeutschen –, die Landsleute aus den Gebieten von Weichsel und Warthe betreuen. Was als vorläufige Hilfe für maximal fünf Jahr gedacht war, hat bis heute, im 60. Jahr, seine Aufgabe und Notwendigkeit bewahrt.

Im Anschluß daran stellte Christel Jatczak ihren Bibelkreis in Lodz vor, dem 57 Mitglieder angehören. Professor Andrzej Wieckowski erwähnte in seiner Ansprache die Ergebnisse der polnischen Volkszählung von 2002. Zu ihrem Erstaunen konnten die Teilnehmer hören, daß sich 147094 Menschen damals zu ihrem Deutschtum bekannten. Er betonte dabei, daß man die Zahlen sicherlich verfünffachen müsse, denn angesichts des z.T. bis heute andauernden Druckes, unter dem die deutsche Minderheit in Polen seit 1945 steht, bekennen sich viele nicht zu ihrer deutschen Herkunft. Zudem schuf die Regierung zur Verschleierung der Fakten eine „schlesische Nationalität“.

Den Kulturabend gestaltete Prof. Dr. Erich Müller (Berlin), der Kulturreferent des Hilfskomitees der Galiziendeutschen, als Lichtbildervortrag über „Das gesellige Leben der Deutschen in Lemberg vor dem Zweiten Weltkrieg“. Er vertiefte damit seinen Beitrag im Jahrbuch 2007 und stellte den Teilnehmern anhand von zahlreichen Fotos und Dokumenten das vielschichtige und kulturell hochstehende, allemal ereignisreiche  gesellschaftliche Treiben vor.

Nach der Andacht tags darauf wurden die Kulturpreisträger dieses Jahres gewürdigt. Mit dem Kulturpreis werden Leistungen zur Erhaltung und Weitergabe des Kulturerbes und des Erfahrungsschatzes der Deutschen aus Polen ausgezeichnet, weil dieses Kulturgut geprägt ist von den Erfahrungen des Zusammenlebens mit Polen, Juden, Ukrainern und den anderen Minderheiten, die in Polen zwischen den beiden Weltkriegen gelebt haben. Der diesjährige Kulturpreis wurde drei Persönlichkeiten zuerkannt, die in sehr unterschiedlichen Bereichen engagiert sind. Die Würdigung für Dr. Ursula Mechler, die neu gewählte stellvertretende Bundessprecherin, hielt Bundessprecher Karl Bauer. Er würdigte ihre Arbeit für die LWW und ihre berufliche Laufbahn, die vielen Teilnehmern unbekannt war. Die Laudatio für die zweite Preisträgerin, Hilde Möller, war Horst Eckert vorbehalten. Auch der dritte Kulturpreis der LWW ging an eine Frau, an Renate Sternel. In seiner Laudatio betonte Dr. Sprungala, und das galt für für viele, vor allem aber für die Preisträgerinnen, die Bedeutung von uneigennützig, oft im Stillen wirkenden Personen. Das galt auch für den 19jährigen Jurastudenten Peter Kirsch, den diesjährigen Träger des Kulturellen Förderpreises für Nachwuchskräfte für seine Jugend- und Kulturarbeit in Pabianice bei Lodz.

Martin Sprungala (KK)

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