Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1314.

Leid verschweigen heißt Leid zufügen

Eine Ausstellung des Zentrums gegen Vertreibungen setzt Akzente gegen die mediale Relativierung zeitgeschichtlicher Themen

Der Fernsehbericht über das offizielle staatliche Gedenken zum Volkstrauertag 2011 dauerte etwa 30 Sekunden; ihm folgte die ausführliche Sportberichterstattung, in der das Interview eines Fußballspielers allein und ein Bericht über die zunehmende Gewalt in Fußballstadien das Gedenken für die Opfer von Krieg, Gewalt, Flucht und Vertreibung weit in den Schatten stellten. Eine große überregionale Tageszeitung gewährte dem Volkstrauertag einige Zeilen auf Seite vier.

Dieser Befund zeigt, daß Geschichte und Erinnerungskultur in Gestalt der jährlich wiederkehrenden Bilder von Gedenkorten in Deutschland den für solche Anlässe gewählten Repräsentanten des Staates überlassen wird und nicht zu den Prioritäten öffentlicher Meinungsbildung zählt; so verwundert es nicht, daß die Kenntnisse über das, was vor über 65 Jahren geschehen ist, schrumpfen und die Auseinandersetzung damit inzwischen nur noch in einem kleinen Kreis speziell Interessierter stattfindet. Gegenstand im Unterricht oder Bestandteil des Bildungsangebots sind sie immer weniger. Diese Kenntnisse sind inzwischen Nischenwissen, auch wenn es in den letzten Jahren eine Renaissance zeitgeschichtlicher Dokumentationen gibt und zudem Spielfilme, in denen menschliche Schicksale zu spannender Unterhaltung verfremdet werden.

Die mediale Relativierung von Themen, die mit dem zeitgeschichtlicher Schicksal von Deutschen zusammenhängen, wird noch verstärkt durch die zur Abstumpfung des „Konsumenten“ führende Flut von Nachrichten über die Schrecken von Naturkatastrophen, das Grauen von regionalen Kriegen, die Verbrechen von Diktatoren gegen ihre Völker, die allabendlich durch die Wohnzimmer flimmern. Da haben es Berichte über den Holocaust, historische Völkermorde wie der an den Armeniern oder Dokumentationen über Flucht und Vertreibung „relativ“ schwer, sich zu behaupten. Um so verdienstvoller ist es, daß von dem Zentrum gegen Vertreibungen nach der Darstellung europäischer Vertreibungen im 20. Jahrhundert („Erzwungene Wege“) und der Siedlungsgeschichte der Deutschen außerhalb des Deutschen Reiches („Die Gerufenen“) nunmehr eine dritte Ausstellung, diesmal über die schwierige Integration der Heimatvertriebenen in Deutschland nach 1945 („Angekommen“), erarbeitet wurde, die während der Monate Oktober und November 2011 im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages in Berlin, mit Blick auf das Bundeskanzleramt, zu sehen war. Es sei nicht einfach gewesen, gerade diese Ausstellung mitten in den Deutschen Bundestag zu plazieren, hieß es während der Eröffnung. Noch heute ist es demnach nicht „normal“, an das Schicksal einer riesigen Gruppe des deutschen Volkes zu erinnern, die mehr als jede andere die Folgen der Verbrechen des Nationalsozialismus tragen mußte.

Schon die erste Ausstellung mußte, jenseits aller innen- und außenpolitischen Polemik, den sensiblen Betrachter verstummen lassen, ebenso wie diese dritte, wurde doch der Versuch erkennbar, Unvorstellbares darzustellen, Tatsachen, die jede menschliche Möglichkeit des Begreifens übersteigen, jede moralische Bewertung in die Irre laufen lassen, ins Bild und ins Wort zu setzen.

Alle mögliche „Unangemessenheit“ angesichts der dargestellten Leiden überwindend, ist offenbar die sachlich-nüchterne, faktenorientierte Darstellung, „gepflastert mit menschlichen Härten, Spannungen zwischen Alteingesessenen und Vertriebenen, ja oft auch mit brutaler Ablehnung, Ausgrenzung und Erniedrigungen“ (Erika Steinbach) der einzige Weg, auch Kritiker zu erreichen und vor allem die Jugend anzusprechen. Die Schrecken der Erinnerung müssen, allem Schmerz zum Trotz, zum „Gegenstand des historischen Rückblicks“ gemacht werden, wie es Bundesinnenminister Friedrich in seinem Grußwort ausdrückt.

Die etwa zweihundert Teilnehmer der Ausstellungseröffnung haben zu einem erkennbaren Teil das, was da dargestellt wird, selbst erlebt. Für sie war der Blick in überfüllte Matratzenlager, auf Flüchtlingstrecks, in Lagerbehausungen, Baracken, auf Bahnhöfe, Verpflegungsausgaben, Wohnungszuweisungen, Ablehnung durch Einheimische und vieles andere Schwere, das sie nach Flucht und Vertreibung bei der Ankunft in der „Kalten Heimat“ (Andreas Kossert) erlebten, kein „historischer Rückblick“, sondern bittere eigene Vergangenheit.

Allein die Zahlen. So viele wie die gesamte heutige Bevölkerung von Schweden und Finnland waren diejenigen, die ihre ostdeutsche Heimat verlassen mußten. Mehr Menschen, als die heutige lettische Bevölkerung ausmachen, verloren auf der Flucht ihr Leben, acht Millionen Menschen gelangten in die drei Westzonen, vier Millionen in die Sowjetische Besatzungszone, von denen sicher ein großer Teil zu den drei Millionen zählt, die bis 1961 die DDR verließen. Umwälzungen, wie sie zuvor nur im Dreißigjährigen Krieg des 17. Jahrhunderts stattgefunden haben, wie Erika Steinbach hervorhob. Sie führten zur „Entstehung eines neuen Volkes aus Binnendeutschen und Ostvertriebenen“ (Eugen Lemberg), zu einer „Ethnomorphose“.

Das Unvorstellbare umfaßte, bevor es die Deutschen traf,  den Vernichtungskrieg im Osten und den millionenfachen Judenmord. Bundestagspräsident Lammert sah diesen Doppelaspekt in dem zentralen Eingeständnis von Günter Grass auf den Punkt gebracht: „Niemals hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis sei bodenlos.“

Und heute? Inzwischen wissen wir, daß die Vertriebenen zwar an der Erarbeitung des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland nach dem Krieg nach Kräften mitwirkten, selbst aber nur unterproportional an den Ergebnissen teilhatten. Noch mehr als 25 Jahre nach Kriegsende lagen die Vertriebenen, mit wenigen Ausnahmen, einkommens- und vermögensmäßig deutlich hinter den in ihrer Heimat Verbliebenen zurück, trotz insgesamt 75 Milliarden DM Lastenausgleich – was für eine Summe angesichts 1,5 Billionen Euro Aufbau Ost nach 1990!

Die Ausstellung – wie auch der Katalog – umfaßt in fünf Kapiteln den historischen Bogen von der Ausgangslage bis zur Situation heute, einschließlich der Rahmenbedingungen, wie sie vor allem durch das Bundesvertriebenengesetz bis heute gegeben sind. Zentral für die Zukunft ist dabei das „unsichtbare Fluchtgepäck“ (Gertrud Fussenegger), ein Potential von europäischer Bedeutung, das auszuschöpfen und für den Nachbarschaftsdialog im Rahmen der Europäischen Union fruchtbar zu machen eine bleibende Verantwortung für Bund, Länder und Kommunen ist, in Zusammenarbeit mit den noch vorhandenen deutschen Wissens- und Erfahrungsträgern aus dem mittleren und östlichen Europa.

Gern zitiert man Alfred Grosser, der die Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge „als größte sozial- und wirtschaftspolitische Aufgabe“ bezeichnet, „die je von Deutschland gemeistert worden sei“. Diese Leistung bedarf der Fortsetzung. Von Jean Monnet ist der Gedanke überliefert, daß er mit der Kultur beginnen würde, wenn er noch einmal an der Einigung Europas mitwirken dürfte. Genau darum geht es jetzt auch: Die von Grosser beschriebene Integration bleibt so lange unvollendet, solange die deutsche Kultur im östlichen Europa nicht eine unbestrittene europäische Zukunft gewinnt.

Man könnte mit dem sehr gelungenen Ausstellungskatalog beginnen: eine zehnfache Auflage und seine Verwendung in allen Schulen, seine Übersetzung in alle europäischen Sprachen – eine Utopie?

Klaus Weigelt (KK)

Zentrum gegen Vertreibungen (Hrsg.): Angekommen. Die Integration der Vertriebenen in Deutschland. 2011. 160 Seiten.

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