Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1348.

Leise Helden

Haus Schlesien eröffnet den Blick auf das niederschlesische Gut Kreisau als „Insel freien Denkens“ im Nationalsozialismus

Leise-Helden1In der Zeit des Nationalsozialismus gab es eine Reihe ziviler Widerstandsgruppen, die keine Sabotage- oder Gewaltakte gegen das Regime unternahmen. Vielmehr trafen sie sich im Privaten, diskutierten und entwarfen Pläne für die Zeit nach der NS-Herrschaft. Eine Ausstellung im Haus Schlesien bis zum 8. März 2015 basiert auf der Wanderausstellung der Stiftung Kreisau und zeigt Facetten des Widerstands in der nationalsozialistischen Diktatur am Beispiel der Überlegungen und Aktivitäten der Mitglieder des Kreisauer Kreises. Sie lädt dazu ein, sich mit diesen Menschen, ihrem Werdegang und ihrer Zeugenschaft auseinanderzusetzen.

Kaum ein Ort ist so sehr zum Sinnbild des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus geworden wie das niederschlesische Kreisau. „Opposition, Widerstand, der Wille, die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen, der Mut dazu“ (Freya von Moltke, 1997), diese Einstellung verband eine Gruppe von Menschen, die von der nationalsozialistischen Gestapo nach dem Ort ihrer drei größeren Tagungen als Kreisauer Kreis bezeichnet wurde. Zwischen 1940 und 1945 erdachten und planten sie dort ein neues demokratisches Deutschland und ein vereinigtes Europa. Zentrum des Kreises waren Helmuth James von Moltke (1907–1945) und Peter Yorck von Wartenburg (1904–1944).

Anfang der 1940-er Jahre, auf dem Höhepunkt der Machtentfaltung des menschenverachtenden nationalsozialistischen Regimes, mitten im Zweiten Weltkrieg, eine demokratische Zukunft in Freiheit und Frieden zu denken – das war ein risikoreiches Unterfangen, das am Ende viele der Beteiligten mit ihrem Leben bezahlten. Aber es war auch eine intellektuelle und menschliche Leistung einer Minderheit, die nicht den Weg der angepassten Mehrheit und auch nicht den Weg der „inneren Emigration“, des Schweigens unter Zwang, gehen wollte. Diese Gruppe von Gleichgesinnten schuf sich, im Vertrauen zueinander, eine „Insel des freien Denkens“. Hier konnten sie ihre Ideen und Hoffnungen zum Ausdruck bringen und entwarfen Pläne für eine politische, wirtschaftliche und soziale Neuordnung Deutschlands und für ein friedliches Europa nach dem Ende des Nationalsozialismus.

Der Kreis umfasste Menschen aus unterschiedlichen politischen und sozialen Segmenten und Schichten. Ihm gehörten Juristen, Theologen beider Konfessionen, Aristokraten sowie Sozialdemokraten und Gewerkschaftler an. Die Gesprächspartner vertraten durchaus unterschiedliche, bisweilen vollkommen entgegengesetzte Standpunkte. Aber sie verband die Überzeugung, dass man die Welt verbessern kann und dass der Einzelne dafür persönlich verantwortlich ist. In der politischen Zielvorstellung einer sozialen Gesellschaft auf personaler Grundlage waren sich die Kreisauer von Beginn an einig.

In privaten Begegnungen und Briefwechseln wurden Entwürfe für den Verfassungsaufbau Deutschlands und europapolitische Konzepte formuliert, diskutiert und verabschiedet. Die vorbereitenden Debatten wurden meist in kleineren Kreisen geführt, oftmals in Moltkes Berliner Wohnung oder bei Yorcks in der Berliner Hortensienstraße, gelegentlich bei Treffen auf Landgütern wie Klein-Öls und Groß-Behnitz. Auf drei größeren Sitzungen, die im Frühjahr und Herbst 1942 sowie im Frühjar 1943 im Berghaus des Moltkeschen Gutes Kreisau stattfanden, wurden die wichtigsten Teilbereiche diskutiert und schließlich in den „Grundsätzen für die Neuordnung“ vom 9. August 1943 zusammengefasst.

Leise-HeldenDer Begriff der Neuordnung macht deutlich, dass es den Kreisauern nicht um eine bloße Rückkehr zum Rechtsstaat der Weimarer Republik ging, eine einfache Restauration wurde allgemein abgelehnt. Die obrigkeitsstaatliche Struktur sollte durch einen systematischen Aufbau von unten beseitigt werden. Um den Nationalismus, der zwei Weltkriege verschuldet hatte, zu überwinden, sollte Deutschland Teil eines föderativ gegliederten Europa werden. Zugleich sollte mit der politischen Neuordnung Europas eine größere wirtschaftliche Einheit entstehen. So stellten die Angehörigen des Kreisauer Kreises die geplante Neuordnung Deutschlands von Beginn an in einen europapolitischen Kontext. „Meinem Gefühl nach bin ich erstens an Europa gebunden, zweitens an Deutschland, drittens an Ostdeutschland, viertens an das Land. ‚Ich bin gebunden‘ heißt, dass ich mich verantwortlich fühle, wobei das Maß der Verantwortung sich in dem Maß verringert, in dem der Umkreis sich erweitert.“ (Moltke in einem Brief an seinen Großvater, 1929)

Die Grundlagen für eine Wiederherstellung der Rechtsordnung waren für die Mitglieder des Kreises die Menschen- und Grundrechte sowie das Naturrecht, sei es in der christlichen Tradition oder im Anschluss an die Philosophie der Antike und der Aufklärung. Mit ihren Ideen vertraten sie mit bis dahin ungekannter Vehemenz die Vorstellung einer menschenwürdigen internationalen Ordnung, die auf dem Recht und nicht auf Macht basiert. Dabei sollte es nicht bei staatsrechtlichen Theorien bleiben, sondern zu der aktiven, verantwortungsvollen Mitarbeit an der Gestaltung Deutschlands und Europas nach der Diktatur führen. Gegenüber der amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson äußerte Moltke schon in den 30-er Jahren seine Bedenken: „Ich weiß nicht, was ich tun kann und ob ich überhaupt etwas tun kann, um dieses Regime zu vernichten. Aber der Sturz müsste aus dem Inneren Deutschlands kommen, und ich werde dabei gebraucht werden. Auf jeden Fall wird eines Tages – vielleicht in dreißig Jahren – in Deutschland wieder das Gesetz herrschen. Ich hoffe einer der Leute zu sein, die helfen werden, dieses Gesetz zu schaffen.“

„Wann je sonst in unserer Geschichte hat es eine solche Konzentration von sittlich-politischer Substanz gegeben wie in Kreisau … Das Leben und Denken und Empfinden der Menschen, die in Kreisau versammelt waren, ist und bleibt Maßstab für uns“, hat Richard von Weizäcker 1985 diese geistige Tat gewürdigt.
Nach 1945 wurde Niederschlesien polnisch und aus Kreisau wurde Krzyzowa.

Freya von Moltke (1911–2010) musste das Gut verlassen. Durch die Jahrzehnte hindurch hielt sie an dem Traum fest, es eines Tages zu einem Haus für internationale Verständigung zu machen. Seit 1990 gehört das Gut der deutsch-polnischen Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung (Fundacja Krzyzowa dla Porozumienia Europejskiego). Die Stiftung ging aus einer internationalen Bürgerrechtsbewegung hervor, die sich erstmals im Juni 1989 in Breslau traf und die Gründung einer internationalen Begegnungsstätte und einer Gedenkstätte der europäischen Widerstandsbewegung in Kreisau anstrebte. Für Freya von Moltke war die Realisierung dieser internationalen Begegnungsstätte das späte Ergebnis der Arbeit ihres Mannes und seiner Freunde. Ein Ort, an dem Menschen aus ganz Europa zusammenkommen und sich trotz sprachlicher, sozialer und weltanschaulicher Unterschiede austauschen. Es ist das, was Kreisau ausmacht, es ist ein Ort der Zukunft. So empfand sie es 2005: „Ohne die deutsche Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus, ohne ihren Einsatz, gäbe es heute nicht das schöne Leben in Kreisau. Es erwies sich als eine gute Basis, Polen und Deutsche einander näher zu bringen. Dass Kreisau in einem Europa ohne Grenzen eine neue Rolle gefunden hat, hat seine Berechtigung. Die Kreisauer gehörten zu den ersten, die europäisch dachten.“

Bernadett Fischer (KK)

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