Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1221.

Leistungsschau Schlesien

Sich selbst zur Feier und Vergewisserung, den andern zur Ver- und Bewunderung – das Schlesische Museum zu Görlitz wurde eröffnet

Zur Eröffnungsfeier am 13. Mai 2006 sprach für die Landsmannschaft Schlesien, die zu den vier Trägern des Schlesischen Museums gehört, Dr. Herbert Hupka ein Grußwort. Wir veröffentlichen eine gekürzte Fassung.

In einem historischen Rückblick hieß es: ,,1982 regte die Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt in einer ‚Grundsatzkonzeption zur Weiterführung ostdeutscher Kulturarbeit‘ die Errichtung und den Ausbau von LANDESMUSEEN der großen ostdeutschen Regionen an. Sie stützte sich dabei auf den gesetzlichen Auftrag gemäß §96 des Bundesvertriebenen- und -flüchtlingsgesetzes. Die entsprechenden Bundesländer in der Bundesrepublik Deutschland waren dazu aufgefordert, diese Verpflichtungen wahrzunehmen.“ Es bildete sich eine Arbeitsgruppe aus Niedersachsen, dem Patenland für Schlesien, Repräsentanten der Landsmannschaft Schlesien und fachkundigen Beratern. Unter der Überschrift „Landesmuseum kommt nach Hildesheim“ berichtete im März 1984 die regionale Presse: „Die Stadt Hildesheim ist als Standort für ein Landesmuseum Schlesien in Aussicht genommen worden.“ Ein Trägerverein wird 1988 gegründet, ein Jahr später die „Sülte“ in Hildesheim als Standort ausgemacht und ein erster Bauplan erarbeitet. Ein Zuschuß von 350000 DM wird zum Beginn in Aussicht gestellt. Aber die CDU- und FDP-geführte Landesregierung wird 1990 durch eine neue Regierung, gebildet aus SPD und der Partei Die Grünen, abgelöst. Das hat zur Folge, daß jede finanzielle Unterstützung aufgekündigt wird.

Inzwischen ist der Eiserne Vorhang gefallen. Zwar wird es jetzt in Mitteldeutschland die Bindestrich-Länder, Sachsen-Anhalt, wie ehedem, und Mecklenburg-Vorpommern, dies neuesten historischen Datums, geben, aber zu einem Bindestrichland Sachsen-Niederschlesien kommt es nicht. In der Verfassung des Freistaates Sachsen ist indes Niederschlesien zweimal ausdrücklich genannt, denn Görlitz und die Oberlausitz, das heißt Schlesien. Niedersachsen mit Hildesheirn war ausgegrenzt, in Görlitz fand man im Schönhof, einem Prachtbau der Frührenaissance, den neuen, nunmehr verbindlichen, zudem schlesischen Standort für das Landesmuseum Schlesien. Eine Presseinformation des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst teilt mit: „Am 1. April 1992 findet in Görlitz eine Mitgliederversammlung des Vereins Landesmuseum Schlesien Görlitz statt, um das geplante Museum in Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze zu verwirklichen. Die Bemühungen des Vereins treffen sich mit Initiativen der Bürger und der Stadt selbst. Wie bekannt, hat die Stadtverordnetenversammlung von Görlitz den historischen Schönhof als Standort für ein Museum für Schlesische Kunst und Kultur vorgesehen.“

1996 ist der Vertrag zwischen den vier Trägern des Landesmuseums Schlesien unterschriftsreif. Es sind dies die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Sachsen, die Stadt Görlitz und die Landsmannschaft Schlesien – Nieder- und Oberschlesien. Die drei Erstgenannten sind nicht nur ideell, sondern materiell und finanziell an diesem Landesmuseum Schlesien beteiligt, die Landsmannschaft Schlesien nur ideell, dafür in besonderer Weise als Repräsentantin der Schlesier und für Schlesien auf das engste verbunden. Die Landsmannschaft Schlesien versteht sich, was sie bereits vor Jahrzehnten ausdrücklich bekundet hat, nicht nur als Landsmannschaft der Schlesier, sondern in einem Atemzug auch als Landsmannschaft für Schlesien.

Obwohl in dieser knapp berichteten Vorgeschichte immer wieder von einem Landesmuseum Schlesien die Rede ist, heißt der offizielle Titel „Schlesisches Museum zu Görlitz“. Zur Vorgeschichte gehört auch, und warum sollte es verschwiegen werden, daß es einen polnischen Protest gegen den Namen Landesmuseum Schlesien gegeben hat, denn dieser erwecke übergreifende Ansprüche, könnte wegen der Absolutheit des Namens mißverständlich interpretiert werden, das Museum in Görlitz dürfe nur vergleichbar sein mit schlesischen Museen heute in der Republik Polen und nicht mit einer anderen, höheren Identität ausgestattet werden als schlesische Museen in Jauer, Breslau oder Kattowitz. Dem jetzt gesetzten Namen „Schlesisches Museum zu Görlitz“ wurde mehrheitlich, jedoch nicht einstimmig von den Gründern entsprochen, der Verein der Freunde und Förderer nennt in seinem Namen beide Bezeichnungen. Aber der Name des Museums soll kein Streitpunkt sein.

Um über Schlesien gewissenhaft zu berichten, sei aus einem Werk, 1902 in Leipzig erschienen, Titel „Erd- und Völkerkunde, Beschreibung sämtlicher Länder und Völker der Erde“ über Schlesien zitiert: „Provinz Schlesien, 40312 qkm, 4414309 Einwohner, davon 44,72 Prozent evangelisch, 54,01 Prozent katholisch, 0,4 Prozent sonstige Christen, 1,08 Prozent Juden. Im Südwesten von den Sudeten begrenzt, auch im Südosten bergig, im übrigen Tiefebene, durchZogen von der Oder und deren Nebenflüssen. Ackerbau, Viehzucht, Berg- und Hüttenbau, stärkste Zinkproduktion vielleicht der ganzen Erde; Eisen-, Blei-, Steinkohlengewinnung, Glasproduktion, Webstoffe, Papier. Die Provinz zerfällt in drei Regierungsbezirke.“

Dann werden Breslau mit Mittelschlesien, Liegnitz mit Niederschlesien und Oppeln mit Oberschlesien auf jeweils bis zu 20 Zeilen vorgestellt. Die selbständige Provinz Oberschlesien, nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, umfaßte vor der Genfer Konferenz vom 20. Oktober 1921 auch das später Polen zugesprochene Ost-Oberschlesien.

Nach der 100 Jahre zurückliegenden Vergangenheit eine Notiz über Schlesien heute, und dies im allgemeinen Bewußtsein und in einem intellektuellen Kommentar. Zuerst ein persönliches Erlebnis, gerade fünf Wochen alt. Ein Taxifahrer in Bonn, 30 Jahre alt, hat eine Fahrt zum Haus Schlesien, 14 Kilometer von Bonn entfernt, übernommen. Der Fahrgast, ein Schlesier, fragt sehr zurückhaltend, was der Taxifahrer mit dem Namen Schlesien verbinde. Nach langem Zögern die Antwort: „Ich glaube, das ist polnisch.“ „Kennen Sie vielleicht die größte Stadt dieses Schlesiens?“ Fehlanzeige. „Vielleicht haben Sie von der Landschaft Schlesiens einmal etwas gehört?“ Wiederum Fehlanzeige, mit der Folge, daß der Fahrgast sich erlaubt, Breslau und das Riesengebirge zu nennen. Ob soviel Pädagogik hilft?

Das andere Beispiel, ein wissenschaftlich fundierter Katalog zum Werk des 1925 in Breslau geborenen Malers Bernhard Heisig, eines großen Malers, der in der DDR als früheres SED-Mitglied eine große Karriere gemacht hat, behauptet: „Schlesien gibt es nicht mehr. Schlesien heißt nicht mehr Schlesien. Schlesien hat aufgehört zu existieren.“

Ohne das gerade Ausgeführte zu dramatisieren und auch gleich zu verallgemeinern, Schlesien ist hierzulande ein fernes, unbekanntes, fremdes Land geworden. Darum ist die Gründung und die festliche Eröffnung des Schlesischen Museums zu Görlitz ein dringendes Gebot, aus vielerlei Gründen eine Notwendigkeit. Gewiß, es gibt bereits das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen, unweit Düsseldorf, und das Museum für schlesische Landeskunde im Haus Schlesien in Heisterbacherrott, aber das Museum, das ganz Schlesien repräsentieren soll und auch demonstrieren wird, steht jetzt in Görlitz an der Neiße, gleich der Oder zum Schicksalsfluß für uns Deutsche geworden. In diesem unserem Landesmuseum Schlesien ist nicht etwa die Vergangenheit eingesargt, hier ist ganz Schlesien, in seiner Geschichte auch das einst österreichische Schlesien, Gegenwart. Zur Vergegenwärtigung Schlesiens gestern und heute gehören 700 Jahre deutsche Geschichte, sechs Jahrzehnte polnische Gegenwart. Sicherlich, um das schon abgenutzte Wort von der Bewältigung der Vergangenheit zu gebrauchen, hier soll Vergangenheit dargestellt, nachgezählt, dokumentiert werden, Geschichte in all ihren Facetten, Erfolgen und Niederlagen, Schlesien in der Mitte Europas, Schlesien in seiner Größe und Schönheit.

Das Museum soll nicht nur über Schlesien berichten, begründen helfen, warum die Schlesier stolz sind auf ihre Heimat Schlesien und diese auch den Nachkommen vermitteln und tradieren wollen, sondern es soll möglichst viele über Schlesien informieren und unterrichten. Das Schlesische Museum zu Görlitz soll neugierig auf Schlesien machen. Die Konsequenz darf und sollte sein: „Bis bald in Schlesien“, wie es das Motto des polnischen Pavillons auf der Berliner Internationalen Tourismusbörse 2005 verkündet hat.

Das wiederholt zitierte Wort aus der Präambel der Verfassung der Weimarer Republik, heute fast schon romantisch klingend, „Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen“, meint selbstverständlich unter dem Sammelbegriff der Stämme auch den Stamm der Schlesier. Und dieser Stamm der Schlesier hat dieses Schlesien geschaffen. Darum sind die Exponate in ihrem Kollektiv so etwas wie eine Leistungsschau der Schlesier. Wer von der Größe und Schönheit Schlesiens spricht, muß auch die herausragenden geistigen Schöpfer, Künstler und Wissellschaftler beim Namen nennen. Einzelne Namen zu nennen, die 13 Nobelpreisträger eingeschlossen, will ich mir ersparen, dies auch schon deswegen, um nicht in eigener Überheblichkeit andere Stämme des deutschen Volkes neidisch zu machen und zu verärgern.

Es wäre jetzt angebracht, eingehend all die Stimmen zu zitieren, die sich rühmend und gleichzeitig erstaunt über Schlesien und die Schlesier geäußert haben. Zwei Stimmen seien zitiert. Johann Wolfgang von Goethe aus Anlaß seines Besuches 1790 in Schlesien und hier auch im oberschlesischen Tarnowitz, wo er die erste Dampfmaschine auf deutschem Boden bewunderte, sagte über Schlesien, es sei „ein zehnfach interessantes Land“. Und Hans Poelzig, in Berlin geboren, Architekt und Baumeister zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bekennt: „Schlesien ist ein Land, hat jedenfalls den Typus eines Landes, nicht einer Provinz. Der Weg von Berlin nach Schlesien ist weit länger, als die Bahnstunden es ausdrücken. Man fährt durch Breslau oder Schlesien innerhalb Deutschlands nicht hindurch, sondern man fährt hin.“
Die Individualität Schlesiens, die mit diesen Sätzen zum Ausdruck kommt, ist das Großartige, vielleicht darf man sogar sagen, das Irrationale. Schlesien ist eben nicht nur eine Landschaft, eine Region, in der man lebt, sondern diese Landschaft, diese Region prägte, prägt die Menschen, die in Schlesien gelebt haben und leben.

Von Dichtern und Schriftstellern ist oft der Versuch unternommen worden, den Stamm der Schlesier zu charakterisieren. Ein Versuch, den Hermann Stehr, geboren in Habelschwerdt in der Grafschaft Glatz, einer Region, die etwas Besonderes unter den Landschaften Schlesiens darstellt, gemacht hat, sei kurz zitiert, und dies schon deswegen, weil die Aussage so vielschichtig und unterschiedlich interpretierbar ist: „Der Schlesier legt sich schlafen wie ein Vlame, springt wie ein draufgängerischer Franke in den Tag, arbeitet wie ein Pole und verliert sich, von einem sentimentalen Böhmen oder Wenden an der Linken, von einem verträumten Thüringer an der Rechten geführt, durch den Abend in die Nacht. Der Charakter des Schlesiers ist wie eine Volksversammllung, die erregt debattiert, aber keine Resolution faßt… Die Eigenart des schlesischen Stammes: seine Veränderungsfähigkeit und Aufgeschlossenheit, seine zähe, fast kindliche Liebe zur Scholle und sein künstlerisches Talent. In Wirklichkeit ist der Holteische Refrain ‚Suste nischt ack heem‘ der letzte Rettungsanker des schlesischen Menschen aus dem Volke in der Fremde.“

Um so bitterer, um dies hier einzufügen, das Wort des Dichters Max Herrmann-Neisse im Londoner Exil: „Im Fremden ungewollt zuhaus“, ein Wort, das auch für die Vertriebenen nach 1945 seine bedrückende Gültigkeit behauptet hat.

Man wird, um den Stamm der Schlesier zu charakterisieren, Politik und Konfession einbeziehen müssen und deshalb auch die Nieder- und die Oberschlesier jeweils anders nachzeichnen dürfen: Niederschlesien protestantisch bestimmt, eher auf Berlin ausgerichtet, Oberschlesien dank seiner Katholizität noch dem Erbe aus der Zeit der Habsburger verbunden, und Wien gehört vorrangig zum Weltbild.

An dieser Stelle gleich die Bemerkung, daß zu Schlesien und zur Darstellung des Stammes der Schlesier auch der Anteil der Juden gehört. Es darf ihr Schicksal, als erste durch den Nationalsozialismus in die Emigration vertrieben worden zu sein, nicht vergessen werden.

Das Leben pulsierte in Schlesien all die 700 Jahre, wovon das Landesmuseum Schlesien, das Schlesische Museum zu Görlitz, beredt Zeugnis gibt. Aber Schlesien lebt auch heute, es ist kein totes Land, nicht abgehakt und zum Vergessen freigegeben. Mit diesem Museum meldet sich Schlesien unübersehbar, unüberhörbar zu Wort. Das ist der Grund, froh und dankbar zu sein. Görlitz, ein deutliches Ausrufungszeichen für Schlesien, wir sind nach Schlesien eingeladen.

Herbert Hupka (KK)

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