Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1253.

Lemberg, die „Urzelle“

Das Centrum Judaicum in Berlin zeigte im vergangenen Herbst eine beeindruckende Präsentation zur westukrainischen Stadt Lemberg. Über Jahrhunderte begegneten sich in der Stadt verschiedene ethnische Gruppen, Kulturen und Religionen. Lemberg (polnisch Lwów, ukrainisch Lviv) gehörte einst zu Polen und als Hauptstadt Galiziens zum Kaiserreich Österreich-Ungarn, wurde von Russen und Deutschen besetzt und nach dem Zweiten Weltkrieg ein Teil der Sowjetunion.

Zum Ausstellungstitel „Wo ist Lemberg?“ bietet ein Begleitbuch quasi die Antwort: Man muß eine Reise nach Europa  unternehmen, um in Lemberg anzukommen. Es ist vor allem noch eine lange Reise durch halb Europa, wenn man beispielsweise als Individualreisender mit der Bahn in die westukrainische Metropole mit 750000 Einwohnern reisen möchte. Wer sich aber von langen Reisezeiten und Grenzabenteuern nicht abschrecken läßt, wem westliche Komfortansprüche schnuppe sind, dem erschließt sich auf Schritt und Tritt eine Stadt mit großer multikultureller Dichte.

Anlaß bot im Jahr 2006 das 750jährige Bestehen der Stadt, zu dem sie sich herausgeputzt hatte: Das Straßenbild der Altstadt zeigt wieder farbige Fassaden aus dem Barock, der Renaissance, dem Klassizismus und dem Jugendstil. Zur Multikulturalität der Stadt trugen einst auch Deutsche bei: Im Jahre 1356 erhielt die Stadt vom polnischen König Kasimir dem Großen das Magdeburger Stadtrecht, deutsche Bürger siedelten sich an und die Amtssprache des Rates blieb fast 200 Jahre lang Deutsch. Mit seiner städtischen Struktur und seiner Architektur ist Lemberg für die UNESCO ein hervorragendes Beispiel der Verschmelzung von architektonischen und künstlerischen Traditionen Osteuropas mit jenen von Italien und Deutschland, so die Begründung für die Eintragung des historischen Zentrums der Stadt in die Liste des Weltkulturerbes.

Aber Lemberg war nicht nur ein europäischer Ort, der zahlreiche Kulturen verband, sondern auch ein zentraler Ort des europäischen Judentums. Rund ein Drittel der Bevölkerung Lembergs vor dem Zweiten Weltkrieg waren Juden, die Jiddisch sprachen, jene auf ihrer Wanderung durch Europa aus dem Althochdeutschen und Hebräischen entwickelte Sprache, die sie über Landesgrenzen hinweg mit Juden in anderen europäischen Staaten verband. Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion wurde ein großer Teil dieser jüdischen Bevölkerung im Ghetto von Lemberg zusammengepfercht, in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Heute leben bis auf kleine Gruppen von Russen, Weißrussen, Polen, Juden und einigen hundert Deutschen vor allem Ukrainer in Lemberg. Dennoch: Hat nicht Karl Schlögel Lemberg die „Urzelle einer europäischen Stadt“ genannt?

Der reich illustrierte Begleitband zur Ausstellung vertieft in gelungener Weise jede Reise nach Lemberg. In 23 lesenswerten Beiträgen verschiedener Autoren aus Deutschland, Polen, Österreich und der Ukraine werden Facetten einer mitteleuropäischen Stadt, ihrer (Kultur-)Geschichte und ihrer Menschen ausgeleuchtet, Fragen nach der Zukunft der Stadt wie auch nach ihrem Umgang mit dem kulturellen Erbe gestellt. Wer sich schnellen Schrittes kundig durch die Stadt bewegen möchte, kann sich über einen herausnehmbaren, kompletten kleinen Stadtführer freuen.

„Wo ist Lemberg?“ – Eine Reise nach Europa. Ch. Links Verlag, Berlin 2007. 256 Seiten, 105 Abbildungen, Klappenbroschur, 19,90 Euro

Carsten Eichenberger (KK)

«

»