Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1402.

Lenzes lustiges Liedchen – Brauchtum in Schlesien

„Hinnermist und Taubamist, ei dem Hause kriegt man nischt“

Schon in grauer Vorzeit war die Dialektik von Heischen und Spotten Anlass für bunten Spaß – den offenbar nicht nur die Kinder hatten
Bilder: Wikimedia

Auf den ersten Verdacht bringt man diese Textzeilen mit einer Vogelkrankheit oder dem Vogelgrippevirus in Verbindung. Den Text, der dann weitergeht: „Is dos nich ne Schande / ei dam ganze Lande?“, könnte man sehr gut für die Bezeichnung einer Krankheit verwenden.

Dabei handelt es sich allerdings nach altem Brauch um die Textzeilen eines Schmähliedes zum Sommersingen in Schlesien, wenn den Kindern die Tür nicht geöffnet wurde.

Jedes Jahr wurde in Schlesien am Sonntag Lätare, dem 3. Sonntag vor Ostern, der Brauch des Sommersingens gepflegt. Wie alt dieser Brauch ist, verrät schon der Name. Er stammt aus der Zeit, als man das Jahr in zwei Hälften teilte: Sommer und Winter. Auch an den Liedern, die gesungen wurden und heute noch gesungen werden, kann man das hohe Alter des Brauches erkennen, der um das Jahr 1000 entstanden ist.

Die Kinder zogen am Sonntag Lätare mit ihren bunten Sommerstecken, denen der hiesigen Gegend ähnlich, nur ohne Brezel und Ei, in Scharen von Haus zu Haus oder von Stockwerk zu Stockwerk, um mit ihren Liedern und Versen um eine Gabe zu bitten.

Summer, Summer, Summer,
ich bin a klenner Pummer,
ich bin a klenner Keenich,
gatt mer nich zu wenich,
lusst mich nich zu lange stiehn,
ich muß a Häusla wettergiehn.

Das wichtigste Accessoire beim schlesischen Sommersingen ist der Sommerstecken, der auch Sommerbäumel, Summerwadel oder Mai genannt wurde. Die Sommerstecken, mit bunten Papierblumen geschmückte Gerten, waren in vielen Formen und Ausführungen üblich. Darüber hinaus gab es aber auch Sommerbäumel, die noch die immergrüne Unterlage (Fichte, Wachholder, Tanne) hatten. Die Ackerebene in Schlesien, in der der Wald selten war, förderte diesen Formenreichtum. Manchmal war auch der Buchsbaum aus dem Bauerngarten als Immergrün in den Stecken. In Oberschlesien bis ins Kuhländchen hinein wurden Moläer, also Maleier zum Verzieren benutzt, einfarbig eingefärbte Eier – schwarz oder dunkelrot –, in die Pflanzenranken und Blumen eingekratzt werden. Zum Kratzen brauchte man ein sehr scharfes oder spitzes Instrument. Früher benutzte man alte Rasiermesser dazu.

Mit diesen Stecken gingen die Kinder von Haus zu Haus „summern“, sangen ihre „Heischeversel“ , die Papierbänder flatterten im Wind, und so zogen sie mit den erhaltenen Gaben weiter. Man beschenkte sie mit Eiern, Süßigkeiten, Obst und vor allem den für das Sommersingen typischen Schaumbrezeln, auch Beegla genannt; jeder gab nach seinem Vermögen, beim Fleischer gab’s ein Stück Wurst.

Sie sangen die unterschiedlichsten Versel. In „Silesia cantat“ sind die gebräuchlichsten Liedchen abgedruckt. Es gab viele Variationen, und das Lied wurde oft dem Haus angepasst. Zu den „ruten Riesla“ gibt es noch die Ergänzungen:

Die Frau, die geht im Hause rum,
sie hat ne weiße Schürze um,
ne Schürze mit ner Krause,
sie ist die Schönste im Hause.
Ne Schürze mit nem Bande,
sie ist die Schönste im Lande.

Und dann noch:

Ne Schürze mit nem Luche,
sie brummt die ganze Wuche.

Auch der Herr bekam seine „Revermande“:

Der Herr, der hat ein‘ hohen Hut,
es sind ihm alle Mädel gut,
die dünnen und die dicken,
die möchten sich erdrücken,
die kleinen und die großen,
die möchten sich erstoßen.

Aus Österreich-Schlesien kommt das Versel: „Fladerwisch und Ziegenhäut, ei dam Haus sein geizge Leut.“ Die Allerkleinsten der Gruppe sangen folgende Verschen: „Ich bin a klee Pinkerla, steck ei am Winkerla, wer mich will sahn, muß mer woas gahn!“

Sobald die Tür aufging, die Frau des Hauses heraustrat und jedem in sein weißes Säckchen eine Brezel, ein Ei, ein Beegla (ein ringförmiges Schaumgebäck) oder „eenen Blehma“ (ein Zehnpfennigstück) gleiten ließ, strahlten die vor Eifer und Erregung erhitzten Gesichter, sofort stimmte eines der Kinder an:

Die goldne Schnur geht um das Haus,
die schöne Frau Wirtin geht ein und aus,
sie ist wie eine Tugend, ja Tugend.
Wenn sie morgens früh aufsteht
und in die liebe Kirche geht,
da setzt sie sich an ihren Ort
und hört gar fleißig Gottes Wort.

Kam gar der Herr des Hauses heraus, schallte es ihm fröhlich entgegen:

Derr Herr, der hat nen hohen Hutt,
dem sein ja alle Madel gutt.
A wird sich wohl bedenken,
zum Summer uns was schenken.

Der Herr schmunzelte und steckte jedem Kind zwei Beegla in sein Säckchen. Und weiter ging es zum Nachbarn, dem „Nupper“. Selbst über die kleinste Gabe freuten sich die Kinder. Neid kannten sie nicht. Nur, jedes hätte gern das vollste Säckchen heimgetragen. Lebten zwei Nachbarn in Streit miteinander, so hatten die Sänger den Nutzen davon, denn vom letzten der beiden, die sie besuchten, erhielten sie meistens die doppelte Menge.

Obwohl der Winter in Schlesien früher beginnt und strenger und länger regiert als hier im Westen, war der Schnee bis zum Sommertag immer getaut. Kahl und traurig standen die Bäume und Sträucher in den Anlagen, als schämten sie sich ihrer Blöße. Nur über die Wiesen breitete sich ein erster Schleier von zartem Grün. Und blies gerade ein neckischer Wind mit vollen Backen durch die Straßen, durften die Mädchen schon an Lätare ein duftiges Sommerkleidchen anziehen, farbig und geblümt, dass es so richtig zum bunten Sommerstecken passte. Die Jungs allerdings trugen bereits seit Wochen kurze Manchesterhosen und zeigten stolz ihre nackten Knie.

Und bunt geht es auch hier und heute weiter, etwa in Herne

Selbstverständlich wurde auch vor den Häusern des Bürgermeisters und des Lehrers gesungen, der die Kinder einige der Lieder gelehrt hatte, wie das schöne:

Rot Gewand, rot Gewand,
schöne grüne Linden,
suchen wir, suchen wir,
wo wir etwas finden;
gehn wir in den grünen Wald,
sing‘n die Vögel jung und alt.
Frau Wirtin, sind Sie schon drinne,
wir hören Ihre Stimme.
Sind Sie drin, so komm`n Sie raus
und teilen uns den Sommer aus.
Rot Gewand, rot Gewand,
schöne grüne Linden.

Oder das:

Rute Riesla, rute Riesla
wachsa uffm Stengel,
der Her is schien, der Her is schien,
die Frau is wie a Engel.
Der Her, der hoot ne huhe Mütze,
der hoot se vuul Dukoata sitze,
a watt sich wull bedenka
und watt mer wull woas schenka.

Rute Riesla heißt auf Hochdeutsch: Rote Rosen. Immer wieder wurden zur alten Melodie neue Verse gedichtet. Die zweite Strophe von „Rute Riesla“ lautet:

Die Frau, die hoot a ruta Rook,
die greift wull ei a Eertoop,
sie watt sich wull bedenka,
und uns a Eela schenka.

Städtler und Dörfler gingen nicht unvorbereitet in den Sommersonntag. Besonders wer viele Kinder in der Verwandtschaft hatte, rechnete mit einem regen Besuch und hatte sich rechtzeitig mit Süßigkeiten und Kleingeld eingedeckt. Die Bäcker hatten schon Tage vorher angefangen, Beegla zu backen, die das Jahr über nicht gefragt waren, ähnlich den Martini- Hörnchen, die zu Martini angeboten wurden.

Wie bereits erwähnt, kam es nicht selten vor, dass den Kindern niemand öffnete. Da halfen die schönsten Lieder, ja die witzigsten Verse nichts; es blieb ihnen dann weiter nichts übrig, als ihrem Unmut mit folgenden Worten Luft zu machen:

Hiehnermist, Taubamist,
ei dam Hause kriggt ma nischt,
is doas nich ne Schande
ei dam ganza Lande!

Oder:

Geizhols, Geizhols,
friss ock olls, friss ock olls!
Wenn de wirscht gesturba sein,
warn de Kroocha tichtig schrein –
Geizhols, Geizhols!

Der schlesische Autor und Heimatdichter Walter Reiprich aus Reichenbach im schlesischen Eulengebirge schreibt in seinen Aufzeichnungen u. a., dass gegen Mittag die Kinder todmüde heimkehrten, schließlich waren sie schon seit sieben Uhr früh unterwegs gewesen. Stolz öffneten sie dann die Säckchen und leerten den Inhalt auf den Tisch. Dabei gab es manche Überraschung. Nicht nur in Form von Buntstiften oder Heften. Im Eifer war man mit dem Säckchen unvorsichtig umgegangen. Dabei war eines der Eier, eine besondere Kostbarkeit unter den Gaben, gesprungen und ausgelaufen, oder die Lakritze hatte mit dem Schreibheft Bekanntschaft geschlossen. Die Tränen, die sich dann einstellten, wurden tapfer unterdrückt, denn zu viele schöne Dinge gab es zu bewundern, die ein Kinderherz höher schlagen lassen. Vater und Mutter mussten an der Freude teilnehmen. Ganz rot vor Glück war das Gesicht des Kindes dabei. Und am Abend beim Schlafengehen träumte es bereits vom „Summer“ im nächsten Jahr. Unvergessene, glückliche Kinderzeit in Schlesien.

In Bonn wurde dieser Brauch nach der Vertreibung 1958 wiederaufgenommen, in Neuss zieht man ebenso seit vielen Jahren von Haus zu Haus. Da der Kreis der so besuchten Landsleute immer größer wurde und kaum an einem Tag zu schaffen war, ging man in Neuss vor einigen Jahren dazu über, die Veranstaltung in einem Saal abzuhalten. In München singen heute die Kinder in schlesischer Tracht vor dem Rathaus nach dem Glockenspiel vom Rathausturm für die zahlreichen Münchner und Touristen.

Auch heute noch wird dieser Brauch von Nord bis Süd und West bis Ost in sehr vielen schlesischen Landsmannschaften und Gruppen, besonders aber in Volkstanz- und Trachtengruppen aufrechterhalten. Beispiele dafür geben die Trachtengruppe in Herne, der Trachten-Tanzkreis Djonathan in Neuss, der Schlesische Heimatbund Niesky und die Riesengebirgs-Trachtengruppe in München.

Michael Ferber (KK)

«

»