Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1237.

Lernende Lehrende

Lehrer, Schüler und Studenten aus Hessen und Königsberg/Kaliningrad befragen auf einer PAMO-Tagung die Geschichte der Stadt

24 Lehrer aus Hessen – unter ihnen vor allem Historiker – waren in den  Saal des Hauses Renata der Königsberger Diakonie in Wetzlar gekommen. Zudem hatten zehn Studentinnen der Kant-Universität in Königsberg/Kaliningrad mit ihrem Professor Dr. Wladimir Gilmanow den weiten Weg nach Hessen gemacht, um hier auch mit einigen Vertretern der Königsberger Diakonie und einigen Diakonissen vom Altenberg an dieser Studientagung teilzunehmen. Es war dies eine Veranstaltung im Rahmen des Jubiläums „Sechzig Jahre Hessen“, die insbesondere durch die Bemühungen von Eckhard Scheld zustande gekommen war.

Als Tagungsleiter begrüßte er die Teilnehmer und vor allem die Gäste aus der Kaliningradskaja Oblast und dankte dem Hausherrn Pfarrer Dieter Nebeling dafür, daß er den Tagungsraum der Königsberger Diakonie zur Verfügung stellte. Der wiederum gab seiner Freude Ausdruck, daß die Veranstaltung überhaupt in seinem Hause mit den russischen Gästen beginnen konnte. Noch wenige Tage zuvor war es wegen der Visa, die nur kostspielig in Moskau zu beschaffen waren, unsicher, ob sie überhaupt zustande käme. Wenn nicht  das Deutsch-Europäische Bildungswerk in Wiesbaden eine Haftungserklärung übernommen hätte, wären die Visa nicht ausgestellt worden. So teilte sich gleich zu Beginn der Tagung auch den hessischen Lehrern die Erfahrung der Studentinnen mit, wie schwer es sechzig Jahre nach Kriegsende trotz funktionierender diplomatischer Beziehungen ist, legal aus der Oblast nach Deutschland zu reisen.

Daß trotz dieser kleinen Aufregung sowohl die Gäste aus Rußland als auch die 14 deutschen Schüler gut vorbereitet waren, zeigte sich gleich nach der Vorstellung der Teilnehmer. In der ersten Tagungseinheit am Donnerstag ging es um die Zeit vor 60 Jahren und Zeitzeugenarbeit. Tobias Offenhaus und Nils Pfau berichteten „Vom Untergang Königsbergs aus der Sicht deutscher Zeitzeugen“ und stellten auch die russische Sichtweise vor, wobei sie besonders auf die verdienstvolle Versöhnungsarbeit von Lew Kopelew hinwiesen. Nastia Frolowa  präsentierte eindrucksvoll und bewegend das Tagebuch von Hans Graf von Lehndorff, und Elena Kosareva berichtete spannend über ihre Spurensuche auf den  „Schauplätze(n) der Geschichte im Königsberger Gebiet“.

Dem schloß sich Anneke Walter mit einem Porträt des Königsberger Pfarrers Hugo Linck an, Elisa Stern stellte in einer Powerpoint-Präsentation den Zeitzeugenbericht des „Geltungsjuden“ Michael Wieck vor. Sie unternahmen in dieser Abendsequenz auch die Befragung einiger Zeitzeugen. Ingeborg Andresen, die Tochter von Hugo Linck, und Roland Linck, dessen Sohn, waren auf eigene Kosten aus Göttingen und Ahrensburg angereist, um sich für Interviews der beiden zur Verfügung zu stellen. Es schloß sich eine rege Aussprache an, die auch die jungen Russinnen nutzten, denen Königsberger aus der finsteren Zeit, als es Teil Rußlands wurde, nicht jeden Tag begegnen.

Am nächsten Vormittag führte zunächst eine Busexkursion die gesamte Tagungsgemeinschaft nach Wiesbaden ins Landesmuseum, wo sie in den Genuß einer Führung der Jawlensky-Spezialistin Seifert zum Thema „Kunst als Sehnsucht nach Gott. Die Aktualität des russischen expressionistischen Malers Alexej von Jawlensky“ kam. Nicht nur die russischen Gäste staunten, daß es so viele Bilder eines russischen Malers in Wiesbaden gibt  (einige auch darüber, daß es ihn überhaupt gibt). Das Staunen ging weiter beim Besuch der russischen Kirche am Neroberg und des russischen Friedhofs und betraf die Pracht der Spuren, die die enge Verknüpfung des Zarenhauses mit Hessen in Wiesbaden hinterlassen hat.

Die Nachmittagsequenz der Tagung wurde bei den Diakonissen am Altenberg in Wetzlar fortgesetzt. Vor Beginn der Vorträge führte Pfarrer Nebeling einige Interessierte zunächst  auf den Friedhof der Einrichtung. Dort liegen viele der Schwestern, die vor 60 Jahren Königsberg verlassen mußten. Thorben Geil berichtete über „Friedhöfe als Orte der Erziehung zum Frieden“ und Irina Filippova über „Die Arbeit des Volksbundes im Kaliningrader Gebiet“. Anschließend erläuterten Wladimir Gilmanow  und Eckhard Scheld die Planung und Durchführung einer Begegnung im Königsberger Gebiet. Daria Sapegina steuerte zu diesem Thema die Sicht der russischen Studenten bei.

Am Abend wurde der Film der deutschen Schüler, „Der Weg der Diakonissen von Königsberg nach Hessen“, gezeigt. Lena Hermann und Christopher Bahl erklärten, wie das Drehbuch gemacht und der Film hergestellt wurde. Zum Schluß zeigte Karina Barabanova „Charakteristisches der Landschaft des nördlichen Ostpreußen“ an einigen ausgesuchten Bildern und Jan Mattis Kuhn seine Präsentation „Die Entwicklung des Stadtbildes von Königsberg/Kaliningrad“.

Die Tagung wurde am nächsten Morgen in Wetzlar fortgeführt. Julia Iwanowa und Viktoria Astapenkova berichteten über die gegenwärtige politische Lage im Gebiet, Christopher Orth über „die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Kaliningrad“ und Florian Ernst über die soziale Entwicklung des Kaliningrader Gebiets nach 1945. Irina Novash gab einen Überblick über das Studium an der IKU. In einem eindrucksvollen letzten Vortrag schilderte Andreas Zimmer die Situation der Rußlanddeutschen im Kaliningrader Gebiet.

Eckhard Scheld gab abschließend noch einige Hinweise zur didaktischen Verankerung des Themas im Unterricht nach den Lehrplänen. Er wies dann auf die nächsten Veranstaltungen des PAMO hin.

Vom 8. bis zum 11. Juni findet eine Reise im Rahmen der hessischen Lehrerfortbildung nach Prag statt. Vom 8. bis zum 10. November führt er in Bad Kissingen ein Seminar zu dem Thema „Kriegs- und Nachkriegszeit – Fremdarbeiter, Zwangsarbeiter Zivildeportierte“ durch. Falls es die finanziellen Mittel zulassen, wird außerdem voraussichtlich vom 1. bis zum 12. November 2007 eine kulturelle PAMO-Bildungswoche mit Professor Gilmanow durchgeführt. Er wird in Deutschland weilen und steht kulturellen Einrichtungen mit seinen Fachvorträgen über Philosophie, Sprache und die Zeithistorie Königsbergs zur Verfügung. Interessenten, die ihn in Anspruch nehmen möchten, sollten sich rechtzeitig bei der PAMO melden (Telefon 069/853994).

Gerolf Fritsche (KK)

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