Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1375.

Les Halles de – Breslau

Neue Restaurierungsinitiative von Professor Rudolf Lenz von der Universität Marburg

Backstein, alles andere als altbacken: Adolf Odo Richard Plüddemann hat als Adept der „Hannoveraner Schule“ die neogotische Backsteinarchitektur in die damals aktuellen Bauformen gehoben; Bild: Universität Marburg

Mit dem 1885 nach Breslau zum Stadtbaurat berufenen „Neugotiker“ Adolf Odo Richard Plüddemann brach eine neue Ära im kommunalen Bauwesen der mit ihren knapp 300 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Preußens und der drittgrößten Stadt Deutschlands an. Plüddemann, der nach seinem Examen 1877 und einer einjährigen Bildungs- und Studienreise durch verschiedene europäische Länder eine Anstellung als Regierungsbaumeister am preußischen Ministerium für öffentliche Arbeiten in Berlin gefunden hatte, fertigte dort mit dem Projekt des Land- und Amtsgerichts Flensburg seinen ersten veröffentlichten Entwurf, der als „gotisch“ bezeichnet wurde.

In diesen Jahren wurde Plüddemann intensiv durch die „Hannoveraner Schule“ beeinflusst. Durch diese Schule wurde die neogotische Backsteinarchitektur in die damals aktuellen Bauformen gehoben und auch von Plüddemann aufgenommen.

Man darf Plüddemann wohl als Eklektiker bezeichnen. Einerseits interessierte ihn die Umgestaltung von Paris durch Georges-Eugène Haussmann (1809–1891) mit neuen Straßen von schier unendlicher Länge, die gewaltige Sichtachsen bildeten, und dem Bau von Les Halles – dem Bauch von Paris – außerordentlich. Über dieses Interesse fand er Zugang zur „Epoche der geometrischen Regulierung“. Andererseits stand Plüddemann der Idee der „Wiederbelebung mittelalterlicher Traditionen“ mit „malerischer Stadtplanung“ und überschaubaren, vielfältigen, unregelmäßigen und asymmetrischen Räumen von Camillo Sitte (1843–1903) sehr offen gegenüber.

Dies war die theoretische Grundlage, auf der er nach jahrelangem Gezänk in der Stadtverordnetenversammlung schließlich am 19. Februar 1901 die Skizzen für die beiden beschlossenen Markthallen am Ritterplatz und an der Gartenstraße erstellte.
Nach dem Abbruch der südlichen Häuserzeile der Heiligen Geiststraße und dem des Sandareals konnten die Aushubarbeiten beginnen. Dem kundigen Betrachter der Baustelle fiel auf, dass das Schnurgerüst der Baustelle deutlich außerhalb der Bauflucht der Sandstraße lag und dass die Baugrube verkantet zwischen Sandstraße, Heiliger Geiststraße und Münzstraße Platz gefunden hatte. Gewiss musste sich Plüddemann an dem vorhandenen Platzangebot ausrichten, dennoch hätte er die Markthalle in die Bauflucht der Sandstraße stellen können. Im Osten reichte die Halle nun über die alte Stadtgrenze, die Stadtmauer von 1299–1353, hinaus, und Plüddemann machte dies deutlich, indem er dort die Umfassungsmauern der Halle mit Zinnen bekrönte und somit die Wehrhaftigkeit von Halle und insbesondere Stadt betonte.

Betrachtet man die schräge Anordnung des Baukörpers, gewinnt man den Eindruck, dass Plüddemann von den Künstlern des Tuch- und Rathauskomplexes in der Mitte des Rings inspiriert worden sein könnte, die den inneren Block mit dem Bau des Kaufhauses, des späteren Tuchhauses, um rund sieben Grad gedreht hatten. Eine Drehung, an der sich alle folgenden Gebäude orientieren mussten. Durch die Drehung der Markthalle gewann Plüddemann auf der Westseite einen Halteplatz für Fuhrwerke, die die Verkaufsstände in der Halle mit Erzeugnissen beschicken sollten. Da in der Halle keine Wendemöglichkeit für die Fuhrwerke bestand, bedurfte sie des Osttores, durch das die Fuhrwerke die Markthalle verlassen konnten. Da die Halle in die östlich gelegene Münzstraße hineinragte, musste letztere in einem Bogen um den Hallenausgang bzw. -eingang herumgeführt werden.

Die schöne fach- und zeitgerechte Plüddemannsche neogotische Markthalle wird auch, nun sie restauriert ist, einen kräftigen städtebaulichen Akzent in Breslau direkt an der Oder setzen und Besucher anziehen.

Die Ostfassade stattete Plüddemann ebenso aus wie die Westfassade, was für die Restauratoren zur Folge hat, dass sie an der Ostfassade die Sandsteinbänder, die die Fassade begrenzen und vom Dachgewerk trennen und zugleich das Wappen einschließen, ebenso restaurieren wie das Stadtwappen im Giebel und das Portal, das in seinem Sockelbereich aus Granit besteht. Wappen und Portal liegen ebenso wie in der Westfassade auf der Mittelachse der Halle.

Es ist mit der Restaurierung des Wappens im Giebel begonnen worden, das nicht lediglich Beschädigungen aus der Kriegszeit aufweist, sondern auch später einer wechselhaften Geschichte ausgesetzt war. Ebenfalls ist das Portal einer durchgreifenden Sanierung und Restaurierung unterzogen worden. Der Sandstein des Ostportals ist nicht nur sehr verschmutzt, sondern auch an manchen Stellen schwarz.

Inzwischen ist die Markthalle einschließlich ihrer Ostfassade fertiggestellt. Nun kann man an sonnigen Morgen nicht nur das farbliche Wechselspiel zwischen dem Rot der Backstein-Ostfassade und dem Hellgrau-Beige der dortigen Sandsteinelemente bewundern, die bezaubernd schöne fach- und zeitgerechte Plüddemannsche neogotische Markthalle wird auch, nun sie restauriert ist, einen kräftigen städtebaulichen Akzent in Breslau direkt an der Oder setzen und Besucher aus ganz Europa anziehen.

(KK)

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