Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1333.

Lesen und reden statt bloggen und talken

Die Adenauer-Stiftung fragt in Pressburg/Bratislawa nach Gründen der „niveauvollen Ratlosigkeit“ im Labyrinth Europa

Von Jean Monnet wird das Wort überliefert, er würde mit der Kultur anfangen, hätte er noch einmal die Chance, mit der europäischen Einigung zu beginnen. Nun befasst sich die Konrad-Adenauer-Stiftung, von der hier die Rede sein soll, seit ihrer Gründung 1964 mit der europäischen Einigung, hat nach 1990 in allen mittelosteuropäischen Hauptstädten Kontaktbüros eröffnet und mit der beratenden Begleitung dieser Länder vor und nach deren Beitritt zur EU viel Wichtiges geleistet.

Damit nicht genug: Seit zwei Jahren ergänzt die Stiftung ihre politische Arbeit durch ein außergewöhnliches kulturpolitisches Engagement. Ihr inzwischen europaweit renommierter, jährlich vergebener Literaturpreis, den seit 1993 so bedeutende Autoren wie Sarah Kirsch (1993), Walter Kempowski (1994), Hilde Domin (1995), Herta Müller (2004), Daniel Kehlmann (2006), Uwe Tellkamp (2009), Louis Begley (2000) und Cees Noteboom (2010) erhalten haben, wird im Juni 2013 – wie immer in Weimar – dem Büchner-Preisträger Martin Mosebach verliehen.

Lesen-und-reden_obenDie seit 2001 alle zwei Jahre stattfindenden Europäischen Literaturgespräche, die bisher in Prag, Danzig, Budapest, Riga, Hermannstadt und Tallinn stattgefunden haben, führten im Mai 2013 in Preßburg/Bratislava über sechzig Wissenschaftler, Politiker, Schriftsteller, Journalisten und Studenten aus sechzehn Ländern unter dem Thema „Brücken bauen in Europa“ für drei Tage in der slowakischen Hauptstadt zusammen.

Zu verdanken ist diese einmalige Leistung der Kölner Literaturwissenschaftlerin Birgit Lermen, die als Vorsitzende der Jury des Literaturpreises und als konzeptioneller Geist der Literaturgespräche den früheren Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen, Bernhard Vogel, für ihre Ideen gewinnen und so die Unterstützung der Stiftung sichern konnte. Literaturpreis und Europäische Literaturgespräche bilden eine Symbiose von nationalen Gesprächsdimensionen und europäischer Perspektive, wie sie nur selten in dieser Intensität und auf solchem Niveau anzutreffen sind.

Die Literaturgespräche widmen sich traditionell dem Thema „Literatur, Werte und Europäische Identität“, das unter dem Leitmotiv „Brücken bauen in Europa“ jeweils durch die Charakteristik des Tagungsortes seine spezielle Färbung erhält. In seiner Einführung bezeichnete der Münchner Germanist Oliver Jahraus Europa als geopolitisches „Brückenbauprojekt“, die Konrad-Adenauer-Stiftung als Brücke zwischen Politik und Wissenschaft und die Kernfelder der Tagung – Erinnerung, Werte, Bildung, Identität – als Brückenaufgabe. Die vier Lesungen an zwei Abenden: Ilma Rakusa und Andreas H. Apelt zum Thema „Interkulturalität“ sowie Irena Brežná und Susanne Schädlich über „Biographie und Nation“, dienten der Verbindung dieser Felder.

Vorausgeschickt werden muss, dass die Vielseitigkeit der Vorträge und Gespräche und die Spannweite der thematischen Horizonte mit dem Begriff der Interdisziplinarität nur angedeutet werden können. Damit ist aber zugleich gesagt, dass Literatur eben nicht eingrenzbar und der Auftrag, Brücken zu bauen, ein immerwährender ist. Im Labyrinth von Geschichte und Erinnerung, Wertevergewisserung im offenen Bildungsdiskurs und europäischer Identität angesichts der Eurokrise konnte man schon hin und wieder den Faden verlieren, zumal die Lesungen weitere, nicht nur harmonische, „Kopfkonzerte“ (Ilma Rakusa) zum Klingen brachten.

Lesen-und-reden_mitteMan tagte, nachdem die Eröffnung mit dem Festakt „20 Jahre Konrad-Adenauer-Stiftung in Bratislava“ und einer Rede des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert im Alten Parlament stattgefunden hatte, im Spiegelsaal des Primatialpalais. An diesem Ort wurde, darauf wies der Innsbrucker Historiker Johann Holzner hin, nach der vernichtenden Niederlage der Österreicher in der Schlacht bei Austerlitz im Dezember 1805 der Friede von Preßburg ausgehandelt, an den eine Gedenktafel im Innenhof des Palastes erinnert. Dieser Friede führte im Folgejahr zur Gründung des Rheinbundes und zur Auflösung des Heiligen Römischen Reiches durch Kaiser Franz II., eine belastete europäische Erinnerung.

Hundert Jahre später hinterließen die Pariser Vorortverträge nach dem Ersten Weltkrieg Regionen in Mitteleuropa, die auch heute noch lange keinen Frieden haben, wie die slowakische Literaturwissenschaftlerin Dagmar Koštálová betonte. Alle zwanzig Jahre habe der totale Wechsel seitdem bis heute zu kulturellen Selbstmorden geführt; man sei geteilt, ohne bei sich anzukommen. Und man sei skeptisch in der Frage, was aus Europa wird. Dieses müsse im Ganzen eine Lösung finden, die Slowaken auch. Die slowakische Ratlosigkeit bedrücke, erklärte Birgit Lermen. Literatur sei ein Seismograph, und der zeige – wie auch der Karlspreis in Aachen – Richtung Europa und gegen Nationalismen. Norbert Lammert wies darauf hin, dass Literatur Zweifel formulieren könne, nur mit Musik könne man träumen. Die Enttäuschung wegen der enormen Umbrüche nach 1989 sei verständlich, aber Europa sei ein vorbildlicher Knotenpunkt für eine die nationalen Befindlichkeiten transzendierende Identität.

Lesen-und-reden_untenDem entspreche aber, so der Berliner Kulturwissenschaftler Erhard Schütz, kein „europäisches Narrativ“. Auf die Frage, wem die Geschichte gehöre, antwortete er mit einem Satz des diesjährigen Usedomer Literaturpreisträgers Jan Koneffke: „Ich denke, das große europäische Narrativ kann sich nicht aus einer, sondern nur aus vielen lebendigen europäischen Geschichten entwickeln.“ Schütz verwies auf Ivo Andrics „Brücke über die Drina“ und Michal Hvoreckys „Tod auf der Donau“, um dann auf eine „Literatur des Unterwegs“ aufmerksam zu machen, für die er als Beispiele Julian Heuns „Strawberry Fields Berlin“, Tobias Lemkuhls „Land ohne Eile – Ein Sommer in Masuren“, Wolfgang Büschers „Berlin – Moskau. Eine Reise zu Fuß“, Florian Klenks „Früher war hier das Ende der Welt“ und Karl-Markus Gauß’ „Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer“ neben anderen Titeln nannte.

Die aus dem norwegischen Bergen angereiste Germanistin Beatrice Sandberg unterschied hinsichtlich dieser Werke, auch mit Bezug auf Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“, zwischen Autobiographien und autobiographischem Schreiben, in dem die Erfahrungen eines Autors und die Differenz zu diesen Erfahrungen, also die kritische Distanz zum Eigenen Gestalt und Form gewinnen, in einer Paradoxie landen: Die Entfernung führe zur Annäherung, Erinnern und Vergessen im schreibenden Wiedererinnern.

Den von Paul Nolte, dem Berliner Präsidenten der Evangelischen Akademie, unter der Frage „Werte heute?“ vorgeschlagenen Weg von essentialistischen zu prozeduralen Werten in Mitteleuropa mit der These, der Begriff „wertkonservativ“ ergebe heute keinen Sinn mehr, wollte die Mehrheit der Gesprächsrunde nicht mitgehen. Dass Politik kein Vollzug von Werten, sondern ausschließlich Ergebnis von Diskursen, und dass Religion auch nur ein Anbieter im Wettbewerb der Meinungen sei, erhebe zur Norm lediglich die tägliche orientierungs- und ankerlose Talkshow-Gesellschaft, die keine immateriellen Werte kenne und auch nicht befördere. Der Lissaboner Literaturwissenschaftler Peter Hanenberg hielt dem die Literatur als Wertekompass und Echolot entgegen. Sie sei selbst der Wert, auf den es ankomme. Wenn sie gelesen werde, müsse man sich um Europa keine Sorgen machen. Birgit Lermen unterstützte diese Haltung mit dem Hinweis auf Zeugnisse von Dachau-Überlebenden und die Bedeutung der Gedichte etwa von Peter Huchel in der DDR. Literatur sei sicher kein Religionsersatz, aber eine Brücke dahin, wie auch Herta Müller im Aachener Dom ausgeführt habe.

Diese Position ergänzte der Budapester Literaturwissenschaftler Péter Varga mit bildungspolitischen Überlegungen. Gestützt auf Lajos Hatvany („Urak és emberek“ 1927, dt. „Bondy jr.“ 1929) und Sándor Márai („Bekenntnisse eines Bürgers“, 1996), zeichnete er ein faszinierendes Bild deutscher Kultur in den Regionen östlich von Berlin, deren Eintritt in die europäische Kultur gerade auch über das gebildete Judentum im Energiefeld Berlin, Galizien, Budapest, Wien mit Deutsch als Metasprache gelang. Hier gabe es einen freien Kommunikationsraum, dessen Offenheit durch die Diktaturen des 20. Jahrhunderts und den Zweiten Weltkrieg zerstört, geschlossen und im wahrsten Sinne „eingegrenzt“ wurde. Im Westen wurde die Bildungsferne der Wissenseliten durch den Trend zum Spezialistentum in der Wissens- und Funktionsgesellschaft gefördert.

Während vor hundert Jahren Bildung und Wissenschaft noch als Einheit verstanden wurden und zum wissenschaftlichen Lebensentwurf gehörten, bedeute heute, wie die Zürcher Literaturwissenschaftlerin Barbara Naumann ausführte, der demokratische Zugang zu Bildungseinrichtungen nur mehr einen Zugang zu Funktionen. Ihr Kölner Kollege Günter Blamberger ergänzte, Literatur sei deswegen als zweckfreies Einüben in fremde Denkweisen und Reflexion von Wissensbeständen nicht nur bildungsrelevant, sondern für Bildung konstitutiv, zumal in deutscher Sprache.

Es wurde allgemein hervorgehoben, dass die Möglichkeit, eine solche europäische Konferenz in deutscher Sprache abzuhalten, bemerkenswert sei. Während die Goethe-Institute weltweit nur noch reagieren und der British Council Englisch als Literatursprache zugunsten einer Orientierung auf Business English ad acta gelegt habe, könne sich Deutsch als Wissenschaftssprache in Europa behaupten. Es sei ohnehin erstaunlich, dass die neue Lingua franca Europas aus einem Land komme, das sich zunehmend von der europäischen Idee entferne. Aber Angst brauche man deswegen nicht zu haben, da Englisch kaum richtig gesprochen werde angesichts der Amerikanismen und des verbreiteten Denglisch. Damit war man bereits tief in der Frage nach der europäischen Identität. Die Hildesheimer Politikwissenschaftlerin Marianne Kneuer analysierte den Weg der EU-Neumitglieder in die Gemeinschaft und stellte fest, dass in allen diesen Ländern trotz des EU-weit sinkenden Vertrauens in den Einigungsprozess die Europäische Union immer noch mit einem etwas höheren Vertrauensbonus rechnen könne als die jeweiligen nationalen Regierungen und dass die Freiheit als erster Wert anerkannt bleibe.

Skeptischer war der Befund des Duisburger Politikwissenschaftlers Karl-Rudolf Korte. Die Deutschen als „Orientierungsnomaden“ seien immer wieder mit der Prüfung der Legitimationsgrundlagen ihrer Identität beschäftigt. Es herrsche eine Gesprächsstörung zwischen Politikern und Bürgern durch Elitenabschottung, zweifelhafte Problemlösungen würden als Leistungsversagen von Politik wahrgenommen, die Qualität der Entscheidungen und die oft fehlende Bürgerbeteiligung haben zu einer Krise der repräsentativen Demokratie geführt, die in der Frage gipfele, wer überhaupt noch regiere: Zentralbanken, Gerichte? Korte fragte: „Verlieren wir die Demokratie auf dem Weg zur Rettung des Euro?“

Norbert Lammert hatte zu Beginn der Gespräche die große Geschichte der europäischen Einigung mit den klingenden Namen der Vergangenheit erzählt. Über den Euro sprach er nicht. Die Problematik dieser europäischen Währung nahm am Schluss Bernhard Vogel auf, konzedierte, dass die Einführung des Euro nicht abgesichert gewesen sei, dass Deutschland und Frankreich die Stabilitätskriterien missachtet hätten, dass deswegen die Kritik an der Euro-Rettung auch „nicht gänzlich unverständlich“ sei und es über dieser Frage zu Spannungen zwischen der Bevölkerung und den Parteien gekommen sei. Aber, so Bernhard Vogel, es gebe nur einen Weg: Deutschland müsse für die Stabilität des Euro sorgen, weil Deutschland als bedrohlich empfunden werde und deswegen zur Solidarität verpflichtet sei.

Die Krise der Staatsverschuldung und der Haushalte sei auch ein Wendepunkt, und zur Sicherung von Frieden und Wohlstand brauche man deswegen nicht weniger, sondern mehr Europa. Was dieses „Mehr“ bedeute? Im Staatenverbund gelte es nicht, Souveränitätsrechte aufzugeben, sondern die Völker zu Europäern zu machen. Das sei der notwendige Brückenschlag.

In der Diskussion konstatierte Karl-Rudolf Korte „niveauvolle Ratlosigkeit“: Während die Welt sich auf allen Ebenen beschleunigt habe, laufe die Politik hinterher, weil sie traditionell verfahre. Der Londoner Kulturwissenschaftler Rüdiger Görner hielt dem die Aufgabe von Literatur und Bildung entgegen, ein sprachproblematisches Krisenbewusstsein zu entwickeln, den Sinn für Zwischenbereiche und Übergänge zu schärfen und Literatur im Vertrauen in die Sprache bildungswirksam zu verankern.

Klaus Weigelt (KK)

«

»