Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1261.

Lettern, die die Welt bewegten

Alexander Solschenizyn hat wie kein anderer die kommunistischen Lager beschrieben und damit das „Lager“ sturmreif geschrieben

Im Zuchthaus Waldheim in Sachsen, wo ich die Jahre 1962/64 verbrachte, wußten wir nichts von Alexander Solschenizyn, dem russischen Schriftsteller, der acht Jahre in Arbeitslagern verbracht hatte. Aber wir wußten von Fjodor Dostojewskis Buch „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ über seine vier Jahre in sibirischen Lagern. Dieses Buch stand in der Waldheimer Zuchthausbücherei, als Anklage sozusagen gegen die Greueltaten des Zarismus. Und wir wußten vom Roman „Nackt untere Wölfen“ des Leipziger Kommunisten und Buchenwald-Häftlings Bruno Apitz, der auch in der Zuchthausbücherei stand als Zeugnis nationalsozialistischer Verbrechen in den Konzentrationslagern. Beide Bücher waren bei uns Gefangenen außerordentlich beliebt wegen der hier vorgeführten Praxis der Menschenverachtung, die auch wir tagtäglich erlebten.  Es gab lange Wartelisten für beide Bücher, die nur durch Bestechung mit Zigaretten zu verkürzen waren. Im Sommer 1963 aber wurden beide Bücher durch den „Kulturhauptmann“ der „Volkspolizei“ konfisziert, weil die lesenden Gefangenen, so erklärte er, Mißbrauch damit trieben, denn sie hätten an den Rand mancher Seiten geschrieben: „Siehe Waldheim!“ oder „Wie bei uns!“

Alexander Solschenizyns ersten Roman, „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ (1962), der ihn berühmt gemacht hatte, las ich im Sommer 1965, ein Jahr nach meiner Entlassung. Ich saß im Kurpark von Bad Mergentheim, wo ich meine vier Wochen Genesungskur, die mir nach dem Häftlingshilfegesetz zustanden, verbrachte, und las. Es war die niederdrückende Geschichte eines russischen Bauern, der im Zweiten Weltkrieg aus deutscher Gefangenschaft hatte entkommen können und nun für zehn Jahre im Lager saß: Iwan Denissowitsch Suchow, Häftlingsnummer S-854, schuldlos verhaftet wie Zehntausende anderer Häftlinge auch und täglich ums Überleben kämpfend!

Alexander Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 geboren, studierte Mathematik und wurde 1941 Physiklehrer. Am 18. Oktober 1941 zur Roten Armee eingezogen, wurde er als Hauptmann im Februar 1945 im besetzten Ostpreußen verhaftet. Wegen kritischer Äußerungen zu Stalins Kriegsführung, die er seinem Schwager in Briefen übermittelt hatte, wurde er zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Bis 1950 arbeitete er dann mit anderen Gefangenen, die wissenschaftlich ausgebildet waren, an Geheimprojekten in einem Speziallager, wo er den Germanisten und späteren Schriftsteller Lew Kopelew kennenlernte, und dann bis 1953 in einem Sonderlager in Kasachstan. 1956 wurde er rehabilitiert.

Die von der obersten Staatsführung in Moskau befürwortete Veröffentlichung des „Iwan Denissowitsch“ führte 1963 zur Aufnahme des Autors in den Schriftstellerverband, aus dem er 1969 wegen der Romane „Krebsstation“ und „Der erste Kreis der Hölle“ wieder ausgeschlossen wurde. Zu Entgegennahme des Nobelpreises für Literatur am 10. Dezember 1970 wagte er nicht, nach Stockholm zu reisen, weil er befürchten mußte, ausgebürgert zu werden. Verhaftung und Ausbürgerung erfolgten am 13. Februar 1974, nach einigen Tagen Aufenthalt bei Heinrich Böll in der Eifel reiste er in die Schweiz aus und emigrierte von dort 1975 nach Vermont an der amerikanischen Ostküste.

Seine dreibändige Dokumentation „Archipel Gulag“, die ihn weltweit bekannt machte, erschien in den Jahren 1973, 1974 und 1976, freilich nur außerhalb der kommunistischen Staaten. Es ist ein gewaltiges Werk über die systematische Verfolgung Andersdenkender in der Sowjetunion 1918 bis 1956, wozu dem Autor, der aus Vorsicht an abgelegenen Orten schrieb, 200 Zeugenberichte vorlagen. Man kann dieses Buch nicht wie einen Roman lesen, hier werden Schicksale von Menschen beschrieben, denen von der Staatsführung das Recht zu leben abgesprochen worden ist. Auch in anderen Büchern wie „Die Eiche und das Kalb“ (1975) hat Solschenizyn politische Verfolgung aufgearbeitet.

Weil seine im SED-Staat verbotenen Bücher heimlich eingeführt, verbreitet und gelesen wurden, wodurch sein Ruhm bei der intellektuellen Opposition wuchs, fühlte sich DDR-Autor Harry Thürk berufen, 1978 den Kolportageroman „Der Gaukler“ zu veröffentlichen, worin er seinen so erfolgreichen Kollegen politisch niederzumachen suchte. Wir aber, lieber Sascha Issajewitsch, verneigen uns in Ehrfurcht vor Ihrem Lebenswerk!

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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