Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1351.

Leuchtturm im akademischen „Bermudadreieck“

Mit dem Immanuel-Kant-Preis fördert die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien Forschungen zu Kultur und Geschichte im Osten

Leuchtturm-imAm 13. November 2014 wurde zum zweiten Mal der Immanuel-Kant-Forschungspreis im Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) in Oldenburg verliehen. Der 2012 geschaffene Preis der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) ist nach dem großen Königsberger Philosophen und Aufklärer Immanuel Kant (1724–1804) benannt. Er wird für herausragende Dissertationen und Habilitationsschriften vergeben, die sich mit der Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa befassen. Preisträgerinnen waren in diesem Jahr Dr. Evelyn Reitz (Berlin) mit ihrer Arbeit „Kulturelle Differenzerfahrung und ästhetische Einheitsbildung in der Prager Kunst um 1600“ sowie Dr. Svenja Bethke (Hamburg), die zum Thema „‚Kriminalität‘ und ‚Recht‘ in den jüdischen Ghettos Warschau, Litzmannstadt und Wilna im Zweiten Weltkrieg“ geforscht hat.

Der Vorsitzende der Jury des Immanuel-Kant-Forschungspreises, der Passauer Osteuropa-Historiker Prof. Dr. Thomas Wünsch, betonte in seiner Laudatio, dass mit dieser Auszeichnung zwei exzellente Forschungsarbeiten honoriert werden, die zum einen dem „Begegnungsraum von deutscher und slawischer Kultur im östlichen Europa“ gewidmet seien. Dies entspreche nicht nur dem Zweck des Preises, sondern stärke einen wichtigen Forschungsbereich. Zum anderen hob er hervor, dass der Preis für zwei Frauen „im Post-doc-Stadium ihres Lebens“ auch „ein dringendes forschungsstrategisches Anliegen unserer Tage“ erfülle: Immer noch gingen herausragende Frauen verloren in dem „Bermudadreieck, das sich zwischen Dissertation und Bewerbung für Professuren aufzutun scheint“. Zumindest in den Geisteswissenschaften würden sich viel zu wenige der promovierten Frauen um Professuren bewerben. Der Immanuel-Kant-Forschungspreis setze hier ein Zeichen.

Thomas Wünsch stellte die beiden ausgezeichneten Arbeiten vor, die neben ihrer Interdisziplinarität auch verbinde, „dass sie den Stier bei den Hörnern packen“, sich also Themen widmen, „die eine reiche Forschungstradition besitzen und zu denen das Meiste schon gesagt schien. Unsere Preisträgerinnen zeigen, dass gerade hier noch viel zu holen ist, dass die viel beschworenen ‚Desiderate‘ also nicht unbedingt Brachland sein müssen, sondern auch auf der Hauptstraße zu finden sind. Der Zugang zu den Themen ist damit von Anfang an auf Tiefenbohrung angelegt; die Thesenbildung steht im Vordergrund, und das macht die Lektüre so anregend.“

Preisträgerin Evelyn Reitz bescheinigte der Laudator, dass sie „eine neue Note in die gesamthistorische Diskussion um den Zentralort Prag um 1600“ bringe. Ihre These sei, dass „ein Konglomerat aus sozialen und persönlichen Variablen unter den Bedingungen von Exil, Migration und der Erfahrung kultureller Unterschiedlichkeit“ den Stil am Hofe Rudolfs II. ausgemacht habe: „Nicht der Exzentriker Rudolf ließ die vielfach als enigmatisch wahrgenommenen Kunstwerke an seinem Hof entstehen, sondern die Exzentrik der Lebenserfahrung einer bestimmten Gruppe: der Künstler.“ Zu diesen gehörten die Maler Bartholomäus Spranger und Hans von Aachen, der Bildhauer Adrian de Vries sowie der Maler und Grafiker Joris Hoefnagel.

Das Buch von Svenja Bethke werde Bibliothekare wegen seiner „natürlichen Interdisziplinarität“ vor die Frage stellen: Jura oder Geschichte? Die Verfasserin trete an, „die Kategorien ‚Kriminalität‘ und ‚Recht‘ aus einem abstrakt-juristischen Verständnis, angekettet an die normative Realität der Gesetzgebung, herauszulösen und in einen konkret-historischen Zusammenhang einzuordnen, der diese scheinbar eindeutigen Kategorien auf einmal als höchst kontingent und geradezu situationsgebunden erscheinen lässt“. Sie greife „ins Räderwerk der juristischen Selbstverständlichkeit, wenn sie diese zentralen Begriffe relativiert und historisiert. Recht, Gerechtigkeit, aber auch Moral werden als Momentaufnahmen sichtbar, die Aushandlungsprozessen unterliegen und keine statische Qualität besitzen.“

Svenja Bethke behandelt große, bekannte Ghettos – Warschau, Litzmannstadt (Lodz) und Wilna – und leuchtet einen sehr spezifischen Bereich aus. Dies machte Wünsch als „Bedingungen heutiger Innovation in der Zeitgeschichte“ aus: „die Quellengrundlage muss dicht genug sein, und der Fokus gezielt auf einen bestimmten Gegenstand ausgerichtet. Mit einer Fülle von dokumentarischen Quellen aus Archiven in Israel, den USA und Polen, kombiniert mit Tagebüchern und anderen erzählenden Quellen (‚Ego-Dokumenten‘), steht die Argumentation auf sicheren Beinen.“

Die Preisverleihung im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien nahm Dr. Nicole Zeddies (Berlin) vor. In ihrer Festansprache ging sie auch auf das 25-jährige Bestehen des Bundesinstituts ein, das im Januar des Jahres 1989 gegründet wurde, um die Bundesregierung in allen Fragen der Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa zu beraten. Das BKGE, die einzige Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich der BKM, sei „unverzichtbar“ für die Kulturstaatsministerin. Hervorgehoben wurden die Internationalität und Professionalität des BKGE. Die erfreuliche Zusammenarbeit mit der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg in vielen Fächern betonte Dekanin Prof. Dr. Andrea Strübind, Oberbürgermeister Jürgen Krogmann lobte die gute Kooperation mit der Stadt Oldenburg. Die Festveranstaltung im BKGE fand im Rahmen der internationalen Tagung „Grenzen der Pluralisierung? Zur Konflikthaftigkeit religiöser Identitätsbildung und Erinnerungskultur in Europa seit der Frühen Neuzeit“ statt, die das BKGE in Zusammenarbeit mit der Universität Oldenburg ausrichtete.

(KK)

 

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