Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1256.

Lichtbildner in neuem Licht

Präsentation des „Museums Fotoatelier Josef Seidel“ aus Krumau

Noch heute sagen die Leute in Krumau (Cesky Krumlov) zu jemandem, der um etwas gebeten wurde, was er nicht erfüllen kann: „Dann laß dich damit beim Seidel fotografieren!“ Peter Resch weiß das. Und gibt es in perfektem Deutsch an die Hörer seines Vortrags über das Fotoatelier Josef Seidel im Sudetendeutschen Haus in München weiter. Ein Schmunzeln geht durch den gut besetzten Saal. Reschs „Chef“, wie er ihn nennt, heißt Petr Hudicak und ist wie er gebürtiger Krumauer. Beide sind aus Südböhmen angereist, eigens zu der Veranstaltung, zu der das Kulturreferat für die böhmischen Länder im Adalbert Stifter Verein eingeladen hat. Beide sind Experten in Sachen Fotoatelier Seidel. Resch, der ältere, kannte Franz Seidel noch persönlich. Er ist Historiker. Seit zwei Jahren gehört seine ganze Energie dem Projekt „Museum Fotoatelier Josef Seidel“, das Petr Hudicak leitet.

Der noch heute in Krumau kursierende Spruch ist ein hübscher Beleg dafür, wie berühmt die Firma Seidel einst war. Gegründet hat sie vor gut 100 Jahren Josef Seidel. Er stammte aus dem nordböhmischen Flecken Liska, der damals deutsch Hasl hieß. Mit 20 zog es Seidel nach Österreich, Ungarn und Siebenbürgen. In Klausenburg erwarb der gelernte Glasschleifer das Rüstzeug für den Beruf des Fototechnikers. Mit 28 arbeitete er in Prachatitz als Hilfsfotograf. 1887 dürfte die erste Aufnahme vom Böhmerwald entstanden sein. Den durchstreifte Josef Seidel sommers wie winters mit den schweren, damals für Fotos nötigen Glasplatten im Rucksack und dem hölzernen Stativ in der Hand.

Was Josef Seidel und sein Sohn Franz, der die Firma seines Vaters weiterführte, 1910 den ersten Katalog über Ansichten des Böhmerwalds und die erste kolorierte Ansichtskarte von Krumau herausbrachte, ein detailliertes Tagebuch von 1917 bis 1938 schrieb und beim Papa das Fotografieren gelernt hatte, was die Vertreter zweier Generationen von Krumauer Fotografen hinterließen, ist sensationell: 100000 Negative auf Glas und Zelluloid, 5000 Ansichtskarten, Hunderttausende von Positiven mit Porträts, Menschengruppen, Dorf- und Landschaftsansichten, Gebäuden, Festivitäten aus der Zeit der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert – eine unschätzbare Quelle für die Forschung. Sie anzuzapfen, um sie künftig voll auszuschöpfen, gelang erst kürzlich, nach der schwierigen Bergung der Hinterlassenschaft des „ungekrönten Königs der Fotografie des Böhmerwalds“, wie Josef Seidel in Fachkreisen bezeichnet wird.

Über 50 Jahre war das Wohn- und Atelier-Gebäude in Krumau mit den viel zu feucht eingelagerten Platten dem Vergessen anheimgefallen.  Nun wird die erst noch genau zu sichtende Seidelsche „Bildchronik des Böhmerwaldes“ aus dem Dunkel gehoben. 2005 konnte der Entwicklungsfonds der Kommune Cesky Krumlov die Rehabilitierung des Objekts und des Gesamtwerks eröffnen – 70 Jahre nach Josef Seidels Tod. Zwei Jahre später war die Rekonstruktion des Fotoateliers abgeschlossen. Dies dank zahlreicher Partner aus dem kulturpolitischen Sektor (angefangen beim Böhmerwaldmuseum Passau über die „Mühlviertler Museumsstraße“ bis zum Verein „Glaube und Heimat“) und der Medien: des Tschechischen Rundfunks Budweis, des ORF-Landesstudios Oberösterreich und des Offiziellen Infosystems der Region Cesky Krumlov.

Peter Resch und Petr Hudicak dürfen hoffen, daß im Lauf der Zeit immer mehr Details zur 150jährigen Geschichte des Seidelschen Betriebs ans Tageslicht kommen. Franz Seidels Verlobte Maria Brod, die 1946 nach Deutschland ausgewiesen worden war, erlebte nicht mit, wie gut 5200 Glasplatten, verpackt in 540 Schachteln, als pflichtmäßige „Abgabe“ an den Staat gingen. Erst 1959 durfte sie in die Tschechische Republik zurückkehren. Sie überlebte ihren Mann, der 1997 starb, um sechs Jahre.

Ihrer wird nicht weniger als ihres Gatten Franz und ihres Schwiegervaters Josef gedacht werden, wenn, wie vorgesehen, Ende Mai das Museum „Fotoatelier Seidel“ in Cesky Krumlov eröffnet wird. Die alte, von der Burg der Rosenberger beherrschte, viel besuchte Moldaustadt, die zum UNESCO-Welterbe gehört, hat dann– neben dem Schiele-Zentrum – eine weitere Attraktion zu bieten. Ziel ist eine Dauerausstellung, die dem Besucher nicht nur die dem Original nachgebaute Inneneinrichtung der vorletzten Jahrhundertwende, alte Fotoapparate, Vergrößerungs- und Kopiermaschinen zeigt, sondern auch die Möglichkeit bietet, eigenhändig, in alter Seidelscher Manier, zu fotografieren (Näheres unter www.ckrumlov.cz/seidel).

Hans Gärtner (KK)

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