Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1237.

Lichtenbergs Pointen auf den Punkt bringen

Auf polnisch hat Tadeusz Zatorski das geschafft, was Martin Pollack mit Ryzsard Kapuscinskis Betrachtungen auf deutsch gelungen ist

Der zum dritten Mal verliehene Karl-Dedecius-Preis der Robert Bosch Stiftung für polnische und deutsche Übersetzer geht 2007 an Martin Pollack und Tadeusz Zatorski. Beide werden für herausragende Übersetzungen ausgezeichnet und für ihre Vermittlungsarbeit zwischen den Nachbarländern geehrt. Die Preisträger waren von einer deutsch-polnischen Jury unter dem Ehrenvorsitz von Karl Dedecius vorgeschlagen worden. Der Preis ist mit je 10 000 Euro dotiert und wird abwechselnd in Deutschland und in Polen verliehen. Die diesjährige Preisverleihung veranstaltet das Deutsche Polen-Institut am 1. Juni in Darmstadt.

Martin Pollack (geboren 1944 in Bad Hall, Oberösterreich) studierte Slawistik und osteuropäische Geschichte in Wien. Von 1972 bis 1982 war er als geschäftsführender Redakteur bei der kulturpolitischen Monatszeitschrift „Wiener Tagebuch“, danach als freiberuflicher Journalist tätig. Von 1987 bis 1998 arbeitete er als Korrespondent des „Spiegel“ in Wien und in Warschau. Seit 1998 ist er freier Autor und Übersetzer.

Pollack hat als Übersetzer des in Polen wie auch im Ausland hochgeschätzten Journalisten Ryszard Kapuscinski Außerordentliches geleistet. Zwei Jahrzehnte hindurch hat er kontinuierlich Bücher Kapuscinskis ins Deutsche übertragen und damit diesem Autor im deutschen Sprachraum Aufmerksamkeit und einen breiten Leserkreis erschlossen. Heute steht Kapuscinskis Bedeutung für die polnische Literatur ebenso außer Zweifel wie die Leistung seines österreichisch-deutschen Übersetzers und Vermittlers.
Martin Pollack hat auch eine Reihe anderer wichtiger Autoren in überzeugender Weise ins Deutsche übertragen, die das Bild Polens im deutschen Sprachraum um wichtige Facetten ergänzen, wie die polnisch-jüdischen Emigranten Wilhelm Dichter und Henryk Grynberg oder den renommierten Literaturwissenschaftler Michal Glowinski. Mit der Übersetzung von Daniel Odijas „Sägewerk“ hat er einen wichtigen Vertreter der jüngsten Generation polnischer Autoren dem deutschen Leser nahegebracht.
Martin Pollack darf im vollen Wortsinn als Vermittler zwischen Polen und dem deutschen Sprachraum bezeichnet werden. Er hat neben seiner übersetzerischen Tätigkeit in zahlreichen journalistischen Arbeiten über Polen berichtet, viele Theaterprojekte begleitet und seinen Einfluß bei deutschen
und österreichischen Verlagen genutzt, um bisher noch nicht bekannten polnischen Autoren den Weg zu bereiten. Schließlich hat er als Herausgeber von mehreren Anthologien den deutschen Leser mit der polnischen Kultur in ihren Spielarten bekannt gemacht.

Tadeusz Zatorski (geboren 1960 in Bochnia) studierte Germanistik in Krakau und Berlin, arbeitete 1983 bis 2001 als Lektor für Deutsch an der Jagiellonen-Universität und an der Sporthochschule in Krakau. Seit 2001 ist er als freischaffender Übersetzer tätig. Er hat mehrere Bücher und Zeitschriftenbeiträge u.a. von Georg Christoph Lichtenberg, Heinrich Heine, Heinrich Böll, Max Weber, Hans Küng und Eugen Drewermann sowie zahlreiche eigene Texte zur deutschen Literatur und Kultur veröffentlicht.

Eine besondere Leistung Zatorskis sind die polnischen Ausgaben der Werke von Georg Christoph Lichtenberg und Heinrich Heine. Lichtenberg war bis zur ersten Zatorski-Übersetzung der „Sudelbücher“ 2001 in Polen beinahe unbekannt. 2005 erschien im renommierten Danziger Verlag slowo/obraz terytoria eine neue über 500 Seiten umfassende und editorisch anspruchsvoll gestaltete Lichtenberg-Ausgabe mit Vorwort, Register, Bibliographie und einem Essay von Zatorski. Die Kunst der Übersetzers ist bei Aphorismen wie denen Lichtenbergs in besonderem Maße gefragt: Hier müssen in einem nur wenige Zeilen umfassenden Textfragment, oft nur in einem Satz, die Lexik, die Form, das Bild und die Pointe stimmen. Zatorski meistert diese Herausforderung mit Bravour. Eine andere übersetzerische Glanzleistung stellen Übertragungen von Heinrich Heine dar: „Die Romantische Schule“ und „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“.

Zatorski bewegt sich jenseits der literarischen Moden, sucht selber nach anspruchsvollen Autoren und kümmert sich mit allen Mitteln um den Zuspruch polnischer Verleger.

(KK)

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