Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1296.

Literatur und Kunst

Das „Hinternationale“, hier wird’s Ereignis

Die Selbstdarstellung des Pragers Johannes Urzidil scheint in einer
Ausstellung des Adalbert Stifter Vereins facettenreich auf

Kronlandmetropole der k. u. k. Monarchie, Hauptstadt der Tschechoslowakei, Protektoratsstadt des Dritten Reiches – all das war Prag in den Jahren 1900 bis 1945! Hier in Prag entstand aber auch ein großer Teil dessen, was Kanon der deutschen Literatur für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden ist. In Prag wurden bis 1939 – und unter veränderten Vorzeichen bis 1945 – zwei Muttersprachen gesprochen; die Stadt an der Moldau war Wirkungsfeld tschechischer, jüdischer und deutscher Autoren.

Sie sind die Protagonisten der Ausstellung „Praha – Prag 1900–1945. Literaturstadt zweier Sprachen, vieler Mittler“, die der Adalbert Stifter Verein gemeinsam mit renommierten Literaturwissenschaftlern aus Tschechien, Österreich und Deutschland und in Zusammenarbeit mit dem Museum der Tschechischen Literatur in Prag erarbeitet hat. Sie ist in der Alfred Kubin Galerie im Kulturforum des Sudetendeutschen Hauses in München zu sehen.

Es soll Studenten geben, die Tschechisch lernen, um Franz Kafka im Original lesen zu können; Kafka, ein gebürtiger Prager, schrieb seine Erzählungen und Romane auf deutsch – auch wenn er beide Landessprachen beherrschte. Wer aber war es, der Kafkas Werk ins Tschechische übertrug?
Den Anfang machte die tschechische Journalistin Milena Jesenská (1896–1944), die später als seine Geliebte in die Literaturgeschichte eingehen sollte. „Das Schloß“ wiederum übersetzte Paul oder Pavel Eisner (1889-1958), ein besonders emsiger Übersetzer, Publizist und Sprachforscher, der seine deutschen und tschechischen Landsleute unermüdlich aufforderte, die Kultur ihres Nachbarvolkes kennenzulernen.

Ebenso setzte sich der Schriftsteller, Feuilletonredakteur und Theaterkritiker Otto Pick (1887–1940) für die Vermittlung der Dichtung des Nachbarvolks ein und war in der regierungsnahen deutschsprachigen Zeitung „Prager Presse“ Fürsprecher der tschechischen Literatur.

Auch der rasende Reporter Egon Erwin Kisch hat bis heute in seiner Heimatstadt Prag eine Lesergemeinde – weil Jarmila Haasová-Necasová (1896–1990) sein Gesamtwerk ins Tschechische übertrug. War Jarmila Haasová bis an ihr Ende eine überzeugte, regimetreue Kommunistin, so ließ sich wiederum Jan Grmela (1895–1957) auf eine Zusammenarbeit mit den NS-Protektoratsbehörden ein, indem er 1942 die Leitung der Prager Stadtbücherei übernahm. Ihm sind eine große Menge an Übersetzungen deutscher Klassiker und Regionalautoren ins Tschechische zu verdanken, die er seit den zwanziger Jahren anfertigte.

Der älteren Generation deutschsprachiger Schriftsteller in Prag gehörte Friedrich Adler (1857–1938) an, der bereits 1895 einen historischen Wendepunkt einleitete, indem er tschechische Dichtung in „wirklich deutsche Verse umgoß“. Auf die Übersetzung klassischer Autoren konzentrierte sich der tschechische Germanistik-Professor an der Karls-Universität – gleichzeitig Dramaturg und Schauspielleiter am Prager Nationaltheater –, Otokar Fischer (1883–1938). Seine Übersetzung von Goethes „Faust“ ist bis heute auf dem tschechischen Buchmarkt präsent. Sein Freund Pavel Eisner wies darauf hin, daß fast alles auf dem Gebiet der Übersetzung Geleistete auf ein paar deutsch-jüdische Dichter aus Prag zurückgehe, die in dieser Mittlung nicht nur eine schöne Kulturaufgabe erblickten, sondern auch eine innere Notwendigkeit.

Oft machten sie dabei ihre eigene dichterische Begabung (nur) für andere dienstbar, wie es Otto Pick in seinem Gedicht „Fluch des Übersetzers“ zum Ausdruck brachte:

Fremden Lauten leiht er eine Stimme
Doch er fühlt mit stets erneutem Grimme
Dass es nicht die seine war.

Die Vorstellung, daß die beiden in Prag beheimateten Sprachnationen wenig Berührungspunkte hatten, mag zum Teil der damaligen Realität entsprechen. Darüber sollte aber nicht vergessen werde, wie viele Gemeinsamkeiten, Überschneidungen und Wechselwirkungen es unter der national gemischten Bevölkerung gab.

Der Adalbert Stifter Verein widmet diese Ausstellung all jenen Menschen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Mittler zwischen den beiden Sprachkulturen der Stadt auftraten und mit Literaturübersetzungen, publizistischen Texten, Lehrveranstaltungen, Schulbüchern und weiteren Aktivitäten des Austauschs die deutschsprachige und tschechischsprachige Kulturszene miteinander verknüpften.

Anna Knechtel (KK)

 

»