Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1285.

Literatur und Kunst

„Wenn nur bald der liebe Schnee käme!“

Aus seiner eigenen und der Stimmung der Landschaft schuf Friedrich Iwan eine Kunst, die auch den Betrachter in Stimmung versetzt

Der Winter war seine liebste Jahreszeit. Dann schnallte er die Skier an und wanderte durch das heimatliche Riesengebirge. Seine Eindrücke verewigte er in unzähligen Grafiken und Aquarellen, die er abwechselnd mit „Iwan“, „FI“ oder „Fr. Iwan“ signierte, der Riesengebirgsmaler Friedrich Iwan, der vor 120 Jahren als Sohn eines Prokuristen in Landeshut das Licht der Welt erblickte. (Die KK 1282 brachte einen Kurzbericht zu einer Retrospektive im Haus Schlesien.)

Schon mit 14 Jahren wird Iwan in die königliche Kunstschule, die spätere Kunstakademie, in Breslau aufgenommen. Dort besucht er die von Professor Carl Ernst Morgenstern, dem Vater des Dichters Christian Morgenstern, geleitete Klasse für Landschaftsmalerei. Der ursprünglich aus Bayern stammende Morgenstern ließ sich wie viele andere Künstler vom Riesengebirge verzaubern und schuf unter dem Eindruck der Berge und Täler die, wie es die Breslauer Kunsthistorikerin Krystyna Bartnik formuliert, „bis dahin reichste Ikonographie des Riesengebirges in der Kunst“. Bei Morgenstern lernt Iwan eine Landschaftsmalerei kennen, die sich jenseits des blanken Naturalismus der Wiedergabe einer „ganzheitlichen Bildstimmung“ (Bartnik) verpflichtet fühlt und die man deshalb nicht zu Unrecht dem Impressionismus zuordnet.

Das Atelier ist für Morgenstern bestenfalls ein notwendiges Übel. Am liebsten hält er sich in der Natur, in seinem lieben Riesengebirge, auf. Das ganze Sommersemester arbeitet er mit den Studenten im Freien. Aber auch im Winter zieht es die jungen Studenten oft hinaus in die Berge.  Die Liebe zur Natur, der Drang hinaus ins Freie, wo man sich von der einzigartigen Landschaft des Riesengebirges beeindrucken und in Stimmung versetzen lassen konnte, das wird nun auch der Quell für das Schaffen Friedrich Iwans.

Aber zunächst ruft die Großstadt Berlin. Dort lockt ein Studium der Kunstgeschichte, der Malerei und des Kunsthandwerks an der berühmten Kunstakademie. Während seiner Studienzeit entwickelt Iwan eine besondere Begabung für die Radiertechnik. Doch schon bald genügt ihm die schwarz-weiße Darstellungsform nicht mehr. Da ihm das Nachkolorieren mißfällt, erfindet er eine Methode, mit der sich Stahlstich und Farbdarstellung vereinigen lassen und die nun gleichsam die farbige Radierung ermöglicht. Mit Hilfe dieser Methode entstehen viele seiner bekannten Werke. Hauptthema bleibt das zumeist winterlich verschneite Riesengebirge. Um ihm nahe zu sein, zieht er nach dem Ersten Weltkrieg nach Krummhübel. Nach seiner Heirat im Jahre 1921 erwirbt er ein Haus in Hirschberg, das er bis zu seiner Vertreibung 1946 bewohnt.

Der bei Morgenstern erlernten Freilichtmalerei bleibt Iwan zeitlebens treu. Freunde sagen über ihn, daß „er seine Berge kenne wie ein Bauer sein Land“. Dabei hat es ihm, wie eingangs erwähnt, besonders der Winter angetan. Schon Anfang Oktober wartet er ungeduldig auf sein Hereinbrechen. Oft pflegt er zu sagen: „Wenn nur bald der liebe Schnee käme!“

1922 gründen einige seiner Schul- und Studienfreunde aus der Breslauer Zeit in Schreiberhau die „Vereinigung bildender Künstler St. Lukas“, der sich bald darauf auch Iwan anschließt. Hier trifft er auf künstlerisch gleichgesinnte Spätimpressionisten, die wie er die genaue Naturbeobachtung und die Wiedergabe der dadurch im Künstler ausgelösten Stimmung zu ihrem künstlerischen Programm erhoben haben.

Aber auch für Iwan und seine künstlerischen Freunde währt das Glück unbeschwerten Schaffens nicht. Vor Naziterror, Krieg und Vertreibung vermag auch das Riesengebirge nicht zu schützen. Die Idylle zerbricht. Auch Iwan muß Kriegsdienst leisten.

Danach ist nichts mehr, wie es war: das Haus in Hirschberg geplündert, ca. 350 radierte Kupferplatten, fast sein gesamtes Werk, nahezu unwiederbringlich verloren. Und er selbst, inzwischen ein Mittfünfziger, wird von der polnischen Miliz unter dem absurden Vorwurf verhaftet, einen Geheimsender betrieben zu haben. Nach zwei Monaten Folterhaft weisen ihn die neuen Herren aus.

Er geht zunächst nach Hessen, wo er seine Familie wiederfindet, und beginnt erneut zu malen. Bald entstehen auch wieder erste Radierungen. Seine Motive schöpft er nun aus der neuen Umgebung: Rhön, Vogelsberg und schließlich die Alpenlandschaft. Denn 1953 übersiedelt er, wie viele andere schlesische Künstler, nach Wangen/Allgäu.

Dann wird ihm noch einmal eine glückliche Fügung zuteil. Anfang der 60er Jahre werden in einer Ostberliner Kupferdruckerei etwa drei Dutzend seiner Kupferplatten wiedergefunden. Iwan gelingt es, diese trotz Mauer und Stacheldraht auf legalem Wege zurückzuholen. Somit bleibt wenigstens ein Teil seines Schaffens erhalten.

1967 stirbt der Künstler in Wangen. Seine Werke überleben, und wenn nun bald wieder „der liebe Schnee“ kommt und unsere heimatlichen Berge einhüllt, dann wollen auch wir ihn in dankbarer Erinnerung behalten: den  Riesengebirgsmaler Friedrich Iwan.

Dirk Metzig (KK)
 

«

»