Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1298.

Literatur und Kunst

Bodenlos ist der doppelte Boden

George Saiko hat in Wien die Nazis überlebt, jetzt lebt die Erinnerung an ihn wieder auf

Ein ewiges Rätsel der Geistesgeschichte ist, wie das eine in Vergessenheit gerät, das andere wiederaufersteht, womit Menschen ebenso gemeint sind wie Bücher. Englisch prägnant wurde dies zum geflügelten Wort: „Some books are undeservedly forgotten, non are undeservedly remembered.“ (Manche Bücher werden zu Unrecht vergessen, zu Unrecht in Erinnerung gerufen werden keine.) Die Worte, die genausogut auf Buchautoren gemünzt sind, stehen seit 1963 in „The Dyer’s Hand“, dem berühmten Spätwerk von Wystan Hugh Auden, der nach einem Leben der Abenteuer (von denen die Heirat mit Erika Mann eines der harmlosesten war) just in dem niederösterreichischen 1600-Seelen-Dorf Kirchstetten zur Ruhe kam, das sich der von Schuschnigg wie von Goebbels gleichermaßen geschätzte Poet Josef Weinheber als Wohnsitz auserkoren hatte. Als Auden starb, war ihm, wenige Kilometer entfernt in einem Wienerwaldstädtchen, jener George Saiko schon elf Jahre vorausgegangen, der soeben zum Gegenstand einer neunen gründlichen Untersuchung geworden ist: Der junge Germanist Michael Hansel beschreibt unter dem Titel „George Saiko oder: Die Wirklichkeit hat doppelten Boden“ das Überleben des Schriftstellers im annektierten Österreich und seine literarische Wiederauferstehung.

Deutscher Literaturfreunde haben von dem, was sich 1938 in Österreich ereignete, wenig gewußt und das wenige inzwischen wohl auch vergessen. Hitler – auf Linz fixiert – hat Wien immer gehaßt und darum gleich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen Adolf Eichmann den Befehl gegeben, Wien müsse „judenrein“ werden, womit er der damals größten Judengemeinde aller Kontinente ihren bis dahin glücklichsten und fruchtbarsten Nährboden entzog. In keiner anderen Stadt hatten die Juden, die aus allen Kronländern der Monarchie nach Wien geströmt waren, so günstige Voraussetzungen für ihre Assimilation vorgefunden und so viel zum geistigen Leben beitragen können. 1938 herrschte Frieden, der Weltverkehr zu Land und auf dem Meer funktionierte; Polen war noch nicht erobert, und es gab auch
keine Vernichtungslager! Eichmann mußte die Wiener Juden am Leben lassen, er durfte Weltberühmtheiten wie etwa Sigmund Freud nur mit Samthandschuhen anfassen. 156800 Wiener Juden verloren ihr Vermögen, aber retteten, unsanft zur Ausreise gedrängt, ihr Leben, und manche von ihnen fanden sich auf den Lehrstühlen von Harvard, Princeton und Berkeley wieder, an der Spitze des Teatro Colon in Buenos Aires oder der Met. Und sie brachten ehemaligen Kolonien jenen Hauch von Weltkultur, der etwa Neuseeland entscheidend förderte.

Auch jene Emigranten, die nach diesem großen Exodus keinen Nobelpreis, keinen Pulitzerpreis und keinen Regie-Oscar ernteten, waren für die österreichische Selbstfindung nach 1945 verloren; aber die Suche nach Erzählern einer Art Innerer Emigration hatte Erfolg. Hinter den soliden Mauern der berühmten Graphiksammlung Albertina, beschäftigt in ihren heiligen Hallen, hatte der Kunsthistoriker und Dichter George Saiko die Hitlerjahre überstanden, ohne jemals der Reichschrifttumskammer anzugehören. „Der Umstand, daß der Dichter nicht gerade viel geschrieben hat“, sagt Hansel, „mag mit ein Grund sein, weshalb er, schon als er starb, weitgehend unbekannt war und es bis heute auch geblieben ist. (…) Saikos Werke verlangen einen aufgeschlossenen, aktiven, oft eigenschöpferischen Leser, der aus den Erfahrungen, Erinnerungen, … unbewußten Bildern“ sich jene zweite Wirklichkeit erschließen muß, die Saiko das Überleben in einer feindseligen Welt und in permanenter Gefahr erst ermöglichte.

Zu den interessantesten Partien des Hanselschen Buches gehört darum die Rezeptionsgeschichte, ein Beinahe-Offenbarungseid der literarischen Milieus im Nachkriegsösterreich, wo es buchstäblich ein halbes Jahrhundert dauerte, bis sich junge Germanisten der ungehobenen Schätze unter dem Katastrophenschutt von 1938 erinnerten und zu graben begannen. Hansels Untersuchung, bemerkenswert gepflegt ausgestattet, weist spät, aber vielleicht nicht zu spät den richtigen Weg.

Hermann Schreiber (KK)

Michael Hansel: Georg Saiko oder: Die Wirklichkeit hat doppelten Boden. Sonderzahl, Wien 2010, 294 S.

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