Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1331.

Literatur und Kunst

Was kaum zu ertragen ist, muss man sagen

Bei den Usedomer Literaturtagen stimmen Ort und Zeit dafür

Was-kaum-zu-ertragenWas 1945 an der Ostsee geschehen ist, hätte kein Dramatiker erfinden können. Der Historiker Andreas Kossert weiß, wovon er spricht, und er weiß auch, warum er ins Literarische ausgreift, um historische Dimensionen zu verdeutlichen. Es ist die Literatur, die auch dem Geschichtsforscher in manchen Fragen weiterhilft, zumal in der Frage nach dem Sinn seines wissenschaftlichen Tuns.

Erleichtern kann dieses Tun zwar weder Erinnerung noch Gegenwart, aber leichter begreiflich machen, was geschehen ist, in Worten die Dämonen bannen, auf dass man nicht von ihnen gebannt wird. Günter Kunert meint, „Rumpelstilzchen“ sei ein Märchen über die Literatur: Sobald man das Übel benenne, vernichte es sich selbst. So weit wird der Historiker nicht abheben wollen, aber auch er sucht nach Namen, auf dass nicht „der Königin ihr Kind“ geholt wird.

Arno Surminski hat ein Schriftstellerleben lang an der lebenserhaltenden Beschwörung gearbeitet, sein jüngstes Buch „Winter fünfundvierzig“ ist ein Einblick in die abgründige Dualität von Flucht und Verbrechen in Ostpreußen, in die fast vergessene Tragödie der „Frauen von Palmnicken“. Im Gespräch mit Tatjana Gräfin Dönhoff und Andreas Kossert vermag er zu benennen, wovor einem die Sprache versagt, vermag er sogar sachlich zu erzählen, dass er vor anderthalb Jahren erst Kunde vom Grab seiner Eltern in Russland und das Protokoll der Vernehmung seiner Mutter bekommen hat, datiert vier Wochen vor ihrem Tod. Auch Tatjana Gräfin Dönhoff, deren „Flucht“- Roman die Vorlage für den erfolgreichen Fernsehfilm war, weiß aus dem Schweigen über jene Ereignisse, das auch in ihrer Familie vorherrschte, die richtigen Schlüsse zu ziehen: Es muss geredet werden, und
die Zeit dafür ist endlich reif.

Was-kaum-zu-ertragen2Das Deutsche Kulturforum östliches Europa heißt nicht nur so, sondern es eröffnet auch in Zusammenarbeit mit dem Usedomer Musikfestival und dem Verbund der Kaiserbäder ein Forum zum Reden, jetzt zum fünften Mal just am 60. Jahrestag der Schaffung des Bundesvertriebenen- und -flüchtlingsgesetzes mit seinem Kulturparagraphen 96, auf den der Vorstandsvorsitzende Winfried Smaczny in seiner
Begrüßung hinwies.

Nicht alle Veranstaltungen der fünf Tage waren so gedächtnisschwer wie der Anfang mit dem Ende Ostpreußens, doch selbst Hellmuth Karasek, der mit seiner schriftstellernden Tochter im selben Ton plauderte, in dem seine Bücher gehalten sind, lenkte die Besinnung der Zuhörer auf die naturgegebenen Unterschiede zwischen den Generationen. Auf ihnen beruht ja auch ein jetzt aufkeimendes Interesse junger Menschen am verschüttet geglaubten Tun, Erleben und Erleiden der Großeltern. Und wenn ein Hellmuth Karasek einen Ödön von Horváth mit dem Ausspruch zitiert, er sei eigentlich ein ganz anderer, komme nur so selten dazu, dann trifft er mehr als einen der neuralgischen Punkte, um die die Fragen dieser Jungen kreisen. Laura Karasek etwa beklagt flott die Drift der Young Urban Professionals, die aus lauter Scheu vor Verbindlichkeit und Erwachsenwerden ihre Vorsätze zu Konfetti machen. Kolja Mensing wiederum sehnt sich, im Bewusstsein der Vergeblichkeit, nach einer „glatten“ Geschichte, die es ihm ermöglichen würde, die „Legenden der Väter“ wie einen pittoresk-melancholischen Roman aufzuziehen – es gibt diese Glätte nicht. Sie kommen beide nicht dazu, ganz andere zu sein – aber sie wissen zu erzählen davon, wie schwer es ist, man selbst zu sein. Anna Kaleri und Kolja Mensing, etwa gleichaltrige Enkel kriegsversehrter Menschen, haben sich der „Familienarchäologie“ verschrieben und gewinnen den trüben Rechercheergebnissen klarste Texte ab.

Selbst in der deutschen Übersetzung von Olaf Kühl noch lässt es auch das Epos des polnischen Dichters Tomasz Rozicky nicht an Klarheit der Anschauung mangeln, zugleich entfaltete es eine schwindelerregender Dynamik der Phantasie. Das berückend groteske und zugleich sentimentale Panorama einer vertriebenen ostpolnischen Familie, die auf der nostalgischen Reise in die Herkunftsgebiete der Selbstauflösung anheimfällt, berührt nicht minder als die dem Realismus verpflichtete Epik einer Dönhoff oder eines Surminski, ebenso wie der große, gleichsam emeritierte „Philosoph am Klavier“ Alfred Brendel nicht seine unmittelbar eigene Biographie bemühen muss, um einem musikalisch „gestimmten“ Publikum die Peripetien einer bewegten Jahrhunderthälfte nahezubringen.

„Romanziert“ romanhafter noch und doch von ganz eigenem Reiz ist Daniela Dröschers Roman über das spektakulär einbildungsgesteuerte Leben von Pola Negri, der „größten Lügnerin Hollywoods“ und zugleich der letzten großen Diva des Stummfilms. Die selbstgestrickten Geheimnisse und Gespinste der Geliebten von Charlie Chaplin und Ralf Valentino geben ein ästhetisch ergiebiges Rätsel auf, eine Herausforderung für eine Schriftstellerin ist auch die Frage, was die vom Rassengesetz Bedrohte bewog, 1934 gegen den einsetzenden Strom der Flüchtlinge nach Deutschland zurückzukehren und sich der gleichgeschalteten Ufa an die Brust zu werfen. Kam auch sie nicht dazu, zu sein, wer sie war? Die Autorin hat zumindest versucht, ihr Leben so zu erfinden, wie sie es selbst gern erzählt hätte – ein eindrucksvoll gelungener Versuch.

Dass der Dramaturg der Literaturtage und Moderator Thomas Schulz diese Lesung ebenso wie jene von Tomasz Rozycki in ein „Szenelokal“ im polnischen Swinemünde/ Swinoujscie gelegt hatte, minderte zwar den Publikumszustrom, der in den Veranstaltungsorten – zumeist Hotels – der Usedomer Kaiserbäder bei klirrendem Frost herzerwärmend groß war, schaffte jedoch ebenso wie die Intermezzi des Jazzsaxofonisten Piotr Ciechowski die intime Atmosphäre, in der jede, jeder sich durch die Texte persönlich angesprochen fühlte.

So erging es auch den Zuhörern einer filmisch-musikalisch illustrierten Lesung des polnischen Lyrikers und Liedermachers Jacek Cygan mit seiner Übersetzerin Paulina Schulz, die beide sich in den Dienst des neunzigjährigen Leopold Koslowski- Kleinman und seiner Lebensgeschichte gestellt haben. Der „letzte Klezmer Galiziens“, einziger Überlebender einer Familie aus dem Schtetl, ist ein begnadeter Zeuge des traditionellen jüdischen Liedes, zugleich aber Schöpfer etwa des Soundtracks für den Spielberg-Film „Schindlers Liste“. Auch seine Geschichte hätte kein Dichter erfinden können, das Leben hat sie geschrieben, wie es gemeinhin heißt, und dabei dauernd die Manuskriptblätter zerrissen. Zum Glück gibt es Leopolds Gedächtnis und Erzählfreude sowie den Freund Jacek, der mehr als zuhören kann, und die Freundin Paulina, die beide Sprachen beherrscht, welche Leopolds Schicksal bestimmt haben. Und dann gibt es in der dritten Sprache Jiddisch die Musik, ohne die nach Friedrich Nietzsche das Leben ein Irrtum wäre.

Ein Irrtum ist die bösartige Geschichte des 20. Jahrhunderts mitnichten, aber ohne Literatur wäre sie vielleicht auch im Nachhinein noch schwerer zu ertragen. Wer ihr wie in den Usedomer Tagen nahekommt, lernt, dass dichterische Fragen, Zweifel, ja Verzweiflung und Trauer über das, was zu sagen ist, so weh sie tun mögen, auch heilsam wirken, lernt die Altvorderen von Surminski bis Karasek, aber auch die fast noch jugendlichen Frage- und Schriftsteller verstehen, ob sie nun wie Laura Karasek neben einem fordernden Brotberuf noch schreiben – es also von sich aus müssen, oder gar wie Kolja Mensing in Kauf nehmen, beim aufreibenden Gang auf den Grund der Dinge ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel setzen.

Georg Aescht (KK)

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