Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1301.

Literatur und Kunst

„Landnahme“ im Allgäu

Bei den Wangener Gesprächen kreist seit 60 Jahren das schlesische „Zauberwort“ des Joseph von Eichendorff

Vom 23. bis zum 26. September fanden in diesem Jahr in Wangen im Allgäu die 60. Wangener Gespräche statt. Der Höhepunkt der Tagung des Wangener Kreises – Gesellschaft für Literatur und Kunst Der Osten e. V. war, wie alljährlich, die Verleihung des Eichendorff-Literaturpreises. Der Preisträger in diesem Jahr ist der Schriftsteller Christoph Hein.

Christoph Hein wurde 1944 in Heinzendorf bei Münsterberg geboren. Durch die Vertreibung aus Schlesien kam seine Familie nach Bad Düben in Sachsen. Als freier Schriftsteller wurde Hein ein wichtiger Regimekritiker in der DDR. Von 1998 bis 2000 war Christoph Hein erster Präsident des gesamtdeutschen PEN-Clubs.

Die Laudatio hielt in der bis auf den letzten Platz gefüllten Wangener Stadthalle der Münchener Kabarettist, Schauspieler und Buchautor Dieter Hildebrandt, den eine langjährige Freundschaft mit Christoph Hein verbindet. Der Preisträger bedankte sich mit einer Lesung aus seinem Roman „Landnahme“ (Suhrkamp Verlag).

Eröffnet wurde die 60. Tagung durch Monika Taubitz, die Vorsitzende des Wangener Kreises, mit der Ausstellung der Werke von Wolfgang von Websky sowie der Fotoausstellung seiner Frau Wita von Websky. Dr. Michael von Websky (Hennef) hielt hierzu einen Vortrag zu Wolfgang und Wita von Websky – Gedanken über Malerei und Fotografie. Wie bereits die von-Websky-Ausstellung in Haus Schlesien Königswinter-Heisterbacherrott im Frühjahr vergangenen Jahres und die darauffolgende Präsentation der Werke im Stadtmuseum im Schloß zu Breslau erfreute sich die Ausstellung in Wangen eines großen Besucherandranges.

Beim traditionellen Empfang des Bürgermeisters im Wangener Rathaus erinnerte die Vorsitzende Monika Taubitz an den kürzlich verstorbenen Prof. Dr. Eberhard Günter Schulz. Sie berichtete über ihre letzte Begegnung mit Prof. Schulz im Juli 2010 und die Überreichung des Siling-Ringes an ihn. Der ehemalige Vorsitzende der Stiftung  Kulturwerk Schlesien erhielt diese Auszeichnung für seine großen Verdienste um schlesische Kultur und die Belange des Wangener Kreises.

Monika Taubitz gab in ihrem Vortrag einen Rückblick über sechs Jahrzehnte erfolgreicher Arbeit der Gesellschaft. Der Wangener Kreis hatte sich zur Aufgabe gemacht, die schlesische Kultur und Geschichte zu bewahren und zu fördern und für die Verständigung und Versöhnung mit den slawischen Nachbarn und dem jüdischen Volk einzutreten. Anne Wachter (Meersburg) gab einen Einblick in das Archiv des Wangener Kreises in Wangen. Zu Beginn der Lesungen stand „Die Stunde eines unbekannten Dichters“ auf dem Programm. Monika Taubitz und Anne Wachter lasen spannende Passagen aus einem unveröffentlichten Roman von Oswald Menzel.

Barbara von Wulffen (Stockdorf bei München), die Eichendorff-Preisträgerin von 1999, las aus ihrem noch unveröffentlichten Manuskript. Weitere Lesungen hielten Harald Gröhler (Berlin) und Reinhard Gröper (Stuttgart).

In ihren Referaten sprachen Maximilian Eiden (Görlitz) über Zeugnisse schlesischer Juden sowie Magdalena Maruck (Wroclaw/Breslau) über den Expressionisten Kurt Heynicke. Im Rahmen der Lesungen des Arbeitskreises für schlesische Mundart erinnerte Wolfgang Thaler (Morshausen) an Karl von Holtei. Dietmar Scholz, der Eichendorff-Preisträger von 1985, sprach über Heimat und Heimatverlust im Spiegel der Literatur. Prof. Norbert Heisig (Hamburg) berichtete über die Entstehungsgeschichte und die Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Universität Wroclaw/Breslau, deren Initiator er ist.

Insgesamt gesehen eine umfangreiche und sehr gelungene Tagung, wie viele der zahlreichen Teilnehmer bestätigten; die Regionalpresse berichtete ausführlich.

Im Anschluß an die Wangener Gespräche machte sich eine Gruppe von Mitgliedern des Wangener Kreises nach Niederschlesien auf. Die Leitung der einwöchigen Exkursion übernahm Norbert Leder, die Organisation Brigitte Ritter. Zu den vielen Stationen der Schlesienfahrt zählten u. a.: Park und Schloß in Bad Muskau, Sagan, das Keramikmuseum in Bunzlau, Hirschberg, die Friedenskirchen in Jauer und Schweidnitz, Kloster und Pfarrkirche in Leubus, Liegnitz, Kloster Grüssau, Schloß und Berghaus in Kreisau, Bad Salzbrunn (Gebrüder Hauptmann), Agnethendorf, Mittelschreiberhau, Kirche Wang, Schoß Lomnitz (wo gerade das Erntedankfest gefeiert wurde), das Wittig-Haus in Neusorge, Minoriten- und Pfarrkirche in Glatz. Vor den Ruinen des Gutshofs von Mutius in Gellenau bei Bad Kudowa gedachten die Mitglieder des Wangener Kreises der 2008 verstorbenen Dichterin Dagmar von Mutius, der langjährigen Vorsitzenden des Wangener Kreises und Eichendorff- Preisträgerin von 1963.

Johannes Rasim (KK)

 

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