Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1302.

Literatur und Kunst

„Wir redeten uns um Kopf und Kragen“

Das Nachleben der Aktionsgruppe Banat in Berlin

Literatur liegt nah am Wahnsinn, sagt man manchmal, und Literatur liegt nah am Leid. Das ging einem durch den Kopf, wenn man sich an diesem kühlen Novembertag im Berliner Literaturhaus in die Ausstellung „Der kalte Schmuck des Lebens“ zu Herta Müller (nächster Termin 23. Januar 2011 bis 1. Mai 2011 Buddenbrookhaus, Lübeck) verirrte und sich in diesem Rahmen die Veranstaltung über die Aktionsgruppe Banat anhörte.

Der Wahnsinn des Ceausescu-Regimes und das Leid infolge von Verrat, Verfolgung und Verhaftung lagen hier nahe beieinander. In der Ausstellung, so treffend mit der Gedichtzeile von Herta Müller betitelt, hingen denn auch an einem Drahtseil unzählige Dokumente einer leidvollen Erfahrung mit der Securitate aus der Akte „Cristina“, wie die Nobelpreisträgerin von den Schergen konspirativ genannt wurde. Und auch hier kam man nicht vorbei an den aufwühlenden Nachrichten über die IM-Tätigkeit Oskar Pastiors, des Dichterfreundes von Herta Müller, ohne dessen Erzählungen und Aufzeichnungen über die Deportation ihr Roman „Die Atemschaukel“ nicht denkbar gewesen wäre.

Allerdings hat die Sammelwut des Geheimdienstes auch einen nachträglichen archivarischen Nutzen, denn nur so hat sich wohl ein Brief erhalten, in dem der Schriftstellerin gesagt wurde, ihre Bücher sollte man verbrennen und sie selbst ins Gefängnis werfen. Auch die landsmannschaftliche Presse der Schwaben in Deutschland, „Der Donau schwabe“, scherte sich nicht um literarische Qualität, sondern nahm Anstoß am Wirklichkeitsgehalt. 1984 titelte er: „Eine Apotheose des Häßlichen und Abstoßenden“ – es ging um Herta Müllers Debütband „Niederungen“, für den sie schließlich den „Akzente“- Literaturpreis und damit das Eintrittsbillet in die deutsche Literatur erhielt.

Die Securitate saß unten im Kaminraum des Berliner Literaturhauses bei der gut besuchten Veranstaltung über die Aktionsgruppe Banat unsichtbar mit auf dem Podium. Man kann im nachhinein nur staunen und erschauern über diese „Überhöhung“ der Literatur seitens des Regimes in jener Zeit, über diese aus heutiger Sicht sogar humorvollen, doch damals so „gefährlichen“ und gefährlichen Texte, die eine Staatsmacht verunsicherten und die für die Autoren Verfolgung und Gefängnis bedeuteten.

Und da gab es sogar noch eine andere Angst, über die man jetzt lächeln mag: Herta Müller wollte sich in einer Tonaufnahme, die eingespielt wurde, zwar nicht mehr zur Aktionsgruppe äußern, gestand aber dennoch, daß sie sich vor ihren Mitgliedern gefürchtet habe. Sie sei von ihnen gehänselt worden. „Denen war man nicht gewachsen.“

Anton Sterbling, eines der neun Gründungsmitglieder der Gruppe, die 1972 ins Leben gerufen und schon drei Jahre später vom rumänischen Sicherheitsdienst zerschlagen wurde, stellte den Kreis an diesem Abend vor. „Uns ging es um Freiheit, Emanzipation aus der Entmündigung, Autonomie, Selbstverwirklichung.“ Spielerisch provoziert hatte die Gruppe zunächst als Schülervereinigung am Lyzeum in Großsanktnikolaus, später wurden die Provokationen bewußt politisch, und die Verfolgung seitens der Staatsmacht war die logische Konsequenz. Das Programm der Gruppe war nicht rein politisch, zielte nicht auf politische Handlung, aber dennoch auf eine Veränderung des sozialen Bewußtseins durch literarische Mittel, so der Vortragende. Kein blinder politischer Aktionismus war das Ziel, das Anliegen war vielmehr ein ästhetisches. Durch Ausprobieren neuer literarischer Ausdrucksformen und Schreibweisen sollte der Wirklichkeit geistig anders begegnet werden. Literatur sollte zum Nachdenken zwingen, so Sterbling. Das war in der Tat gefährlich, denn Nachdenken war im Ceausescu-Regime nicht erwünscht.

Und so ging man denn auch in dieser Runde zum Eigentlichen über, indem Richard Wagner die Zuhörer einlud zu beurteilen, „was wir so geleistet haben am Text“. Es wurde in drei Runden gelesen, Texte aus der Zeit der Aktionsgruppe, solche aus der Zeit, als die Gruppe sich bereits aufgelöst hatte, aber ihre Mitglieder im Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreis (AMG) eine neue Heimat fanden, und schließlich Heutiges.

Gerhard Ortinau, der „Prosastar“ jener Zeit, gab eine unterkühlte und immer noch bewegende Geschichte zum besten, Richard Wagner, der „Chef“ der Gruppe, las ein Gedicht des verstorbenen Rolf Bossert und eigene augenzwinkernde Vierzeiler, Johann Lippet, der Mann, der für die Dorfangelegenheiten zuständig war, trug drei Gedichte vor, die mit dem Personalausweis, seinen Vorhaben und der Selbstfindung, nicht aber mit dem Dorf zu tun hatten, und William Totok – da funkte wieder die Securitate dazwischen – las einen Text, der von dieser als irredentistisch eingestuft worden war, später aber trotzdem in seinem Debütband erscheinen konnte. Wahnsinn, Methode? Wohl beides.

Im AMG-Kreis führte die Gruppe ihre Treffen in loser Form fort, und auch dort zeigte sich, welche Konsequenz das geschriebene Wort haben konnte. Diesmal handelte es sich um Johann Lippets „Totengräber“, dem mit der Losung zur Arbeitsproduktivität nicht beizukommen war. Aufgrund dieser Erzählung wurde bei der Securitate gegen den Autor ein operativer Vorgang eingeleitet. Und auch Wagner erwähnte neben IM Walter, den er mit Werner Söllner gleichsetzte, auch IM Vlad, der ihn als Dichter mit Verantwortungsbewußtsein und kritischem Geist eingeschätzt habe.

Aus heutiger Produktion las Gerhard Ortinau eine „unverfängliche“ und leider noch unveröffentlichte Beziehungsgeschichte, Richard Wagner hingegen trug, wie er sarkastisch formulierte, eine Hommage an die Informantin Eva vor. „Wir redeten uns um Kopf und Kragen“, schreibt er darin, „was ging das Eva an“.

Die Diskussion über die Akten und die Securitate ging noch weiter, aber es entstand nicht unbedingt der Eindruck, daß die Männer auf dem am Podium verbittert seien. Sie sind von einem aufklärerischen Impetus getrieben, der die Dinge benennen und somit klären will. Und wenn die Nobelpreisträgerin und die ausgesprochen anschauliche und empfehlenswerte Ausstellung über sie als Anlaß dafür genommen wird, ist das ein guter Grund.

Edith Ottschofski (KK)
 

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