Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1341.

Literatur und Kunst

Elina Penner

Ein Dutzend Gründe

Ein-Dutzend-GründeEunt
„Eins ist und bleibt scheißegal, wie oft ich es unserem Nachbarn auch erklären werde: Für den werde ich immer der Russe bleiben.“ Meine Eltern haben aufgegeben. Mein Bruder hat es nie versucht. Er fühlt sich wohl in seiner Rolle als Teilzeit-Russe. Es ist ja auch lustig, man spielt mit Schimpfwörtern und Wodka und Klischees und hat einen Platz gefunden.

Wie erklärt man Deutschen, dass man eine Großmutter hat, die in Russland geboren ist, dort ihr ganzes Leben gelebt hat und wütend wurde, wenn man sie Babula genannt hat. Ich kann mich nicht daran erinnern. Meine Eltern haben es mir erzählt – wir waren zum ersten Mal wieder in Russland, und ich war daran gewohnt, dass die anderen Kinder im Asylantenheim zu ihren Omas Babula gesagt haben. Meine Eltern haben nie verstanden, warum sie mit mir russisch sprechen sollten. Warum auch? Es ist nicht die Sprache unserer Familie, unserer Vorfahren. Russisch kannten sie nur aus der Schule, vom Militär oder von den Männern, die ihre Großväter erschossen hatten.

Tweu.
„Tweuback! Kai, wässt dü uck n Tweuback? Eli, weut deu ohl wot dot äs?“
Mein deutscher Freund weiß auch, was Suschki sind. Und Prjaniki. Und immer will er Pelmeni essen. Einmal, nach dem dritten oder vierten Wodka, hat er groß herausposaunt, er wolle jetzt Russisch lernen. Plautdietsch wäre ihnen wichtiger, erklärten ihm meine Großeltern.

Dreu.
Drei Sprachen haben mich erzogen. Plautdietsch, Russisch, Hochdeutsch. Plautdietsch ist „die Sprache der Nachfahren niederdeutschsprachiger Auswanderer, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Westpreußen in Richtung Südrussland/Ukraine verließen“. Eine weiche und verspielte Sprache, die für mich mein Zuhause darstellt, meine Feiertage, meine Sonntage und meine Anrufe nach Hause. Wenn ich sie nicht gelernt hätte, wenn ich in einer Großstadt in Kasachstan oder Sibirien gelebt hätte, wäre es wahrscheinlich Russisch geworden.
Veuer.

Vier Namen haben sie immer alle. Hans – Ivan – Wanja – Johann. Tina – Ekaterina – Katja – Katharina. Den plautdietschen Rufnamen. Den russischen Namen für die Geburtsurkunde. Den russischen Kosenamen. Den deutschen Namen, den man nach der Ankunft in der Bundesrepublik Deutschland bekommen hat. Ein deutsches Pendant. Das Äquivalent. Das Gleiche, nur in anders. Um die Integration zu erleichtern.

Jede Welt ein Name.

Fiev.
Fünf Jahre alt und schon auf zwei Kontinenten gelebt. 1991 war ich keine Sowjetbürgerin mehr, aber meine nachmalige Heimat wird mich stets daran erinnern, dass ich nicht in Deutschland geboren bin. Mit fünf Jahren bestand meine Welt aus Nu Pagadi und meinem deutschen Märchenbuch. Transnationalität einer Fünfjährigen.

Ein-Dutzend-Gründe2Sahs.
Sechs! Die schlechteste Note im deutschen Schulsystem. Im sowjetischen war das die Eins. Ich hatte Russisch verlernt, und irgendwann hat es mich gepackt, wie ein Wahn, alles wissen zu wollen. Wer ich bin, wo ich herkomme, was ich sprechen sollte. Ich begann einen Russisch-Kurs an der Uni und scheiterte. Ich konnte sie nicht zähmen, diese unbändige, komplizierte Sprache. Aber sie muss doch irgendwo in meinem Kopf drin sein! Es gibt doch Videos von mir als Kleinkind, wo ich zwischen Plautdietsch und Russisch spielerisch hin- und herwechsle.

Als ich meiner Großmutter vor ein paar Jahren meine ersten russischen Brocken vorsprach, lachte sie lauthals: „Sie hat ja einen deutschen Akzent!“ Meine Mutter lachte auch: „Na woht dann? As je uck ne Dietsche!“

Sewen.
Sieben Jahre werde ich studiert haben, wenn ich fertig bin. Ich werde zwei Universitätsabschlüsse haben. Ich bin die Erste. Deutsche Volkszugehörigkeit verwehrte in der Sowjetunion den Zugang zu den meisten Universitäten, Berufen und Karrieren. Nach Deutschland zu ziehen bedeutete eine Zukunft für mich und meinen Bruder. Eine, die wir in der Sowjetunion niemals gehabt hätten.

Ich besitze ein deutsches Abitur, ich habe in Deutschland studiert, ich habe im Ausland Deutsch gelehrt. Ich werde Wörter wie Dorf und Wurst und Mirko niemals richtig aussprechen können. Bei mir hört sich das dann an wie Doarf und Wuarst und Miako, weil ich aus Ostwestfalen komme. Aber nicht gebürtig. Dieses eine Wort, das den Hiesigen so wichtig ist.

Ahcht.
Acht Tage dauert Chanukka. In den USA habe ich einmal mitfeiern dürfen. Sie wollten, dass ich ihnen meine deutsche, christliche Weihnachtstradition näherbringe. Ich sagte, dass den Deutschen an Heiligabend das Christkind die Geschenke bringt. Mein Bruder und ich wurden aber immer am Weihnachtsmorgen beschert – wie in den USA. Ob das ein russischer Brauch sei? Nein, die Russen feiern das Neujahrsfest und am 6. Januar noch irgendetwas. Genau wusste ich das nicht; wir hatten es nie gefeiert.

Nehn.
Neun Leben, drei Kontinente, 14 Umzüge, zwei Auffanglager, fünf Sprachen, tausend Freunde, eine Familie – aber wie viele Heimaten?

Ich war zu jung, ich bin die mitgenommene Generation. Ich kenne doch nur mein kleines Dorf in Ostwestfalen und die Flughäfen dieser Welt. Gesucht habe ich sie, in jedem Winkel dieser Erde, diese „Heimat“.

Tiehn.
Zehn Jahre lang habe ich jetzt ein transatlantisches Leben gelebt. Zwischen Deutschland und den USA. Ich blieb immer misstrauisch, weil ich so erzogen wurde. Ich versuchte die Amerikaner als Volk und als Menschen zu verstehen.
Ich versuche auch die Deutschen zu verstehen. Meistens versuche ich zu verstehen, warum sie mich nicht deutsch sein lassen.

Ich werde immer aus der ehemaligen Sowjetunion kommen. Ich werde immer Aussiedlerin sein. Und das ist auch richtig so. Aber ich kann deswegen trotzdem Deutsche in Deutschland sein. Überall sonst bin ich es ja auch.

Alf.
Elf Freunde sollt ihr sein! Vielleicht hat Andreas Beck deshalb zum Fußball gefunden. Als ich ihn diesen Sommer interviewt habe, sind wir ziemlich schnell auf das Thema russlanddeutsche Identität gekommen. Wir haben das Gleiche durchgemacht.

Ich kann nicht so tun als ob. Ich kann auch nur meine eigene Geschichte erzählen, keine andere. Doch oft habe ich das Gefühl, dass die Geschichte der Plautdietschen, der Baptisten, der Mennoniten, derjenigen, die ihren Glauben, ihre Kultur, und ihre Sprache unter dem Regime der Sowjets mit ihrem Leben verteidigt haben, kein Gehör findet in dieser von Migrationshintergründen besessenen Gesellschaft.

Ich werde immer aus der ehemaligen Sowjetunion kommen. Ich werde immer Aussiedlerin sein. Und das ist auch richtig so. Aber ich kann deswegen trotzdem Deutsche in Deutschland sein. Überall sonst bin ich es ja auch.

Twalf.
Zwölf Dörfer gab es. Da, wo ich geboren bin. Sie hatten keine Namen, sie waren numeriert. Die Zahlen standen für unmissverständliche Eigenschaften, für die korrekte Aussprache von mocken vs. mecken  und eine unglaubliche Freiheit. Eine Weite und eine Ungebundenheit. Aber auch eine Unsicherheit und eine Ziellosigkeit. Viele Mennoniten sind nach Südamerika und Kanada gezogen: Sie wollten diese endlose Unabhängigkeit zurück. Für ihren Glauben, aber auch für ihre Identität. Sie wollten wieder Deutsche sein. Und das konnten sie nur außerhalb von Deutschland.

Ich trage mit mir und in mir die Sprache meiner Vorfahren. Ich habe nichts anderes vorzuweisen. Dokumente kann man fälschen. Namen kann man sich erheiraten.
Meine Sprache, die ersten Worte die ich in meinem Leben gehört und gesprochen habe, in ihnen finde ich meine Heimat.

(KK)

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