Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1303.

Literatur und Kunst

Der Geschichtsbildner

Zum Tod von Heinrich Pleticha

Als Heinrich Pleticha im September 1924 in dem kleinen Industriestädtchen Warnsdorf zur Welt kam, war die österreichisch-ungarische Monarchie erst seit wenigen Jahren Geschichte, durch die Diktate von Saint-Germain zerschlagen. Das Denkmal Kaiser Josephs II. stand nunmehr auf tschechischem Boden, die 20000 deutschen Einwohner wußten nicht wohin. Zwanzig Jahre später hatten sie keine Wahl: Sachsen war nahe, der Student Pleticha wurde zum Vertriebenen, aber das alte Mitteleuropa blieb in ihm lebendig. Als Pleticha am Matthias-Grünewald-Gymnasium zu Würzburg zu lehren und zugleich auch zu schreiben begann, war die junge Bundesrepublik ohne taugliches Geschichtsbild. Die NS-Ideologie von der Höherwertigkeit des deutschen Menschen, von der Inferiorität insbesondere der slawischen Völker war ja nicht vom Himmel gefallen, sondern hatte schon lange vor Hitler Schulbücher, bürgerliche Weltsicht und Pädagogik beherrscht. Deutschland hätte damals Dutzende Pletichas gebraucht, Leute mit seinem Geschick der überzeugenden, zugänglichen Aufbereitung der Faktenfülle. Für den einen, der zudem dreieinhalb Jahrzehnte lang an seinem Lehramt festhielt, war die Schaffung einer neuen Verständnisgrundlage eine ungeheure Aufgabe.

Es war eine glückliche, dem Verleger und seinem Autor gleichermaßen gutzuschreibende Idee, in populär aufgemachten Großbänden mit leicht faßlichen Einzelbeiträgen den ungeheuren Stoff über alle Berührungsängste hinweg zu vermitteln. Die Großbände des Arena-Jugendbuchverlags in Würzburg wurden zur Legende und sind, modernisiert, zum Teil heute noch im Handel. Als ohne Polemik, friedlich überzeugend ein neues Geschichtsbild ohne Preußentum und Weltbeglückungsideen gewonnen war, öffnete Pleticha seinen Lesern die nun friedliche Welt bis hin zu fernsten Kontinenten. Ein zweibändiges Lexikon der Seefahrer und Entdecker war das erste Objekt, das sich mit Pletichas vielseitiger organisatorischer Tätigkeit in Schule, Verlagen und Gremien nicht mehr ganz vereinbaren ließ: Die Afrika-Artikel profitierten noch von seinen bedeutenden Spezialkenntnisse über diesen Erdteil; bei Asien mußte er beim Buchstaben B das Handtuch werfen und den Rest mir überlassen.

Damit darf ich nun von vierzig Jahren gemeinsamer Arbeit sprechen, an den Großbänden, Nachschlagewerken, Atlanten. Obwohl es große Projekte waren und bedeutende Summen flossen, hatte ich in all diesen Jahren nicht die geringste Differenz mit Dr. Heinrich Pleticha, weder sachlich noch finanziell noch in den Auffassungen. Auch bei schwierigen Fragen erwies er sich als ein großzügiger, toleranter Partner, der den Kleinkram haßte, der allerdings auf durchaus natürliche Weise im Vordergrund stand. Da man aus seinen Erfolgen und seiner Omnipräsenz auf erhebliche Einkünfte schloß, fehlte es nicht an Neidern, und in so manchen Gremien saß er noch neben Historikern wilhelminischer Prägung, die zum Beispiel den Slawen die Fähigkeit absprachen, Städte zu gründen (als hätte es das slawische Lübeck und Vineta nie gegeben!).

Der seit Jahren kränkelnde Pleticha verdankte sein respektables Alter von 86 Jahren seinem wohltrainierten, ja enzyklopädischen Gehirn, das körperliche Mißhelligkeiten mit der Ungeduld des unbändigen Arbeiters niederkämpfte. Ein reiches, vielseitiges und vor allem äußerst nützliches Lebenswerk darf uns nicht den Blick für den Menschen Heinrich Pleticha verstellen, einen Charakter von anachronistischer Lauterkeit bei allen Geschäften, bei allen nicht immer übersichtlichen Vernetzungen. Es wird keinen zweiten seiner Art geben.

Hermann Schreiber (KK)

«

»