Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1350.

Literatur und Kunst

Von Brünn über Wien nach Hollywood

Für Erich Wolfgang Korngold war es keine Karriere, sondern Flucht

Von-Bruenn-ueberAls „Verehrt – Verfemt – Vergessen“ wurde in einer Veranstaltungsreihe im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg in Stuttgart der Komponist Erich Wolfgang Korngold vorgestellt, der im Jahr 1897 in Brünn, der Partnerstadt Stuttgarts, geboren wurde. Erarbeitet und gestaltet wurde dieses „Gesprächskonzert“, das von dem Sudetendeutschen Musikinstitut in Regensburg und dem Stuttgarter Haus der Heimat vor einem Jahr in Auftrag gegeben worden war, von der Sopranistin Iris Marie Kotzian. Zusammen mit dem Pianisten Christoph Weber als musikalischem Begleiter und dem Schauspieler Philipp Moschitz als Erzähler ließ sie Persönlichkeit und Werk des wegen seiner jüdischen Herkunft doppelt bedrängten Künstlers in den turbulenten 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts lebendig werden.

Kotzians kräftiger, klangschöner, für Opernbühnen ausgebildeter Sopran hätte zwar einen größeren Raum als den Vortragssaal im Haus der Heimat verdient. Dafür kam ihr komödiantisches Talent durch die räumliche Nähe zu den zahlreichen Besuchern umso besser zur Geltung. Ihre Pantomime im Kostüm eines Pierrots mit Spitzentanzschuhen, die sie an den Schnürsenkeln aus und auf dem Requisitenkoffer trippeln ließ, erinnerte an Charlie Chaplin. Und zur Begeisterung des Publikums zog sie sich die Ballerinas dann tatsächlich an, um zu Korngolds Ballett-Suite „Der Schneemann“ – meisterhaft interpretiert von Christoph Weber – ein paar Pirouetten und Sprünge zu improvisieren.

Iris Marie Kotzian, deren Eltern aus dem Riesengebirge bzw. aus dem Egerland stammen und die Trägerin des Förderpreises der Sudetendeutschen Landsmannschaft für darstellende und ausübende Kunst des Jahres 2004 ist, wurde in Augsburg geboren und studierte Gesang an der Hochschule für Musik in Würzburg. Sie ergänzte ihre Ausbildung durch Meisterkurse, erhielt Preise bei zahlreichen Wettbewerben und war an verschiedenen Opernbühnen mit berühmten Partien engagiert. Seit dem Jahr 2008 ist sie Lehrbeauftragte für Gesang an der Universität Augsburg, übernimmt als Gast Engagements an verschiedenen Opernhäusern und tritt mit eigenen Produktionen auf.
Leben und Werk Erich Wolfgang Korngolds vorzustellen, bezeichnete Kotzian als eine besondere Herausforderung, vor allem wegen seines vielfältigen und umfangreichen Schaffens. Der aus einer gutbürgerlichen jüdischen Brünner Familie stammende Sohn des Musikkritikers Julius Korngold galt in Wien, wohin er im Jahr 1901 mit seiner Familie übersiedelt war, als „letztes Wunderkind“.

Als er elf Jahre alt war, erregte er mit der Komposition für pantomimisches Ballett „Der Schneemann“ großes Aufsehen. Die Klavierfassung wurde von dem renommierten Komponisten Alexander von Zemlinsky orchestriert und 1910 an der Wiener Hofoper uraufgeführt. Schon als Kind von der Wiener Aristokratie hofiert, schrieb Korngold schnell weitere Klavierstücke, Kammermusik-Kompositionen, Lieder, Schauspiel-Ouvertüren sowie die Opern „Der Ring des Polykrates“ (1916), „Das Wunder der Heliane“ (1927), „Die Kathrin“ (1929), die zu seiner Zeit großen Erfolg hatten und ihn – neben Richard Strauss – zum meistgespielten Opernkomponisten Österreichs und Deutschlands machten. Auch seine anderen Orchesterwerke wurden von den prominentesten Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit wie Bruno Walter, Artur Schnabel, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Felix Weingarten und Richard Strauss aufgeführt.

Sein erstes großes Bühnenwerk „Die tote Stadt“ (1920) wurde seine erfolgreichste Oper und erlebte ihre Uraufführung gleichzeitig in Hamburg und in Köln. Ende der 20er Jahre geriet sie jedoch in Vergessenheit; erst in den 90er Jahren erlebte sie eine Renaissance und wird heute auf vielen Opernbühnen der Welt und den unterschiedlichsten Medien angeboten.

Mit je einer Arie aus diesem impressionistischen Musiktheaterwerk, das eine Begegnung und Vermischung von Traum und Wirklichkeit zum Inhalt hat, eröffnete und beendete Iris Marie Kotzian ihre Präsentation. „Mein Sehnen, mein Wähnen“, das Lied des Pierrots, tauchte anfangs wie aus weiter Ferne auf; mit dem Lied der Tagtraum-Geliebten Marietta, „Glück, das mir verblieb“, endete der Abend. Dies sind die Worte, die Korngolds Frau Luzi auf seinem Grabstein in Hollywood anbringen ließ.

Zwischen diesen beiden Stücken aus Korngolds erfolgreichstem Werk ließen Iris Marie Kotzian und ihre Begleiter die musikalische Persönlichkeit anhand der unterschiedlichsten Kostproben und mit verschiedenen Stilmitteln lebendig werden. In Wien hatte Korngold neben den Instrumentalstücken auch zahlreiche Lieder verfasst, die von der „Gansleber im Hause Duschnitz“ und den Gesängen eines Clowns bis zu „Abendlandschaft“ und „Das Mädchen“ nach Gedichten von Joseph von Eichendorff reichten und dem sängerischen und darstellerischen Talent der Sopranistin breiten Raum zur Entfaltung ließen. Philipp Moschitz bereicherte die Vorstellung der Lebensdaten Korngolds mit mancher Anekdote.

Ein origineller Höhepunkt des Abends war die Vorführung von Filmausschnitten aus Hollywood-Produktionen der 30er Jahre, zu denen Erich Wolfgang Korngold die Musik geliefert hatte. Im Jahr 1934 hatte der weltberühmte Berliner Regisseur Max Reinhardt, der mit Korngold bereits bei der Bearbeitung von Operetten zusammengewirkt hatte, ihn zur musikalischen Untermalung seines Films „A Summernight’s Dream“ („Ein Sommernachtstraum“ nach William Shakespeare) nach Hollywood eingeladen.

Korngold erweiterte und ergänzte die Schauspielmusik von Felix Mendelssohn-Bartholdy und passte sie Reinhardts Dramaturgie an. Er setzte völlig neue Maßstäbe in der noch jungen Geschichte der Filmmusik, indem er das Orchester auf Sinfoniestärke vergrößerte und die Schauspieler dazu anhielt, ihre Sprache dem Rhythmus der Musik anzupassen. Korngolds Filmmusik wurde prägend für die gesamte Branche. Von 1934 bis 1946 verfasste er die Musik zu 19 Filmen, von denen mehrere für den Oscar nominiert und zwei damit ausgezeichnet wurden. Die Vorführung von Ausschnitten aus den Filmen „The Adventures of Robin Hood“ (deutscher Titel: „Robin Hood, König der Vagabunden“, 1938) und „The Private Lives of Elisabeth and Essex“ (deutscher Titel: „Günstling einer Königin“, 1939), zu denen Iris Marie Kotzian live den originalen Gesang und der Pianist Christoph Weber die Begleitung lieferten, gaben einen faszinierenden und amüsanten Eindruck von den damaligen Filmerlebnissen.

Das Ende war schließlich – vor allem durch die großartige Darbietung von Philipp Moschitz – schnell erzählt. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 konnte Erich Wolfgang Korngold nicht mehr nach Wien zurückkehren. Es gelang ihm aber, seine Familie und die vielen Notenmanuskripte in die USA zu retten. Im Jahr 1946 beendete er die Arbeit an Filmmusiken und wandte sich wieder der klassischen Orchestermusik zu. Aber sein Spätwerk wurde von den Kritikern und dem Publikum sowohl in den USA als auch in Europa, wohin er von 1949 bis 1951 sowie 1954/55 wieder zurückkehrte, negativ bewertet oder gar nicht beachtet. Seine Musik geriet in Vergessenheit und wurde erst nach einer Neuauflage seiner Werke in den USA im Jahr 1972 wieder gespielt. Erich Wolfgang Korngold starb im Jahr 1957 in Hollywood, wo er auch begraben ist.

Die äußerst dichte Präsentation dieses einst verehrten, dann verfemten und schließlich vergessenen Komponisten durch die höchst engagierte Sopranistin Iris Marie Kotzian mit ihren Begleitern Christoph Weber und Philipp Moschitz hatte das altersmäßig breit gefächerte Publikum voll in ihren Bann gezogen. Langanhaltender kräftiger Beifall war der verdiente Lohn für die in jeder Hinsicht bemerkenswerte Aufführung.

Ute Flögel (KK)

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